Mit Siemens-Technologie entsteht vor den Toren Moskaus eine neue Wissenschaftsstadt: Skolkovo. Ihr offener Charakter soll Forscher aus Russland und dem Ausland gleichermaßen anziehen.
Global inside: Ab 2014 wird in Skolkovo international geforscht. Zugleich soll die Stadt selbst (siehe Modell) ein Vorbild an effizienter Energienutzung sein.
Als Naherholungsgebiet genießt der Bezirk Odinzovo wenige Kilometer südwestlich von Moskau einen hervorragenden Ruf. Wälder, Wiesen und Landwirtschaft prägen die Gegend rund um das wenige hundert Einwohner zählende Dorf Skolkovo. Doch in den Zukunftsplänen von Staatspräsident Dmitri Medwedew spielt Skolkovo eine entscheidende Rolle: 2006 wurde hier die Moscow School of Management als eine der besten Ausbildungsstätten für Russlands Wirtschaftselite eröffnet, und künftig soll auf einem 380 Hektar großen Gelände das führende Forschungs- und Innovationszentrum entstehen – eingebettet in eine neue Stadt, die für bis zu 25.000 Bewohner am Reißbrett entworfen wird.
Der Kremlchef hat den zügigen Bau zur Chefsache erklärt. Mitte 2011 soll der Spatenstich erfolgen, und in drei Jahren soll die Retortenstadt bezugsfertig sein. Neben komfortablen Wohngebäuden sind Geschäfte, Schulen, Kindergärten und Hotels geplant. Herzstück wird das Skolkovo Institute of Technology (SIT) sein, ein Forschungszentrum mit Schwerpunkten auf den Feldern Informationstechnologie, Energieeffizienz, Medizintechnik, Biotechnologie, Nukleartechnik und Raumfahrt. Für Skolkovo will die Regierung umgerechnet rund drei Milliarden Euro zur Verfügung stellen – das Projekt soll zum Kernstück eines ehrgeizigen Modernisierungsprogramms werden, das Russland den technologischen Anschluss an die führenden Industrienationen sichern soll.
„Skolkovo wird als offene, transparente und international ausgerichtete Drehscheibe der Innovation nicht nur einheimische Talente, sondern auch ausländische Spezialisten anziehen. Der Ort wird für Forschung und Lehre beste Bedingungen bieten“, verspricht Stanislaw Naumow, ehemaliger Vize-Minister für Industrie und Handel und nun zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von Skolkovo. Erstmals in der Geschichte Russlands sollen russische und ausländische Wissenschaftler hier gemeinsam studieren, forschen und lehren. Darüber hinaus wirbt die Regierung um Investitionen ausländischer Firmen und Start-ups. Sie können Anteile – bis zu 100 Prozent – an Firmen halten, die durch das Projekt Skolkovo gefördert werden. Auch steuerliche Vorteile hat die Regierung bereits angedeutet.
Ökologisches Vorbild. Als erstes deutsches Großunternehmen ist Siemens im Jahr 2010 eine strategische Partnerschaft mit den Initiatoren von Skolkovo eingegangen: Siemens wird sich am Aufbau der städtischen Infrastruktur beteiligen, bei Gebäudetechnologien, Wasseraufbereitungstechnik, dem öffentlichen Verkehr und Energieeffizienz-Lösungen. „Skolkovo soll eine ökologische Modellstadt werden“, erläutert Siemens-Projektleiter Alexander Averianov. Auch der Forschungschef von Siemens, Dr. Reinhold Achatz, findet, dass „das Skolkovo-Projekt mit seinen Schwerpunkten hervorragend in die Strategie von Siemens passt, das im attraktiven russischen Markt auf Differenzierung und Nachhaltigkeit setzt.“ So soll in Skolkovo mit etwa 200 Forschern einer der grössten internationalen Forschungsstandorte von Siemens aufgebaut werden.
„Skolkovo ist der richtige Schritt, um ein geeignetes Klima für internationale Zusammenarbeit zu schaffen“, glaubt Dr. Martin Gitsels, der die Siemens-Forschung in Russland leitet. Hohe Erwartungen setzt auch Dr. Oliver Heid in gemeinsame Forschungen, etwa bei Teilchenbeschleunigern. Der Siemens-Experte für neue Technologien und Konzepte lobt die Expertise russischer Spezialisten. „Auf diesem Gebiet genießen sie einen hervorragenden Ruf – ebenso bei der Materialforschung und in der Mathematik“, sagt er. Teilchenbeschleuniger werden beispielsweise für die Bestrahlung von Tumoren eingesetzt. Die Forscher wollen mit neuer Technik die Geräte kleiner, kompakter und leistungsfähiger machen. „Das wäre eine Revolution in der Medizintechnik“, sagt Heid.
Damit der Bau der Forschungsstadt zügig über die Bühne gehen kann, entstand die Skolkovo-Innograd-Stiftung unter dem Vorsitz von Viktor Vekselberg, Gründer und Eigentümer der Investmentfirma Renova Holding. Im Stiftungsrat ist auch Siemens vertreten. Als russisches Silicon Valley möchte Vekselberg Skolkovo allerdings nicht bezeichnen: „Skolkovo kann nur ein Anfang auf dem langen Weg der Modernisierung sein“, stellt er klar. „Hier wollen wir in kleinem Rahmen ausprobieren, wie wir die bestehenden Probleme des Landes lösen können.“ Junge und fähige Fachkräfte in Russland zu halten und ausländischen Wissenschaftlern und Firmen das Riesenreich als Forschungsstandort schmackhaft zu machen, betrachtet Vekselberg als Hauptaufgabe von Skolkovo, seinen Worten nach die „russische Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“.