Nachhaltigkeit hält in Südamerika Einzug – auch in der Produktion. Die neue Fabrik von Siemens bei Bogotá spart im Vergleich zu herkömmlichen Fabriken ein Drittel des Wassers und fast zwei Drittel der Energie für Beleuchtung.
Effizienz ist kein Luxus: Auch bei der Produktion in Schwellenländern zählen ein geringer Energieverbrauch und effiziente Prozesse - beispielsweise beider Fertigung von Transformatoren in Bogotá.
Die großen Hallen sehen unspektakulär aus. Schwere Sattelschlepper mit langen Schnauzen stehen davor. In der Ferne ist der Monserrate zu sehen, eine kleine weiße Kirche hoch über der 8 Millionen-Stadt Bogotá. Doch die Gebäude haben es in sich. Vor den Toren der Hauptstadt Kolumbiens ist in den vergangenen zwei Jahren mit dem neuen Siemens-Standort Tenjo ein Werk entstanden, das nicht nur in Südamerika, sondern weltweit Schule machen könnte.
Tenjo ist eine „grüne“ Fabrik, mit eigener Kläranlage, intelligenter Beleuchtung, niedrigem Energiebedarf und extrem geringem Wasserverbrauch. Etwa 1 200 Menschen arbeiten in den Werkhallen und fertigen dort verschiedene Produkte aus den Siemens-Sektoren Energy, Industry und Healthcare. Dazu gehören die Montage von Transformatoren und Leistungselektronik für Strom-Übertragungsnetze, von Elektromotoren und von Hörgeräten.
Das Werk wurde nach dem strengen US-Umweltstandard LEED errichtet, der Neubauten nach Kriterien wie Wasser- und Energieverbrauch oder dem Ausstoß von Treibhausgasen beurteilt. Dank Wasser sparender Prozesse, der werkseigenen Abwasserreinigung oder auch wasserfreier Pissoirs verbraucht der Standort nur etwa 32 % dessen, was vergleichbare Fabriken benötigen. 250 m³ Abwasser klärt die Anlage am Tag. Der Energieverbrauch liegt um zwei Drittel niedriger.
In die Werkhallen fällt so viel Licht, dass man tagsüber weitgehend auf Kunstlicht verzichten kann – für etwa die Hälfte der Arbeitszeit ist überhaupt kein künstliches Licht nötig. In der Dämmerung wird die Beleuchtung nach Bedarf automatisch hochgefahren. Zum Einsatz kommen Fluoreszenz-Lampen vom Typ Osram T8, die 63 % weniger Strom verbrauchen als die in den alten Siemens-Standorten in Bogotá. Auch das Druckluftsystem ist effizienter. Es arbeitet mit einer Leistung von 18 statt der in den alten Fabriken üblichen 24 kW.
Wachsende Metropolen. Siemens ist seit 55 Jahren in Bogotá aktiv und betrieb bis vor kurzem mehrere Fabriken in der Stadt. Einst lagen sie am Stadtrand, doch dann wurden sie von der wachsenden Metropole vereinnahmt. Mit dem neuen Werk wurden die alten Fabriken geschlossen und in Tenjo zusammengelegt, was die Produktivität erhöht und die Kosten verringert. Zudem bietet das neue Gelände Platz für künftige Erweiterungen. Hinzu kam der wachsende Verkehr: 70 t schwere Transformatoren durch das Getümmel zu wuchten, war ineffizient. Weit draußen in Tenjo gibt es dieses Problem nicht. Die Lkw biegen direkt vom Fabrikgelände in die Fernstraße ein.
Das Werk gilt als Sonderwirtschaftszone, in der die kolumbianische Regierung Steuererleichterungen gewährt. Das macht die Fertigung besonders lohnend. „Mit Tenjo haben wir einen produktiven Standort für Mittel- und Südamerika geschaffen“, sagt Daniel Fernandez Krappmann, bei Siemens als Geschäftsführer für den Subkontinent zuständig. „Rund 75 % unserer Produkte sind für den Export bestimmt.“
Der Markt wächst: Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik erwartet für den Energiesektor in Südamerika bis 2030 einen Investitionsbedarf in Höhe von mehr als einer Billion US Dollar. Der Bedarf an Stromübertragungs- und Verteiltechnik ist also groß, und Siemens kann ihn mit seinem Portfolio bedienen. Darüber hinaus will Siemens in der Region auch das Windenergiegeschäft ausbauen. Dafür braucht es Transformatoren.
Vor kurzem besuchte eine Delegation deutscher Umweltforscher auf Einladung des Bundesforschungsministeriums (BMBF) den Standort Tenjo. „Kolumbien litt lange unter politischen Unruhen“, sagt Marc Bovenschulte, Koordinator und Innovationsforscher für das BMBF. „Seit einigen Jahren entwickelt sich das Land sehr dynamisch. Ein Engagement, wie Siemens es hier gezeigt hat, hat wichtige Signalwirkung.“ Etwa 70 Mio. € wurden in Tenjo investiert – an einem Standort, der den wachsenden Bedarf an technischen Produkten in Südamerika in den kommenden Jahren flexibel und umweltfreundlich bedienen wird.