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Group photo of the EthonAI team standing together in an office space, wearing matching EthonAI hoodies.

Wenn Maschinen ihre eigenen Fehler verstehen

Bernhard Kratzwald & Julian Senoner | Inventors of the Year | Open Innovation

Stellen Sie sich vor: In diesem Moment fließen durch die Fabriken unserer Welt Milliarden von Datenpunkten – jede Sekunde. Sensoren registrieren Temperaturen. Kameras erfassen Produkte. Steuerungssysteme protokollieren jeden Handgriff, jeden Prozessschritt. Ein digitaler Herzschlag der modernen Produktion.

Und doch: Etwa 90 Prozent dieser Daten bleiben ungenutzt. Sie werden nicht gespeichert, nicht analysiert, nicht verstanden. Ein Schatz, der im Verborgenen schlummert – sogenannte „Dark Data“: Daten, die zwar erfasst, aber nie ausgewertet werden und dadurch keinen Mehrwert erzeugen und im schlimmsten Fall durch Cyberangriffe zur Gefahr für den Betrieb werden können.

Das ist eine monumentale Verschwendung. Denn in den ungenutzten Daten liegen Informationen und Antworten auf Fragen, die Unternehmen Millionen kosten: Warum entsteht Ausschuss? Wo verpufft Energie unbemerkt? Was unterscheidet mittelmäßige von exzellenter Qualität?

A professional presenting an AI workflow diagram with key insights on production challenges and error analysis.

EthonAI Gründer Dr. Julian Senoner (CEO) & Dr. Bernhard Kratzwald (CTO)

Hier setzt EthonAI an – ein Schweizer Scale-up, gegründet von Julian Senoner (CEO) und Bernhard Kratzwald (CTO), die ihre Vision während ihrer Promotionszeit an der ETH Zürich generierten. Mit ihrer KI-Software-Plattform haben sie digitale Werkzeuge entwickelt, welche Fertigungsprozesse nicht nur überwachen, sondern verstehen. Ihre Lösung analysiert Datenströme in Echtzeit, erkennt Fehlerursachen, entdeckt Optimierungspotentiale, schlägt Lösungen vor und greift ein, bevor aus kleinen Abweichungen teure Probleme werden.

Als die Idee zu EthonAI entstand, arbeiteten die damaligen ETH- Doktoranden eng mit Siemens zusammen – eine Kooperation, aus welcher schließlich die Gründung ihres Unternehmens hervorging. Heute ist EthonAI ein international schnell wachsendes Scale-up mit rund 50 Mitarbeitenden - und wurde als „Inventor of the Year 2025“ in der Kategorie „Open Innovation“ ausgezeichnet. Um der steigenden globalen Nachfrage gerecht zu werden, eröffnete das Unternehmen kürzlich einen Standort in New York City – ein strategischer Schritt zur weltweiten Skalierung.

Digitale Ursachenforschung neu gedacht

EthonAI verwandelt ungenutzte Produktionsdaten in handlungsfähiges Wissen – durch eine intelligente Kombination aus vier Schlüsseltechnologien:

  • Kausale KI erkennt nicht nur Zusammenhänge, sondern echte Ursache-Wirkungs-Ketten – auf Basis eines Wissensgraphen, der alle relevanten Prozessvariablen intelligent miteinander verknüpft.
  • Anomalieerkennung meldet Abweichungen, lange bevor sie eskalieren.
  • Process Mining zeigt, wie Prozesse tatsächlich ablaufen – nicht nur, wie sie geplant sind.
  • Computer Vision identifiziert visuelle Defekte automatisch, die selbst geschulten Augen entgehen – und lässt sich nahtlos in bestehende Siemens Kamerasysteme und Produktionsinfrastrukturen integrieren.
Dr. Bernhard Kratzwald (CTO)</br>

All diese Technologien greifen in den verschiedenen Workflows der EthonAI-Plattform ineinander: Sie ermöglichen datenbasierte Ursachenforschung und Prozessoptimierung, unterstützen die kontinuierliche Produktionsüberwachung in Echtzeit und automatisieren die visuelle Qualitätskontrolle. Gemeinsam bilden sie ein System, das denkt wie ein digitaler Qualitätsingenieur – es sieht, vergleicht, lernt und zieht Rückschlüsse.

Ein Beispiel: In einer Schokoladenfabrik kommt es immer wieder zu Qualitätsproblemen wie gebrochenen Stückchen, Verformungen oder aneinanderklebenden Pralinen. Herkömmliche Systeme erkennen nur, dass ein Fehler besteht. Die Lösung von EthonAI hingegen zeigt, warum: Temperaturschwankungen, Materialchargen, Maschinen-Einstellungen – alle Faktoren werden korreliert, gewichtet und transparent dargestellt.

Das Geniale daran: Die Analysen sind ohne Programmierkenntnisse zugänglich. Über ein intuitives No-Code-Interface können Ingenieur:innen eigenständig Ursachen erforschen und Verbesserungen anstoßen. Visuelle Erklärbarkeitsfunktionen – etwa farbcodierte „Heatmaps“ – steigern zusätzlich die Transparenz der Entscheidungen und fördern das Vertrauen zwischen Mensch und Maschine.

Die Implementierung erfolgt bemerkenswert schnell: In weniger als drei Wochen ist die Software-Suite produktiv nutzbar. EthonAI begleitet den Prozess mit einem dedizierten Roll-out-Team, das Datenintegration, Schulung und Onboarding unterstützt – vor Ort oder remote.

Vom Siemens-Pilotprojekt zur globalen Plattform

Erprobt wurde die Technologie zunächst in mehreren Siemens-Werken. Heute ist sie bereits in acht Fabriken von Siemens im produktiven Einsatz, in 20 weiteren wird sie aktuell getestet.

In Buffalo Grove (USA) unterstützt EthonAI die automatisierte visuelle Qualitätskontrolle – ein Beispiel dafür, wie Softwareausschuss reduziert und Effizienz messbar gesteigert wird.

Damit ist EthonAI längst über die Pilotphase hinaus: Die Lösung wird weltweit in der Industrie eingesetzt und ist Teil des Siemens Xcelerator Marketplace. Dadurch profitiert nicht nur Siemens selbst von der innovativen Lösung von EthonAI, sondern steht auch den Siemens Kunden und dem gesamte Xcelerator Ecosystem zur Verfügung.

Durch ihre modulare Architektur skaliert die Lösung mühelos über Werke und Kontinente hinweg und lässt sich nahtlos in bestehende Siemens-Technologien einbetten.

Die Wirkung ist messbar:  

  • Bis zu 80 % weniger Ausschuss 
  • Über 5 % mehr Durchsatz 
  • Mehr als 1 Mio. USD Einsparung pro Werk 
  • 25 % höhere Effizienz bei Bediener:innen 
  • ROI zwischen 5 und 10 x 
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Nachhaltig, effizient – und erklärbar

Weniger Ausschuss bedeutet weniger Materialverbrauch, weniger Energie, geringere Emissionen und steht damit exemplarisch für den Anspruch von Siemens, Technologie mit Sinn, Wirkung und Nachhaltigkeit zu gestalten.

“Man braucht mutige Entscheidungen,“ sagt Senoner. „Siemens war einer unserer ersten Kunden – und hat genau solche Entscheidung getroffen.“

„Für uns ist das der beste Beweis“, ergänzt Kratzwald, „dass Technologie dann ihre größte Wirkung entfaltet, wenn Menschen bereit sind, ihr zu vertrauen.“ EthonAI zeigt, wie industrielle KI nicht nur Prozesse verbessert, sondern Perspektiven verändert – und so eine Industrie mitgestaltet, die Zukunft hat.

Auch internationale Innovationsinitiativen würdigen die Plattform: Das World Economic Forum zeichnete EthonAI im Rahmen seines MINDS-Programms (Meaningful, Intelligent, Novel and Deployable Solutions) aus – als Beispiel dafür, wie künstliche Intelligenz reale industrielle Herausforderungen löst.

Mit der Siemens for Startups Initiative baut Siemens sein Versprechen aus, auch in Zukunft innovative Unternehmen wie EthonAI auf ihrem Weg zu unterstützen und den Markteintritt zu erleichtern.

EthonAI zeigt, wie KI zu einem Partner der Produktion wird – nicht zum Ersatz des Menschen, sondern zu seiner Erweiterung. Das Ergebnis: Fabriken, die intelligenter, nachhaltiger und widerstandsfähiger arbeiten – und eine Industrie, die nicht nur produktiver ist, sondern Zukunft gestaltet.

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