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Von grüner Energie zur intelligenten Infrastruktur

Ist das Stromnetz das nächste strategische Schlachtfeld?

Europa baut Wind- und Sonnenenergie mit Rekordgeschwindigkeit aus, aber neue, energieintensive Verbraucher üben bereits Druck auf das System aus. Ein wachsender Anteil grüner Energie geht verloren, sofern wir das bestehende Stromnetz nicht durch intelligente Lösungen erweitern und optimieren.

Der grüne Wandel beschleunigt sich in ganz Europa. Siemens und andere europäische Akteure weisen auf ein Elektrifizierungsziel von mindestens 35 Prozent bis 2030 hin, um die RepowerEU-Ambitionen zu erreichen — ein Niveau, das deutlich höhere Anforderungen an die gesamte Energieinfrastruktur stellen wird. Gleichzeitig bedeuten Pläne für einen massiven Ausbau der Offshore-Windkraft, die Elektrifizierung von Verkehr und Industrie und die steigende Nachfrage von energieintensiven Rechenzentren, dass das Stromnetz in eine neue Phase eintritt.

Schon heute deuten Entwicklungen auf eine zentrale Herausforderung hin: Ein zunehmender Anteil grüner Energie wird nicht genutzt. Berechnungen, die auf Daten von Energinet basieren, zeigen, dass 18 Prozent der Offshore-Windproduktion im Sommerhalbjahr 2025 verloren gingen, weil das Stromnetz sie nicht aufnehmen konnte.

„Der Ausbau erneuerbarer Energien ist seit vielen Jahren ein wichtiger Schwerpunkt, und das war notwendig.“ sagt Andreea Balasiu, die unser Elektrifizierungs- und Automatisierungsgeschäft in Dänemark leitet. „Aber ohne ein entsprechendes Upgrade der physischen Infrastruktur riskieren wir, den Fortschritt zu verlangsamen.“

Ihr zufolge ist der Druck auf das Stromnetz in mehreren Teilen Europas bereits offensichtlich, wo die Kapazität nicht mit der schnell wachsenden Nachfrage durch neue Verbrauchertypen Schritt halten kann.

„Wir erhalten deutlich mehr Anfragen von Rechenzentren. Viele möchten sich an das Hochspannungsnetz anschließen, und ihr Stromverbrauch wird in Megawatt gemessen. Das ändert die Spielregeln.“ erklärt sie.

Andreea Balasiu.

Andreea Balasiu, wer leitet unser Elektrifizierungs- und Automatisierungsgeschäft in Dänemark?

Grid First — Die Energieinfrastruktur muss priorisiert werden

Während sich die erste Phase der grünen Wende auf die Erhöhung der Erzeugung erneuerbarer Energien konzentrierte, deuten die Entwicklungen jetzt auf einen strategischen Wandel hin. Um die Ambitionen zu verwirklichen, ist es wichtig, dass die Infrastruktur Schritt hält.

Wir arbeiten nach dem Prinzip „Grid First“ — die Energieinfrastruktur muss als Voraussetzung für den Rest der Umstellung priorisiert werden.

„Wir brauchen zuerst die Autobahnen — die Energieautobahnen, sowohl große als auch kleine — sonst profitieren wir nicht in vollem Umfang von Investitionen in Wind- und Solarenergie.“ sagt Andreea Balasiu.

Gleichzeitig fordert sie einen stärkeren strategischen Fokus auf die Elektrifizierung der gesamten Wertschöpfungskette.

„Uns fehlen klare und ehrgeizigere Elektrifizierungsziele auf politischer Ebene — sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene. Es geht darum, eine klare Richtung vorzugeben und sicherzustellen, dass wir nicht nur über Gigawatt Windkraft sprechen, sondern auch darüber, wie das Stromnetz tatsächlich erweitert und genutzt wird.“ sagt sie.

Verbraucher werden zu unverzichtbaren Vermögenswerten

Hochspannungsleitungen.

Der Ausbau des Stromnetzes ist eine Voraussetzung für die Umsetzung der grünen Wende. Aber unserer Meinung nach geht es nicht um Entweder-Oder. Die physische Infrastruktur muss zwar erweitert werden, aber das bestehende Stromnetz birgt auch erhebliches — und oft ungenutztes — Potenzial, das durch Digitalisierung und intelligente Steuerung ausgeschöpft werden kann.

Mit anderen Worten, wir müssen sowohl eine neue Infrastruktur aufbauen als auch intelligenter darüber nachdenken, was wir bereits haben.

Mithilfe von Daten, künstlicher Intelligenz und sogenannten digitalen Zwillingen kann das Stromnetz zunehmend optimiert und näher an seinen Kapazitätsgrenzen betrieben werden — ohne dass unbedingt größere neue Investitionen in Kabel und Anlagen erforderlich sind. Es geht darum, einen besseren Einblick in das System zu schaffen und in der Lage zu sein, Lasten in Echtzeit zu simulieren und vorherzusagen.

Das wird bereits in der Praxis umgesetzt: In Finnland verwendet Fingrid digitale Zwillinge, um dynamische Szenarien zu testen und potenzielle Engpässe frühzeitig zu erkennen. In Norwegen optimiert Elvia die Nutzung der Netzkapazität mithilfe datengesteuerter Algorithmen.

„Wir müssen gleichzeitig expandieren und modernisieren, wenn gute Absichten in der Praxis zum Tragen kommen sollen. Mit digitalen Lösungen können wir viel bessere Einblicke in unsere Stromnetze gewinnen und sie weitaus effizienter nutzen.“ Andreea Balasiu erklärt.

Sie weist auch darauf hin, dass zukünftige Energiesysteme zunehmend durch Flexibilität auf der Verbraucherseite gekennzeichnet sein werden. Neue Arten von Verbrauchern — wie Rechenzentren, Industrieanlagen und Energiespeicherlösungen — können eine aktivere Rolle beim Ausgleich des Stromnetzes spielen.

„Wenn wir anfangen, Verbraucher als flexible Vermögenswerte zu betrachten und nicht nur als Unmengen, eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten. Sie können dazu beitragen, den Druck auf das Netz zu verringern und einen stabileren Betrieb zu gewährleisten.“

Dazu gehören die Verwendung von Batterien und intelligenter, dynamischer Steuerung, bei der sich der Verbrauch im Laufe der Zeit verändert. Dadurch wird das Energiesystem nicht nur größer, sondern auch intelligenter und anpassungsfähiger.

Wir haben alle Bausteine

Für uns ist die Schlussfolgerung klar: Wenn Europa bei seinen grünen Ambitionen Erfolg haben soll, braucht es eine kohärentere Ausrichtung auf das gesamte Energiesystem. Es geht nicht nur darum, mehr erneuerbare Energien zu produzieren, sondern vor allem sicherzustellen, dass sie effizient sektorübergreifend verteilt, genutzt und integriert werden können.

„Wir haben die Bausteine: Die Technologien sind vorhanden und die Ausgangsposition ist stark — auch in Dänemark. Aber wir brauchen Investitionen, Regulierung und Technologie, um in dieselbe Richtung zu gehen.“ sagt Andreea Balasiu.

Ihr zufolge geht die Perspektive über Klimaaspekte hinaus. Ein robustes und intelligentes Stromnetz ist auch entscheidend für Europas Wettbewerbsfähigkeit, Energieunabhängigkeit und die Fähigkeit, neue Investitionen anzuziehen.

Infolgedessen wird die Energieinfrastruktur nicht nur zu einer technischen Notwendigkeit, sondern auch zu einer strategischen Voraussetzung für die Zukunft von Gesellschaft und Wirtschaft.

April 2026