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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Hightech aus Südamerika: In Brasilien fertigt Siemens Kondensatoren für HGÜ-Hochspannungsleitungen.

In Kolumbien produziert das Unternehmen bereits seit 1956 Transformatoren

Boomländer: Ob Transformatoren...

...oder Röntgengeräte aus Brasilien – Hightech-Produkte made in Südamerika sind zunehmend auch auf dem Weltmarkt gefragt.

Mit Volldampf nach oben

Trendwende in Südamerika: Boomländer wie Brasilien und Kolumbien werden von Rohstoffproduzenten zu Herstellern von Hightech-Produkten. Siemens baut vor Ort sein Engagement stetig aus. Es entstehen effiziente Produkte von hoher Qualität für die lokalen Märkte, aber auch für den Export.

Image In Kolumbien produziert das Unternehmen bereits seit 1956 Transformatoren.
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Image Boomländer: Ob Transformatoren...
Image ... oder Röntgengeräte aus Brasilien – Hightech-Produkte made in Südamerika sind zunehmend auch auf dem Weltmarkt gefragt.
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Kolumbianische Ingenieure testen erstmals in Südamerika Pflanzenöle als Kühl- und Isolierflüssigkeit.

Brasilien befindet sich seit Jahren im Aufwind: 2011 stieg es zur sechstgrößten Wirtschaftsnation der Welt auf und hat damit Großbritannien überholt, meldete das Londoner Forschungsinstitut Centre for Economics and Business Research im Dezember 2011. Nicht zuletzt dank neuer Ölfunde kann die größte Nation Südamerikas jetzt kräftig in neue Infrastruktur investieren – insbesondere in die Stromversorgung, die lange die Achillesferse des Landes war. Doch für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ), die die Energie von den Erzeugungsorten, etwa großen Wasserkraftwerken, in die oft weit entfernten Städte transportieren sollen, braucht man spezielle Umrichterstationen und Hochleistungstransformatoren (siehe weitere Artikel Rekord Leistung und Die Spannung steigt)

Siemens kann seit 2006 alle nötigen Komponenten an einem eigenen Standort in Brasilien fertigen. Das ist ein großer Wettbewerbsvorteil: „Die Transportkosten sind bei HGÜ-Projekten sehr hoch“, sagt Tamyres Machado, technischer Direktor des Siemens-Werks in Jundiaí nahe São Paulo, der größten Produktionsanlage für Energietechnik in Südamerika. Allein die Transformatoren, die die Übertragungsspannung auf bis zu 800.000 Volt hochtransformieren, sind fast so groß wie ein Einfamilienhaus, sie wiegen an die hundert Tonnen. „Weil wir alles hier in Brasilien produzieren, können wir gute Preise anbieten“, betont Machado.

Lokales Neudesign. Jundiaí ist einer von weltweit fünf Siemens-Standorten, die HGÜ-Technik herstellen. „Was das Know-how betrifft, sind wir nach Nürnberg die Nummer zwei“, sagt Machado stolz. „Brasilien braucht dringend mehr Energie – das geht am besten mit Wasserkraft plus HGÜ.“ Auch in Chile und anderen lateinamerikanischen Ländern sind neue Stromautobahnen in Planung, die USA bauen die Technik ebenfalls aus. „Wir bauen derzeit zwei Transformatoren für eine geplante HGÜ-Strecke zwischen New Jersey und New York.“ Um das nötige Know-how für die anspruchsvolle Technik aufzubauen, musste Machado zunächst ein lokales Team formen, eine Gemeinschaft aus erfahrenen Siemens-Spezialisten, die teilweise aus Deutschland kamen, brasilianischen Fachleuten sowie talentierten und motivierten Berufseinsteigern. „Weil es immer schwieriger wird, qualifiziertes technisches Personal zu finden, nehmen wir die Ausbildung zunehmend selbst in die Hand“, berichtet Carlos Tiburcio, Vertriebsleiter für Stromübertragung bei Siemens in São Paulo.

Das Werk in Jundiaí hat Praktikumsprogramme eingerichtet und Partnerschaften mit technischen Schulen und Universitäten geschlossen, um die Belegschaft ständig weiterzubilden. Dazu gehören auch Aufenthalte in der Zentrale in Deutschland: Um seine Ingenieure fit für das erste Projekt, eine neue HGÜ-Verbindung zwischen dem spanischen Festland und der Balearen-Insel Mallorca zu machen, schickte Machado 25 seiner Kollegen für zwei bis drei Jahre nach Nürnberg ins dortige Werk.

2009 konnte es dann losgehen. Das Team baute die Umrichterstationen für die Cometa-Leitung, über die nun ein erheblicher Teil des Strombedarfs der Ferieninsel aus Wind- und Solarenergie sowie aus Wasserkraft vom Festland gedeckt wird. Mit einer Spannung von 250 Kilovolt und einer Leistung von 400 Megawatt war der Auftrag international zwar vergleichsweise klein, aber ein gutes Pilotprojekt, um in Brasilien die Fertigung aufzubauen und die aufwändigen Prüffelder für die Transformatoren einzurichten.

Die HGÜ-Technik übernahm das brasilianische Werk ursprünglich vom Siemens-Standort in Nürnberg. „Inzwischen haben unsere Ingenieure aber wegen der speziellen Anforderungen der lokalen Märkte auch eigene Entwicklungen und Anpassungen vorgenommen“, berichtet Tiburcio. „In einigen Fällen haben diese Veränderungen fast zu einem vollständigen Neudesign der Produkte geführt.“ Eine Besonderheit in Brasilien sind die langen Übertragungswege. So sollen bei einem geplanten Projekt zwei parallele Leitungen zusammen elf Gigawatt über mehr als 2.000 Kilometer transportieren – das wäre Weltrekord. „Der Betrieb solcher Parallel-Leitungen und der Umrichterstationen an beiden Enden muss sorgfältig koordiniert werden, um die Netzstabilität zu gewährleisten“, erläutert Tiburcio eine der Herausforderungen. Zwischen den Siemens-Werken für HGÜ-Technik in Nürnberg, Jundiaí, Kalwa (Indien), Zagreb (Kroatien) und Guang-zhou (China) findet daher ein ständiger Erfahrungsaustausch statt, damit alle von neuem Know-how profitieren.

Tropenfeste Motoren. Nicht nur in Brasilien, auch in Kolumbien investiert Siemens in neue Standorte. Das Land im Norden Südamerikas hat in den vergangenen Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum hingelegt und gilt unter Anlegern als Geheimtipp. Die Rating-Agenturen stuften die Kreditwürdigkeit des Landes bereits auf „Investment Grade“ hoch, es gilt also als sicherer Investitionsstandort. 2011 nahmen die ausländischen Direktinvestitionen um 56 Prozent zu, und dank hoher Rohstoffpreise stiegen auch die Exporterlöse auf Rekordniveau. Siemens ist schon seit 1954 in Kolumbien präsent und hat 2009 eine moderne Fabrik in Tenjo eröffnet, nahe der Hauptstadt Bogotá. Das Werk produziert besonders effizient und genügt neuesten Umweltstandards.

Seit Mai 2011 werden dort Elektromotoren verschiedenster Größen- und Leistungsklassen hergestellt, die von der Lebensmittel- bis zur Öl- und Gasindustrie eingesetzt werden können. Beim Aufbau der Produktion erhielt das kolumbianische Werk intensive Unterstützung aus Deutschland vom Siemens-Werk in Bad Neustadt. „Siemens ist nun das erste Unternehmen in Kolumbien, das Motoren mit dem höchsten internationalen Effizienzstandard herstellt“, berichtet Wilson Ruiz, in Tenjo zuständig für den Vertrieb der Industriemotoren. Dabei haben die kolumbianischen Motoren neben der Energieersparnis spezielle Eigenheiten: Beispielsweise sind sie tropenfest, und die Spannung sowie die Abmessungen entsprechen den Anforderungen der lokalen Kunden.

Die Fabrik in Tenjo hat bereits drei Großaufträge akquirieren können. So orderte der Konzern Grasco, eines der größten Unternehmen in Kolumbien, 200 besonders robuste Spezialmotoren, denen Staub oder Schwingungen nichts ausmachen. „Sie ersetzen ältere Motoren in der Öl- und Butterfabrik von Grasco, in Pumpen, Mühlen, Rührmaschinen und Fließbändern“, sagt Ruiz. Siemens konnte sich wegen der hohen Effizienz und der guten Kompatibilität der Motoren gegen zahlreiche Wettbewerber durchsetzen. „Ein weiterer wichtiger Punkt war die lokale Unterstützung, die wir bieten.“ Der direkte Kundenkontakt sei enorm wichtig, erklärt Ruiz: „Die Kunden schätzen unseren lokalen Service sehr. Die Fabrik vor Ort ist unser größter Vorteil.“ Mithilfe von Siemens führte das Unternehmen Frito Lay, ein Hersteller von Chips und anderen Snacks, eine Energiestudie durch und entschied sich dann, viele seiner alten Motoren durch die effizienten Siemens-Elektromotoren zu ersetzen. Und für Cemex, einen internationalen Zementhersteller, war vor allem die Zuverlässigkeit der Siemens-Motoren entscheidend. „Unsere neuen Motoren sollen den Stillstand der Verpackungsanlagen deutlich reduzieren“, sagt Ruiz.

Neben Energieversorgung und Industrie boomt in den Schwellenländern Südamerikas auch der Gesundheitssektor. Schon vor zehn Jahren begann Siemens in Brasilien mit der Produktion preisgünstiger Röntgengeräte. „Um auf dem lokalen Markt mit seinem aggressiven Preisniveau bestehen zu können, entschieden wir uns für die Produktion vor Ort“, berichtet Guilherme Marques, der die Abteilung für Klinik-produkte bei Siemens in Brasilien leitet. In der Fabrik in São Paulo werden derzeit analoge Röntgengeräte vom Typ Multix B hergestellt, die sich durch große Flexibilität und eine kompakte, platzsparende Bauweise auszeichnen. Gleichzeitig bieten sie exzellente Bildqualität und eine geringe Strahlenbelastung für den Patienten. In Brasilien erfüllen die Geräte nicht nur die lokalen Anforderungen, sondern entsprechen auch den dortigen Preisvorstellungen.

Um dem wachsenden Bedarf nachzukommen, soll 2012 die Produktion gesteigert werden. „Im Juni ziehen wir in eine neue Fabrik in Joinville um, was unsere Wettbewerbsfähigkeit steigert. Zudem werden wir unser Portfolio erweitern“, sagt Marques. In Joinville sollen auch digitale Röntgengeräte vom Typ „Multix Select DR“ hergestellt werden. Das Interesse brasilianischer Kunden an digitaler Röntgentechnik ist in den letzten Jahren gestiegen, doch bisher waren die Preise ein Hindernis. Mit dem neuen Gerät bringt Siemens nun ein erschwingliches Einsteigermodell auf den Markt, das zudem robust und einfach zu bedienen ist.

Am neuen Standort wird auch eine eigene Entwicklung stattfinden – so wie künftig die Entwicklung für lokale und regionale Märkte viel häufiger direkt vor Ort betrieben wird. Im kolumbianischen Werk in Tenjo, das bei den Motoren noch auf Know-how aus Deutschland zurückgreift, ist das teilweise schon der Fall. Schon seit 1956 stellt Siemens in Kolumbien Transformatoren her, von kleinen Trafos für die Stromverteilung bis zu großen Leistungstransformatoren. Seit zwei Jahren hat sich das Werk auf Verteilertransformatoren für erneuerbare Energien spezialisiert, vor allem für große Windparks und Solaranlagen. „Dieser Markt wächst sehr stark, insbesondere in den USA und Kanada“, sagt Andrés Villate, zuständig für das Marketing der Transformatoren.

Extreme Bedingungen. Da Kolumbien sowohl am Pazifik als auch am Atlantik große Häfen hat, liegt es strategisch günstig für den Export nach Nordamerika. Die Entwicklung der leistungsfähigen Trafos übernahmen die kolumbianischen Ingenieure weitgehend selbst. Die größte Herausforderung stellten dabei die widrigen Umweltbedingungen dar, unter denen die Trafos arbeiten müssen. „In Nordamerika liegen die Windparks meist in entlegenen Gegenden, oft herrschen dauerhaft extreme Temperaturen und hohe Windgeschwindigkeiten. Trotzdem müssen die Anlagen besonders zuverlässig sein“, berichtet Villate. Die Nachfrage nach Spezial-Trafos für erneuerbare Energien ist groß: So berichtet Jairo Sandoval, Vertriebsleiter in Tenjo, dass Siemens Anfang 2011 den Flat-Water-Windpark im US-Staat Nebraska mit 41 Transformatoren ausrüstete. Auch das First Light Project, der größte Solarpark Kanadas, orderte zehn Transformatoren. „Diese Einheiten machen zwar erst zehn Prozent unserer Produktion aus, aber ihr Anteil wird in den nächsten Jahren sicher wachsen“, sagt Sandoval.

Da Siemens bei allen Produkten auf Umweltverträglichkeit achtet, testen die kolumbianischen Ingenieure derzeit erstmals in Südamerika den Einsatz von Pflanzenölen als Kühl- und Isolierflüssigkeit. Üblicherweise ist bei Transformatoren Mineral- oder Silikonöl im Einsatz. Diese Stoffe sind jedoch umweltschädlich, weswegen im Freien aufgestellte Transformatoren vor Auslaufen geschützt werden müssen.

„Die Öle, die wir jetzt testen, enthalten weder Mineralöl noch Halogene, Silikonöle oder andere problematische Bestandteile”, sagt Villate. „Sie zeichnen sich außerdem durch einen hohen Flammpunkt und gute dielektrische Eigenschaften aus.“ Modernste, umweltfreundliche Technologie und hohe Effizienz sind Eigenschaften, die Kunden weltweit an Siemens-Produkten schätzen – auch in Nord- und Südamerika. Durch die wachsende Präsenz vor Ort ist Siemens bestens dafür gerüstet, die wachsenden Märkte auf dem Kontinent mit passenden Produkten bedienen zu können.

Ute Kehse