Titelseite des Gesellschaftsvertrags für die Siemens-Schuckertwerke GmbH, 1903
Die Wurzeln der EAG liegen in einer 1873 von Sigmund Schuckert in der Nürnberger Schwabenmühle eingerichteten feinmechanischen Werkstatt. Bereits im folgenden Jahr konnte hier mit der Produktion von Dynamomaschinen zur Stromerzeugung begonnen werden. Nach dem Umzug in größere Werkhallen im Nürnberger Vorort Steinbühl wurden ab 1879 auch Bogenlampen, elektrische Messinstrumente und Scheinwerfer gefertigt. 1885 trat der Leipziger Kaufmann Alexander von Wacker als Teilhaber in das Unternehmen ein, das nunmehr als „S. Schuckert & Co.“ firmierte. Im Jahr darauf wurde die Fertigung elektrischer Straßenbahnen aufgenommen, ab 1887 erfolgte der Bau und Betrieb von Elektrizitätswerken und Verteilernetzen zur Stromversorgung von Kommunen und Industriebetrieben. Nachdem Sigmund Schuckert aus der Unternehmensleitung ausgeschieden war, erfolgte 1893 unter maßgeblicher Beteiligung eines Bankenkonsortiums in Köln die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft (Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vorm. Schuckert & Co., Nürnberg).
Die EAG sollte sich zu einem führenden Großunternehmen im Bereich Starkstromtechnik entwickeln. Bis 1900 errichtete sie europaweit 120 Elektrizitätswerke – mehr als die beiden Konkurrenten Siemens & Halske und die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) zusammen. In 50 Städten installierte das Nürnberger Unternehmen über 700 km elektrische Straßenbahnen und rüstete diese mit 1100 Motorwagen aus. Mit 8500 Mitarbeitern unterhielt die EAG an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert allein in Deutschland 36 Zweigniederlassungen sowie zahlreiche Vertretungen in Europa, Südamerika und Ostasien.
Der kapitalintensive Bau und Betrieb von Elektrizitätswerken zog jedoch eine finanzielle Überlastung des Unternehmens nach sich. Dieses Phänomen war zeittypisch und betraf fast die gesamte elektrotechnische Industrie in Deutschland. Um Aufträge über den Bau von Straßenbahnen, öffentlichen Beleuchtungen und Kraftwerken von den zumeist finanzschwachen Kommunen zu erhalten, war es nämlich erforderlich, Projektierung, Ausführung, Finanzierung und Betrieb solcher Großanlagen in einem Paket anzubieten. In der Fachsprache der damaligen Elektroindustrie wurde diese Gepflogenheit als „Unternehmergeschäft“ bezeichnet. Für diese Zwecke gründete man eigene Finanzierungs- und Betriebsgesellschaften.
Nachdem das Unternehmergeschäft die Elektroindustrie in vielen Fällen finanziell überfordert und an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatte, setzte ab 1901 ein umfassender Konzentrationsprozess innerhalb der Branche ein, der damit endete, dass S&H sowie die AEG zahlreiche kleinere und größere Unternehmen übernahmen. Fortan war die deutsche Elektroindustrie von dem Zwiegespann S&H und AEG dominiert. Um dem Erstarken der AEG infolge dieses gern als „Elektrokrise“ bezeichneten Prozesses entgegenzuwirken, leitete S&H Fusionsverhandlungen mit der spürbar geschwächten EAG ein, die schließlich im März 1903 zur Vereinigung der Starkstromabteilungen von S&H mit der EAG – und somit zur Gründung der Siemens-Schuckertwerke GmbH (SSW) führten. Damit waren die Arbeitsgebiete des Hauses Siemens geteilt: S&H war nun auf dem Schwachstromsektor aktiv, SSW hingegen im Bereich der Starkstromtechnik. Hochzufrieden mit dieser Fusion schrieb der damalige Seniorchef des Hauses, Carl von Siemens, an seinen Neffen Wilhelm: „Gratuliere zum Abschluß mit Schuckert, den der Himmel mit Segen überschütten möge.“
Die Siemens-Schuckertwerke nahmen zum 1. April 1903 den Geschäftsbetrieb auf. Erster Vorstandsvorsitzenden wurde Alfred Berliner, der dieses Amt bis 1912 wahrnahm. 1927 erfolgte die Umwandlung der SSW in eine Aktiengesellschaft, die ihren Verwaltungshauptsitz nach dem Zweiten Weltkrieg von Berlin nach Erlangen verlegte. 1966 gingen die SSW als eine von drei Stammgesellschaften in der neugegründeten Siemens AG auf.
1. April 2012 – Dr. Frank Wittendorfer