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Benno Schiefer who is the Inventor of the Year for Design and User Experience.

Die Zukunft des Nahverkehrs

Benno Schiefer | Inventor of the Year | Design and User Experience

Mission Design

Jeden Morgen strömen Millionen Menschen in die S-Bahnen der deutschen Ballungszentren. In München allein vertrauen täglich Hunderttausende darauf, pünktlich und zuverlässig an ihr Ziel zu gelangen. Doch hinter jedem reibungslosen Pendelweg steckt eine Geschichte von Innovation und menschlichem Erfindungsgeist – eine Geschichte, die zeigt, wie durchdachtes Design nicht nur eleganter aussieht, sondern auch nachhaltiger wirtschaftet.

Benno Schiefer, ehemaliger Senior Industrial Designer bei Siemens Mobility und nun in Altersteilzeit, weiß das. Als Inventor of the Year 2025 wurde er für eine Innovation ausgezeichnet, die auf den ersten Blick simpel erscheint, seine Mission: Wie designt man die Front eines S-Bahn-Zugs? Doch dahinter verbirgt sich ein komplexes Puzzle aus Aerodynamik, Ästhetik und Alltagstauglichkeit – ein Puzzle, dessen Lösung wegweisend für die gesamte Branche werden könnte.

A Siemens Mobility rolling stock S-Bahn train in Munich, Germany.

Die unsichtbare Kraft der Form

„Das ursprüngliche Exterior-Vorgabedesign kam von einem externen Studio im Rahmen der Ausschreibungsunterlagen und war zwar modern, aber aerodynamisch nicht optimal”, erinnert sich Schiefer an den Ausgangspunkt seiner Mission. Was für Außenstehende wie ein rein ästhetisches Problem wirken mochte, entpuppte sich als fundamentale Frage der Energieeffizienz.

Im Gegensatz zum Automobil verkehren S-Bahnen in der Regel bidirektional, d.h. sie können in beiden Fahrtrichtungen betrieben werden. Daraus ergibt sich folgende aerodynamische Herausforderung: Zugspitze und Zugende müssen je nach Fahrtrichtung abwechselnd als Front oder Heck fungieren. Beide Positionen stellen jedoch grundverschiedene strömungstechnische Anforderungen an die Kopfform.

An der Fahrzeugfront soll die Luft das Fahrzeug möglichst widerstandsarm umfließen, um Staudruckverluste zu minimieren. Am Heck hingegen ist eine kontrollierte Strömungsablösung erwünscht.
Im Automobilbau löst man diesen Konflikt durch asymmetrische Gestaltung, vorne windschnittig und abgerundet, hinten bewusst kantig.

Bei einem Schienenfahrzeug ist dieser Lösungsweg ausgeschlossen – denn Front und Heck werden von ein und demselben Zugkopf gebildet, welcher beiden aerodynamischen Funktionen gleichermaßen gerecht werden muss. Schiefers Lösungsansatz war ebenso einfach wie genial: er verschmolz sinnbildlich Form und Funktion einer Fahrzeugfront mit der eines Fahrzeughecks.
Herauskam eine organisch fließende Kopfform, die für beide Funktionen optimiert ist und den Luftwiderstand in beiden Fahrtrichtungen gleichermaßen reduziert.

Benno Schiefer | Inventor of the Year | Design and User Experience

Grundlage waren präzise Strömungsanalysen und zahlreiche Simulationen seiner Kollegen aus der Aerodynamikabteilung, in denen zusammen mit ihm verschiedene Radien, Neigungen, Wölbungen und Übergänge getestet wurden.

Durch die Kombination von technischer Berechnung und gestalterischer Intuition entstand eine Form, die aerodynamisch gut funktioniert, und zugleich ästhetisch ausgewogen wirkt. Das Ergebnis ist ein Design, das über die gesamte Lebensdauer des Zuges erhebliche Energieeinsparungen ermöglicht und zugleich den Geräuschpegel im Fahrbetrieb senkt – ein leiser, effizienter und visuell harmonischer Zug, der buchstäblich besser durch die Luft gleitet.

Menschen im Mittelpunkt

Das Resultat wird nicht nur durch praktischen Nutzen überzeugen, sondern auch durch ästhetische Exzellenz. Die neue Frontgestaltung wird dem Münchner Stadtbild ab 2028 einen modernen, zukunftsorientierten Akzent verleihen – ein rollender Beweis dafür, dass Effizienz und Eleganz keine Gegensätze sein müssen.

Die Kraft des interdisziplinären Denkens

Was Schiefers Ansatz besonders auszeichnet, ist seine ungewöhnliche Kombination aus technischer Expertise und gestalterischer Vision. Seine berufliche Doppel-qualifikation als Ingenieur für Maschinenbau und als Designer schuf die Grundlage für ihn, Probleme anders anzugehen - nämlich in zwei Schritten. Zunächst Ideen-generierung ohne Berücksichtigung einer technischen Realisierbarkeit und erst im zweiten Schritt Prüfung auf Umsetzbarkeit.

„Für Innovation ist es entscheidend, über die Grenzen des eigenen Fachs hinauszuschauen”, betont er. Diese Überzeugung wurzelt in prägenden Studienjahren, in denen er parallel zum Studium in verschiedenen Unternehmen arbeitete – eine anstrengende, aber perspektivenerweiternde Zeit.

Ein Professor gab ihm damals den Rat mit, der bis heute sein Schaffen prägt: „Zu Beginn eines schöpferischen Prozesses musst Du stets so denken, als ob alles möglich wäre und Du musst die richtigen Fragen stellen. Solche die Deinen Verstand und Deine Phantasie nicht direkt in ein vorgegebenes Korsett zwängen.” Diese Haltung spiegelt sich in Benno Schiefers Metapher wider: „Wenn Du die Frage stellst, wie könnte ein neuer Toaster aussehen, wird lediglich eine neue Blechbüchse mit Heizdrähten entstehen … wenn Du aber ergebnisoffener fragst, auf welche neuartige Weise erhalte ich knuspriges Brot, ist der Kopf frei für völlig neue Ideen.”

Sein Antrieb ist die schnelle Umsetzung neuer Lösungswege. „Am meisten erfüllt es mich mit Freude, wenn ich eine Idee direkt in der Fertigung sehe und weiß, dass sie funktioniert”, beschreibt er den Moment, in dem eine Vision zur greifbaren Realität wird.

S-Bahn München

Technology with purpose

Die Zahlen sprechen für sich: Das innovative S-Bahn-Design war ein relevanter Faktor für den Gewinn der Münchner Ausschreibung 2023 – ein Auftrag im Wert von über zwei Milliarden Euro. Aber hinter diesen beeindruckenden Zahlen steht eine noch wichtigere Erkenntnis: „Technology with Purpose“ zahlt sich aus.
Seine Erfindung ist der beste Beweis dafür, wie sich Design, Ingenieurskunst und Nachhaltigkeit miteinander verbinden lassen, um im Alltag von Millionen einen echten Mehrwert zu schaffen.

In einer Zeit, in der nachhaltige Mobilität eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen ist, setzt das Münchner S-Bahn-Projekt ein Zeichen: Innovation entsteht dort, wo menschliche Bedürfnisse, technische Exzellenz und unternehmerische Verantwortung aufeinandertreffen. So wird die Geschichte einer Zugfront zur Vision einer Zukunft, die heute schon Gestalt annimmt.

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