Die ICE's der ersten Generation nebeneinander: (v.l.n.r.) Der Versuchs-ICE, ein ICE 1 und zwei ICE 2 im ICE-Werk München 1996
Die Bilanz nach sechs Monaten konnte sich sehen lassen: Auf 7.400 Verbindungen des neuen ICE wurden fünf Millionen Reisende befördert. Elf Prozent der Passagiere seien dabei – bei steigender Tendenz – neue Kunden der Bahn gewesen, freute sich das Unternehmen in seinem Geschäftsbericht für das Jahr 1991. Die Bahn feierte das Ereignis als dritte großtechnische Innovation im Personenverkehr nach dem Trans-Europa-Express Mitte der 1950er Jahre und dem InterCity Ende der 1970er.
Davor standen lange Jahre der Entwicklung: 1983 gab die damalige Bundesbahn einen „InterCity Experimental“ in Auftrag. An Entwicklung und Bau der neuen ICE-V, das „V“ stand für Versuch“, waren unter Federführung des Bundesbahn-Zentralamts in München rund 300 Unternehmen beteiligt, darunter neben Siemens, Thyssen-Henschel, Krupp, Krauss-Maffei, Duewag und die AEG. Im Laufe unzähliger Probefahrten und Testläufen steigerte der fünfteilige Versuchszug seine Geschwindigkeit kontinuierlich, bis er am 14. November 1985 erstmals die 300-km/h-Grenze überschreiten konnte. Die offizielle Jungfernfahrt fand wenige Tage später, am 26. November 1985, statt. Höhepunkt der Entwicklungsarbeiten: Der neue ICE fuhr am 1. Mai 1988 mit einer Spitzengeschwindigkeit von 406,9 km pro Stunde einen damaligen Weltrekord.
Diese Erkenntnisse flossen in die Entwicklung und den Bau des ICE-1 maßgeblich mit ein. Siemens blieb einer der wichtigsten Zulieferer. Das Unternehmen fertigte unter anderem die Fahrmotoren, Transformatoren, Fahr- und Bremsschalter sowie die Kondensatoren. Nach Fertigstellung und Übergabe nahm am 2. Juni 1991 eine ICE-1 Flotte von 25 Zügen auf der Linie Hamburg–Frankfurt–Stuttgart–München den Betrieb auf. Fast genau 20 Jahre bevor Siemens wieder wichtigster Partner der Deutschen Bahn auf der Schiene wurde.
Mit dem ICx beginnt für die Deutsche Bahn nach eigener Aussage zum wiederholten Mal eine neue Ära. Der Rahmenabrufvertrag, der Anfang Mai in Berlin zwischen der Deutschen Bahn und Siemens unterzeichnet wurde, umfasst einen Lieferumfang von bis zu 300 ICx-Zügen bis 2030. Und auch hier ist der Chef der Bahn wieder begeistert: „Insbesondere unsere Kunden können sich auf den modernsten Zug der Welt freuen,“ so Rüdiger Grube. Bevor die Zugreisenden aber damit fahren können, dauert es noch etwas: Die ersten Züge sollen 2016 aus den Bahnhöfen rollen.
Juni 2011 – Dr. Florian Kiuntke
Zum Weiterlesen
Wolfram O. Martinsen / Theo Rahn / Hans Hermann (Hrsg.), ICE. Zug der Zukunft, Darmstadt 2. Auflage 1997