Das erste Berliner Fernsprechamt mit den von Siemens gelieferten Klappenschränken, 1881
Ende Oktober 1877 schreibt Werner von Siemens an seinen Bruder Carl in London: „Wir sind hier jetzt im großen Telephontrubel! […] Stephan hat vor, jedem Berliner Bürger womöglich ein Telephon zu jedem anderen zur Disposition zu stellen!“ Doch die Berliner sind zunächst skeptisch. Ende des 19. Jahrhunderts sind Briefe das gängige Kommunikationsmittel; dringende Nachrichten werden per Telegramm übermittelt. Außerdem kostet ein Telefonanschluss 200 Mark Jahresgebühr, sofern er sich nicht weiter als zwei Kilometer entfernt von der Vermittlungsstelle eingerichtet wird. Mit jedem zusätzliche Kilometer Leitung steigen die Kosten um 50 Mark. Entsprechend zögerlich folgen Unternehmer und Privatleute einem an sie gerichteten Aufruf des Generalpostmeisters, sich als Teilnehmer für das Berliner Fernsprechnetz registrieren zu lassen.
Mitte Januar 1881 nimmt die erste öffentliche Vermittlungsstelle Deutschlands in der Französischen Strasse, Berlin den Versuchsbetrieb auf. Die Gespräche der acht (!) Teilnehmer werden mit Hilfe der von Siemens & Halske produzierten „Klappenschränke“ von Hand vermittelt. Denn neben den Telefonapparaten liefert das Elektrounternehmen auch die zum Fernsprechen erforderliche technische Infrastruktur. Im April 1881 geht die erste „Stadtfernsprechanlage“ offiziell in Betrieb; die Zahl der Anschlüsse ist inzwischen auf 48 gestiegen. Da die Vermittlung von Hand erfolgt, ist das Telefonieren zwischen 21.00 und 8.00 Uhr nicht möglich. In dieser Zeit ist das Fernsprechamt nicht besetzt. Zunächst ist die Telefonvermittlung fest in männlicher Hand. Erst 1890 lässt die Postverwaltung weibliche und damit kostengünstigere Fernsprechgehilfinnen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren zur Bedienung der Klappenschränke zu – allerdings unter Aufsicht männlicher Beamter. Das „Fräulein vom Amt“ ist geboren.
Am 14. Juli 1881 erscheint in Berlin das erste amtliche Fernsprechbuch. Dieses „Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“ umfasst insgesamt 400 Nummern, von denen bei Erscheinen knapp die Hälfte vergeben sind. Über ein Drittel der Anschlüsse wird von der Berliner Finanzwelt belegt, allein die Berliner Börse verfügt über neun Nummern. Die damals in der Markgrafenstraße 94 ansässige Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske hat übrigens die Telefonnummer 378.
Ende 1881 sind 458 Teilnehmer an das Berliner Ortsnetz angeschlossen, bereits im Mai 1889 wird der 10.000. Teilnehmer registriert. Bis zur Jahrtausendwende wächst die Zahl der Berliner Telefonkunden auf 130.000. Angesichts dieser Entwicklung, die sich in anderen Städten Deutschlands ähnlich gestaltet, gerät die Handvermittlung an ihre Kapazitätsgrenzen. Als Konsequenz wird die Telefonvermittlung im Ortsbereich automatisiert: 1909 geht das erste deutsche Großstadt-Fernsprechamt mit Selbstwählbetrieb für zunächst 2.500 Anschlüsse unter Federführung von Siemens in München-Schwabing in Betrieb. Und 1923 realisiert Siemens im oberbayerischen Weilheim die weltweit erste vollautomatische Fern-Wählanlage.
Sabine Dittler
Zum Weiterlesen
1881 Berlins erstes Telefonbuch, mit Anmerkungen hrsg. v. Gerhild H. M. Komander, Berlin 2006
Fräulein vom Amt, hrsg. v. Helmut Gold und Annette Koch [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Postmuseum], München 1993