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Planetare Grenzen erklärt

Aus Wissenschaft wird Umweltschutz

Sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen sind bereits überschritten. Katherine Richardson von der Universität Kopenhagen und Johannes Auer, verantwortlich für den produktbezogenen Umweltschutz bei Siemens, diskutieren, was das für Industrie, Innovation und unsere Umweltverantwortung bedeutet.

2025 legte ein Forschungsteam eine umfassende Aktualisierung der planetaren Belastungsgrenzen vor. Das Konzept macht sichtbar, wo menschliche Aktivitäten die Belastbarkeit des Erdsystems gefährden. Die Erkenntnisse sind alarmierend:

„Der planetare Gesundheitscheck 2025 zeigt, dass sieben von neun Grenzen bereits überschritten wurden: Klimawandel, Integrität der Biosphäre, Versauerung der Ozeane, Veränderung der Landnutzung, Veränderung des Süßwasserkreislaufs, Veränderung der biogeochemischen Kreisläufe, Eintrag menschengemachter Substanzen”, sagt Johannes Auer. „Kommt der Weckruf zu spät? Ist uns die Zeit bereits davongelaufen?”

Für Katherine Richardson, eine der Wissenschaftlerinnen hinter dem Konzept, ist die Antwort differenzierter, als es auf den ersten Blick scheint.

„Es stimmt, dass das Überschreiten dieser Grenzen äußerst besorgniserregend ist. Aber das bedeutet nicht, dass alle Hoffnung verloren ist oder dass wir keine Zeit mehr haben“, sagt sie. „Man kann sich planetare Belastungsgrenzen wie den Blutdruck vorstellen. Wenn der Blutdruck steigt, erleidet der Körper nicht sofort eine Krise – aber das Risiko für ernsthafte Gesundheitsprobleme nimmt deutlich zu.“

„Genauso ist es hier: Das Überschreiten einer planetaren Grenze führt nicht zwangsläufig und unmittelbar zu einer Katastrophe. Es bedeutet jedoch, dass wir uns in eine Gefahrenzone begeben, in der die Stabilität und Vorhersagbarkeit der Systeme, die das Leben – und auch unsere Wirtschaft – tragen, nicht länger selbstverständlich sind.

Johannes Auer

Johannes Auer verantwortet bei Siemens den produktbezogenen Umweltschutz. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Ökodesign, Ökobilanzierung sowie Umweltfußabdruck.

Den sicheren Handlungsspielraum definieren

Der Vergleich mit dem Blutdruck geht über eine einfache Analogie hinaus. Genauso wie Ärztinnen und Ärzte empfohlene Blutdruckwerte festlegen, innerhalb derer der menschliche Körper zuverlässig funktioniert, markieren die planetaren Belastungsgrenzen den Bereich, in dem die Systeme der Erde stabil und vorhersehbar bleiben.

„In der Klimapolitik wird diese Grenze durch das 1,5 bis 2 Grad Ziel des Pariser Klimaabkommens definiert”, erklärt Richardson. „Es markiert den sicheren Handlungsraum. Solange wir innerhalb dieser Grenze bleiben, halten wir die Risiken beherrschbar. Je mehr Grenzen wir jedoch überschreiten, desto stärker spielen wir mit den Systemen, von denen alles abhängt – von Ernährungssicherheit über Wasserverfügbarkeit bis hin zu wirtschaftlicher Stabilität.”

Für Auer ist diese Perspektive direkt damit verknüpft, wie Unternehmen über Risiken nachdenken müssen.

„Dieser Vergleich mit dem Blutdruck macht die Risiken wirklich greifbar“, sagt er. „Für Unternehmen unterstreicht er, wie wichtig Frühwarnsignale sind – und dass wir handeln müssen, bevor das System versagt.”

Innerhalb der planetaren Grenzen leben

Richardson betont, dass die Erde gleichzeitig das System ist, in dem wir leben und durch unser Handeln beeinflussen.

„Die Erde ist ein einziges, ineinandergreifendes System, in dem biologische, geologische und physikalische Prozesse sowie menschliche Aktivitäten zusammenwirken und die Bedingungen schaffen, auf die wir angewiesen sind”, sagt sie. „Wichtig ist zu verstehen, dass wir nicht getrennt von diesem System existieren und dass es nichts ‘außerhalb‘ gibt: Die Erde hat keine Nabelschnur. Alles, was das Leben braucht, ist bereits vorhanden – abgesehen von der Energie der Sonne.”

„Wir wissen also: Ressourcen sind begrenzt. Und wir sehen, dass unsere Nutzung dieser Ressourcen – und die Abfälle, die wir hinterlassen – die Funktionsweise des Planeten verändern”, fügt sie hinzu. „Die Auswirkungen sehen wir überall – etwa beim Klimawandel und beim Verlust der biologischen Vielfalt.”

Genau deshalb seien planetare Grenzen von so zentraler Bedeutung, argumentiert Richardson. Sie erfordern ein Umdenken darüber, was nachhaltiges Handeln tatsächlich bedeutet.

„Es geht nicht darum, den Planeten als etwas von uns Losgelöstes zu schützen, sondern die Bedingungen zu bewahren, die unser eigenes Wohlergehen ermöglichen”, sagt sie. „Nachhaltige Entwicklung bedeutet, diese Grenzen anzuerkennen und unsere Handlungen wieder in Einklang mit der Welt um uns herum zu bringen, statt ihre Folgen als Externalitäten zu behandeln.”

Biodiversität und Resilienz stärken

Während die weltweiten Bemühungen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen in den letzten Jahren an Dynamik gewonnen haben, sieht Richardson insbesondere beim Schutz der Biodiversität erheblichen Nachholbedarf.

„In den letzten Jahren haben wir Fortschritte erzielt, indem wir robuste Kennzahlen und Ziele für CO₂‑Emissionen entwickelt haben. Jetzt müssen wir dasselbe für Biodiversität erreichen, denn Klimawandel und Integrität der Biosphäre sind die zentralen Grenzen, die wir unbedingt einhalten müssen”, betont sie. „Beim Umgang mit dem Verlust biologischer Vielfalt liegen wir jedoch noch deutlich hinter den Fortschritten beim Klimaschutz zurück – auch weil Biodiversität wesentlich komplexer zu messen ist.“

Die Tragweite sei existenziell – sogar in einer Weise, die über den Klimawandel hinausgehe.

„Es reicht nicht aus, Verluste lediglich zu quantifizieren – wir müssen verstehen, wie diese Verluste ganze Ökosysteme destabilisieren”, erläutert sie. „Die Dringlichkeit könnte nicht größer sein: Während die Wiederherstellung des Energiegleichgewichts der Erde infolge des Klimawandels Jahrtausende dauern kann, ist eine einmal ausgestorbene Art für immer verloren. Deshalb müssen wir die Auswirkungen von Landnutzung, Ressourcengewinnung und Eingriffen entlang unserer Wertschöpfungsketten vollständig berücksichtigen.”

Für Auer untermauert diese Dringlichkeit den Business Case.

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Katherine Richardson ist Professorin für biologische Ozeanografie am Globe Institute der Universität Kopenhagen und leitet das interdisziplinäre Forschungszentrum Research Centre on Ocean, Climate, and Society (ROCS). Als Erdsystemwissenschaftlerin gehört sie zu den Mitentwicklerinnen des Konzepts der planetaren Belastungsgrenzen. Darüber hinaus ist sie Vorsitzende der Expertengruppe der Europäischen Kommission für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Forschung und Innovation (ESIR).

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Als führendes Technologieunternehmen ist Siemens in einer einzigartigen Position, Nachhaltigkeit im großen Maßstab voranzutreiben. Bereits heute ermöglichen mehr als 90 Prozent unseres Geschäfts unseren Kunden, positive Nachhaltigkeitswirkungen zu erzielen. Diese Verantwortung beginnt bereits in der Produktentwicklung: Bis zu 80 Prozent der umweltbezogenen Auswirkungen eines Produkts werden bereits in der Designphase festgelegt.

„Letztlich geht es um Resilienz”, sagt er. „Angesichts zunehmender Ressourcenknappheit wird deutlich, dass wir zirkulärer werden müssen. Effizienz im Umgang mit Ressourcen und deren Wiederverwendung ist nicht nur ein Nachhaltigkeitsvorteil, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Es gibt überzeugende Argumente für mehr Zirkularität und Ressourceneffizienz, nicht nur um der Nachhaltigkeit willen, sondern auch für langfristige wirtschaftliche Entwicklung und Stabilität.”

Zirkuläre Designprinzipien verankern

Richardson geht noch weiter. Die Herausforderung bestehe nicht nur darin, negative Auswirkungen zu reduzieren, sondern Produkte und Systeme grundlegend neu zu denken.

„Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass kein Produkt, keine Lösung und kein Prozess von Natur aus nachhaltig ist“, sagt sie. „Wie wir sie gestalten und nutzen, bestimmt, ob sie zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beitragen.”

„Das Interessante ist, dass die Natur uns zeigt, wie man innerhalb begrenzter Ressourcen lebt – sie hat die ursprüngliche Kreislaufwirtschaft erfunden“, fährt sie fort. „In der Natur ist Abfall kein Designfehler, sondern Teil des Systems. Die Abfälle eines Organismus werden von anderen Organismen abgebaut und ihre Bestandteile wieder in den Kreislauf zurückgeführt.“

Der Kontrast zu menschlichen Systemen sei frappierend.

„Im Gegensatz dazu sind viele unserer menschengemachten Produkte und Systeme so gestaltet, dass sie Abfälle hinterlassen – wie Treibhausgase oder synthetische Chemikalien“, sagt sie. „Tatsächlich beziehen sich sechs der neun planetaren Grenzen auf Abfall – auf das, was wir freisetzen und zurücklassen. Die Designherausforderung ist klar: Wir wissen bereits, was nötig ist – Einträge in Luft, Wasser und Boden reduzieren oder besser noch ganz vermeiden.”

Diese Herausforderung prägt zunehmend auch die Entwicklung neuer Produkte. Auer verweist auf das Umweltziel von Siemens, Ecodesign im gesamten Portfolio anzuwenden.

Eine Infografik über Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft mit Schwerpunkt auf nachhaltigen Praktiken und Abfallreduzierung.

Wir entkoppeln Wachstum vom Ressourcenverbrauch. Dazu entwickeln wir Technologien, die die Lebensdauer von Anlagen und Produkten verlängern und gleichzeitig deren Leistung, Verfügbarkeit und Auslastung verbessern. Darüber hinaus konzentrieren wir uns darauf, Ressourcen effizienter einzusetzen, Abfälle zu vermeiden sowie Wasserressourcen und Biodiversität zu schützen. Und wir gehen mit gutem Beispiel voran: Im Geschäftsjahr 2025 wurde unser Robust Eco Design Ansatz bereits auf 67 % unseres relevanten Hardware-, Software- und Serviceportfolios angewendet.

„Genau hier setzt unser Ecodesign‑Ansatz an: Wir streben an, bis 2030 auf 100 Prozent des relevanten Hardware-, Software- und Serviceportfolio Robust Eco Design anzuwenden”, sagt er. „Das bedeutet nicht nur, Hardware, Software und Services mit möglichst geringen Umweltauswirkungen zu entwickeln, sondern auch unsere Fähigkeit zu stärken, uns an eine sich verändernde Welt anzupassen und in ihr erfolgreich zu sein.“

„Es geht nicht nur darum, weniger schädliche Produkte oder Systeme zu gestalten – sondern wirklich gute“, ergänzt er. „Unser Ziel sind ökoeffektive Lösungen, die aktiv zu positiven Umweltergebnisse beitragen. Bei Siemens wollen wir über die reine Schadensminimierung hinausgehen und Produkte und Systeme entwickeln, die echten Mehrwert für Kunden und den Planeten bieten.”

Innovation vorantreiben

Für Richardson beginnt der Weg nach vorn mit einer gemeinsamen Vision für die Zukunft unseres Planeten.

„Die Vision haben wir bereits – jetzt liegt es an uns, durch Innovation den Weg dorthin zu finden”, sagt sie. „Natürlich wird es Rückschläge geben. Nachhaltige Entwicklung ist immer ein Balanceakt und erfordert Kompromisse. Doch die Menschheit stand noch nie vor der Herausforderung, eine gemeinsame Vision für den gesamten Planeten zu entwickeln.”

Am Ende, so Richardson, komme alles auf Innovation an.

„Die planetaren Grenzen zu verstehen bedeutet nicht, uns zu beschränken“, so Richardson. „Im Gegenteil: Sie helfen uns dabei, unsere Anstrengungen und unsere Kreativität genau dort zu bündeln, wo die Welt sie am dringendsten braucht. Unsere Aufgabe ist es nun, unseren Planeten durch mutige, durchdachte Innovation zu bewahren und zu schützen.”