Nach wie vor leben in Indien Millionen Menschen ohne Strom. Neue HGÜ-Fernleitungen sind hier wichtig: Sie transportieren Strom sehr effizient und stabilisieren das Netz.
Elektrizität für Indiens Landbevölkerung: In der Umrichteranlage Mohindergarh kommt Strom aus dem 1000 Kilometer entfernten Mundra an.
Nachts herrscht meist Finsternis in ländlichen Gegenden Indiens, denn viele Dörfer sind nicht ans Stromnetz angeschlossen. Frauen können das Abendessen nur im trüben Schein von Kerosinlampen kochen, Kinder kaum ihre Hausaufgaben erledigen.
Dabei ist der Strombedarf Indiens in den letzten Jahren enorm gestiegen, und er wird weiter wachsen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) entfallen 60 Prozent der Zunahme des Energieverbrauchs bis 2035 auf Indien, China und den Nahen Osten. Doch nach wie vor leben über 600 Millionen Inder ohne regelmäßigen Zugang zu Strom. Es wird nicht nur zu wenig Energie produziert – auch bei der Übertragung und Verteilung gehen bis zu 60 Prozent verloren. Und das Netz ist anfällig: Bis zu zehn Stromausfälle pro Tag sind in den heißen Sommermonaten keine Seltenheit.
Ein Teil der Lösung könnte in Mohindergarh liegen, einer entlegenen Kleinstadt nahe Neu Delhi. Hier steht eine HGÜ-Wechselrichter-Anlage. Sie wandelt den Gleichstrom, der aus dem 1000 Kilometer entfernten Mundra kommt, in Wechselstrom um und speist ihn ins örtliche Netz. Die beiden Regionen an den Enden der HGÜ-Strecke könnten kaum unterschiedlicher sein: Mohindergarh ist der am wenigsten entwickelte Bezirk im nordindischen Staat Haryana. Seine Einwohner, vor allem Bauern, leben an der Armutsgrenze. Mundra dagegen ist eine vergleichsweise wohlhabende Hafenstadt im westlichen Bundesstaat Gujarat. In den 90er-Jahren wurde die Stadt zu einem Produktions- und Güterumschlagplatz für verpacktes Salz. Heute ist Mundra Indiens größter privater Hafen und beheimatet zwei leistungsstarke Kraftwerke. Eines davon ist das größte im ganzen Land: ein Kohlekraftwerk mit 4.620 Megawatt (MW) Leistung.
Adani Power Ltd. ist eines der größten Privatunternehmen Indiens für Stromerzeugung und der größte Kohleimporteur des Landes. 2009 beauftragte der Kraftwerksbetreiber Siemens mit der Errichtung des längsten privaten HGÜ-Systems Indiens. Mit dieser Technik ist es möglich, Strom über viele hundert Kilometer und mit minimalen Verlusten zu transportieren. Das neue HGÜ-System kann bis zu 2.500 MW bei einer Gleichspannung von 500 Kilovolt (kV) übertragen. Das reicht aus, um über eine Million indische Haushalte mit Strom zu versorgen.
Die Bauarbeiten liefen teils unter schwierigsten Bedingungen: Temperaturen bis zu 45 Grad, stark salzhaltige Winde und das Problem, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Dennoch gelang es Siemens und Adani, binnen der vereinbarten zwei Jahre das System fertig zu stellen: die fast 1000 Kilometer lange Leitung sowie die beiden schlüsselfertigen Gleichrichter- und Wechselrichterstationen in Mundra und Mohindergarh.
Diese HGÜ könnte das indische Stromnetz revolutionieren. Da die Regierung erst vor wenigen Jahren die Stromübertragung für den privaten Energiesektor freigegeben hat, ist das Land auf eine aktive Beteiligung der Privatwirtschaft angewiesen. Die HGÜ zwischen Mundra und Mohindergarh ist ein Effizienzmeister. Mit herkömmlichen Drehstromübertragungssystemen wären die Übertragungsverluste zwei- bis dreimal höher. So werden der Atmosphäre pro Jahr rund 700.000 Tonnen CO2 erspart. Im Oktober 2011 wurde die HGÜ-Anlage als weltweit erste ihrer Art im Rahmen des Klimaschutzinstruments der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) als grüne Technologie zertifiziert. Adani und Siemens konnten die entsprechenden CO2 Einspareffekte nachweisen. Der HGÜ-Betreiber Adani ist nun berechtigt, Emissionsgutschriften zu nutzen.
Strom für Bangladesch. Auch in Indiens Nachbarland soll künftig Strom verlustarm fließen: In Bangladesch lebt fast immer noch die Hälfte der über 160 Millionen Einwohner ohne Strom. Im Jahr 2015 soll der Staat am Golf von Bengalen mit Indien elektrisch verbunden werden. Hierzu errichtet Siemens in Bheramara in Bangladeschs Westen eine HGÜ-Kurzkupplung mit 500 Megawatt Leistung. Der Gleich- und der Wechselrichter sind auf einer Anlage direkt miteinander verbunden und stellen so die problemlose Kopplung der bisher getrennten Netze sicher. Über eine 110 Kilometer lange Drehstromleitung mit einer Spannung von 400 kV kann Indien dann sein Nachbarland mit Strom versorgen.
Noch herrscht viel Aufbaubedarf im Stromnetz Indiens. Die schwachen Netze sind historisch gewachsen und müssen erst miteinander gekoppelt werden. Außerdem fehlen noch vielerorts Verteilungsleitungen, die den Strom zu den Haushalten transportieren. Mit den HGÜ-Systemen ist ein wichtiger Schritt getan, damit das Leben in Indien auch nach Sonnenuntergang weitergehen kann.