Gesamtansicht des Wasserkraftwerks Ardnacrusha am Shannon, 1929
Anfang der 1920er Jahre ist Irland, abgesehen von einigen größeren Städten wie Dublin und Cork, „elektrisch gesprochen, gänzlich unberührt“. Die Gesamtleistung aller öffentlichen Elektrizitätswerke beläuft sich auf rund 27.000 Kilowatt (kW). Da der Freistaat (heute: Republik Irland) kaum eigene Kohlevorkommen besitzt, ist man bestrebt, die einheimische Wasserkraft für die Elektrifizierung und wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu nutzen. Das mit Strom zu versorgende Gebiet wird damals von rund drei Millionen Menschen bewohnt und entspricht mit seinen 70.000 Quadratkilometern etwa der Größe Bayerns.
Die Idee, die Strömungsenergie am gefällreichen Unterlauf des Shannon zur Stromerzeugung in einer einzigen Wasserkraftanlage zu nutzen, stammt von Thomas McLaughlin. Der irische Physiker und Elektroingenieur arbeitet ab Ende 1922 bei den Siemens-Schuckertwerken (SSW) in Berlin. Mit Unterstützung der Siemens-Wasserkraftexperten gelingt es ihm, die irische Regierung von der Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit des Projekts zu überzeugen. Anfang 1924 kommt es zu ersten Gesprächen zwischen Siemens und Regierungsvertretern des Irischen Freistaats. Infolgedessen wird das deutsche Elektrounternehmen aufgefordert, die Vorschläge zur Energieerzeugung und -verteilung auszuarbeiten.
Am 1. Oktober 1924 legt Siemens einen ausführlichen Projektplan vor. Das Dokument hat 358 Seiten und enthält außer technischen Beschreibungen ein bindendes Angebot samt detaillierter Kostenkalkulationen auf Basis sorgfältig erarbeiteter Wasserwirtschaftspläne. Nach eingehender Prüfung durch internationale Sachverständige wird der Entwurf leicht überarbeitet und dem Parlament in Dublin zur Zustimmung vorgelegt. Im Juli 1925 verabschiedet die Regierung mit dem sogenannten Shannon Electricity Act die legislativen Grundlagen für die Durchführung des ehrgeizigen Projekts. Einen Monat später, am 13. August 1925, wird der erste „Shannon-Vertrag“ geschlossen; Generalunternehmer und Lieferant der elektrischen Ausrüstung sind die Siemens-Schuckwertwerke.
Für die Wasserkraftanlage wird in der Nähe des Ortes Killaloe ein Wehr errichtet, das den Wasserspiegel des Shannon um 10 Meter aufstaut. Oberhalb des Wehres sind rechts und links des Flusses Dämme zur Begrenzung des hier vorgesehenen Staubeckens geplant. Vom Wehr zweigt ein 12,5 Kilometer langer, schiffbarer Kanal (Obergraben) ab, in dem das Wasser zu der bei Ardnacrusha gelegenen Krafthausanlage geführt wird. An das Krafthaus schließt sich ein 2 Kilometer langer Untergraben an, durch den das Wasser dem Shannon oberhalb vom Limerick wieder zugeführt wird. Das Höchstgefälle zwischen Ober- und Untergraben beträgt 34 Meter.
Das Flusswasser wird durch eiserne Rohrleitungen von je 6 Meter Durchmesser den Turbinen im Krafthaus zugeleitet, die die Strömungsenergie in Rotationsenergie umwandeln und die angekoppelten Generatoren antreiben. Die von diesen erzeugte Elektrizität wird über Schaltanlagen und Transformatorenstationen mit Fernleitung im Land verteilt wird.
Die Realisierung des Shannon-Projekts erweist sich für alle Beteiligten als gewaltige organisatorische und technische Herausforderung. Dies gilt insbesondere für die Tiefbauarbeiten, mit deren Durchführung die Tochtergesellschaft Siemens-Bauunion (SBU) beauftragt wird – und die unmittelbar nach Auftragserteilung beginnen: Insgesamt müssen etwa 8 Millionen Kubikmeter Erde ausgehoben und in die Dämme eingebracht, etwas weniger als 1,2 Millionen Kubikmeter Fels gesprengt und verfahren werden.
Da in Irland keine nennenswerte Bauindustrie existiert, müssen so gut wie alle Maschinen und Materialien mit eigens gecharterten Dampfern von Deutschland nach Irland transportiert werden – an Baumaschinen und Geräten allein etwa 30.000 Tonnen. Der Strom, der zum Betrieb dieses Maschinenparks nötig ist, wird wiederum von einem eigenen Baukraftwerk mit einer Gesamtleistung von 4200 PS erzeugt.
Das feuchte Klima Irlands, problematische Bodenverhältnisse sowie geologische Formationen, deren Tücken bei den Vorab-Bodenuntersuchungen und Probebohrungen nicht erkannt worden waren, beeinträchtigen immer wieder den Fortschritt der Tiefbauarbeiten. Erschwerend kommt hinzu, dass viele der ca. 3500, auf Wunsch der Regierung überwiegend einheimischen Arbeitskräfte wenig Erfahrung im Tiefbau haben.
Das Großprojekt am Shannon wird stufenweise realisiert; in der ersten Ausbaustufe installiert Siemens je drei Turbinen, Drehstromgeneratoren und Transformatoren. 1928 beginnt die Montage der drei 38.600-PS-Francis-Spiralturbinen mit stehender Welle, die direkt mit je einem Drehstromgenerator von 30 MVA Leistung gekoppelt werden.
Das Krafthaus – das Herzstück der gesamten Anlage – besteht aus der Generatorenhalle, dem 38-kV-Schalthaus und dem 10-kV-Schalthaus. Hier wird der Strom auf 110 oder 37,5 kV umgespannt. An die Generatorenhalle schließen sich Räumlichkeiten für die Aufstellung der Transformatoren, für Werkstätten zur Ausbesserung der Generatoren, Turbinen und anderen Maschinen sowie Lagerräume an. Die Anlage wird in ihren wesentlichen Teilen am 17. Oktober 1929 in Betrieb genommen.
Vom Shannon aus wird der gesamte Irische Freistaat über ein Leitungsnetz für 110 kV, 37,5 kV und 10 kV mit einer Gesamtlänge von 3400 Kilometern und zahlreichen Schaltstellen und Transformatorenstationen mit Strom versorgt.
Die Fernleitungen zu den beiden größten irischen Städten, der Hauptstadt Dublin und der Hafenstadt Cork, die naturgemäß den meisten Strom abnehmen und außerdem noch als Speisepunkte für das ausgedehnte Mittelspannungsverteilnetz dienen, sind rund 185 und 96 Kilometer lang. Zur Versorgung von Dublin wird eine 110 kV-Doppelleitung errichtet, während Cork durch eine 110 kV-Einfachleitung mit dem Kraftwerk verbunden ist.
Sabine Dittler und Christoph Frank
Zum Weiterlesen
Any Bielenberger (Editor), The Shannon Scheme and the Electrification of the Irish Free State, Dublin 2002; Gerald O’Beirne, Siemens in Ireland 1925−2000. Seventy−five Years of Innovation, Dublin 2000.