Schallplatte mit Musik von Erhard Bauschke, 1937
Die Geschichte der Deutschen Grammophon Gesellschaft reicht bis in das Jahr 1898 zurück, als Emil und Josef Berliner das Unternehmen in ihrer Heimatstadt Hannover gründeten und von hier aus den europäischen Markt für die von ihnen entwickelte Schallplatte erschlossen. Bis dahin waren Schallaufnahmen nur auf Walzen möglich gewesen; für jede Aufnahme musste eine neue Walze produziert werden. Im Unterschied dazu konnten die flachen Schallplatten durch das Matrizenpressverfahren vergleichsweise leicht reproduziert werden. Dank dieses Vorteils setzte sich die Schallplatte in kürzester Zeit durch. Bereits im ersten Jahr wurde die für die damalige Zeit unvorstellbare Menge von rund 25.000 Platten pro Tag gepresst.
Das 1925 entwickelte elektrische Aufnahmeverfahren sowie die aufkommende Jazz- und Schlagermusik führten zu weiteren Umsatzsteigerungen. Mit 30 Millionen verkauften Schallplatten feierte die deutsche Schallplattenindustrie 1929 das bislang „beste Jahr“. Niemand konnte sich vorstellen, dass die gesamte Branche kurze Zeit später in existenzielle Schwierigkeiten geraten könnte. Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich mit zeitlicher Verzögerung ab 1932 spürbar aus und legte die strukturellen, eng mit der zunehmenden Verbreitung des Konkurrenzmediums Rundfunk zusammenhängenden Probleme dieses Zweigs der Unterhaltungsindustrie offen. Der Schallplattenverkauf brach ein: 1934 wurden branchenweit nur noch 6 Millionen Platten verkauft, davon entfiel knapp die Hälfte auf die DGG. Zahlreiche kleine und kleinste Plattenfirmen überstanden die Krise nicht, die marktbeherrschende DGG verzeichnete einen drastischen Umsatzrückgang. Selbst damalige Publikumslieblinge wie die Tanzorchester von James Kok, Oskar Joost und Erhard Bauschke trugen nur unwesentlich zur Ankurbelung des Geschäfts bei. Die Negativentwicklung konnte allenfalls mit drastischen Preissenkungen und der Herausgabe einer Billigserie – die Platte kostete jetzt statt 4,00 RM nur noch 2,50 Reichsmark – abgemildert werden.
Voraussetzung für den von den 1933 ausgewanderten Hauptaktionären angestrebten Verkauf der defizitären DGG war eine Sanierung auf breiter Grundlage. Verhandlungen mit Telefunken – einer Tochtergesellschaft von Siemens & Halske und der AEG – führten 1937 zur Auflassung der Deutschen Grammophon Aktiengesellschaft. Gleichzeitig wurde ein Konsortium unter Führung der Deutschen Bank und Telefunken eingesetzt, das schließlich die Deutsche Grammophon GmbH gründete. Diese Rettungsaktion verlief parallel zu der allmählichen Stabilisierung der Unterhaltungsindustrie. 1936 wurden 9 Millionen, 1937 bereits 10 Millionen Platten deutschlandweit abgesetzt. Ein großer Teil davon entfiel erneut auf die DGG mit ihrem bekannten Bildlabel „Die Stimme seines Herrn“.
Durch die sogenannte Telefunken-Transaktion im Frühjahr 1941, als Siemens & Halske sowie die AEG ihr Portfolio bereinigten, gelangten sämtliche Geschäftsanteile der DGG an Siemens. Der Musikliebhaber Ernst von Siemens entwickelte das Unternehmen in den 1940er und 1950er Jahren zum uneingeschränkten Branchenführer in Deutschland. Seine Erfolge sorgten auch international für Anerkennung. Der Enkel Werner von Siemens’ widmete sich mit Leidenschaft dem Aufbau eines spektakulären Repertoires an klassischer Musik, förderte den noch jungen Dirigenten Herbert von Karajan und finanzierte diese außerordentlich kostspieligen Aufnahmen durch Schlager- und Tanzmusik, von der während der Kriegsjahre große Mengen hergestellt und auch ins europäische Ausland exportiert wurden.
Die ganz große Zeit der DGG waren die 1950er und 1960er Jahre. Jedes Kind kannte die DGG-Marke „Polydor“ sowie das orangefarbene Etikett mit den stilisierten Sternchen – beides entworfen von Siemens-Werbeberater Hans Domizlaff. Ab den 1960er Jahren zog sich Siemens schrittweise aus dem Plattengeschäft zurück.
14. Juni 2012 – Dr. Frank Wittendorfer
Zum Weiterlesen
Sophie Fetthauer, Deutsche Grammophon. Geschichte eines Schallplattenunternehmens im "Dritten Reich" (= Musik im "Dritten Reich" und im Exil; Bd. 9). Hamburg 2000.