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Das Magazin für Forschung und Innovation
 

Elektromobilität

Flüsterleise über den Königssee

Zeitlos: Flüsterleise gleiten die Elektroboote durch das Wasser. Dafür sorgen 56 Jahre alte elektrische Motoren von Siemens

Seit mehr als 90 Jahren fahren die Boote auf dem bayerischen Königssee mit Elektromotoren aus dem Hause Siemens. Da die alten Antriebe in die Jahre gekommen sind, sollen sie ausgetauscht werden: mit dem gleichen Modell wie von 1958.

Ein Meer aus Fahnen empfängt Klaus Hunsicker in Schönau am Königssee in Oberbayern. Der Siemens-Ingenieur bahnt sich seinen Weg durch die Fußgängerzone, vorbei an zahlreichen Geschäften, in denen Trachten und Souvenirs angeboten werden. Der Geruch von frisch gebackenen Brezen liegt in der Luft. Langsam wird der Blick frei auf den weltberühmten Königssee. Wie ein Fjord liegt das smaragdgrüne Wasser vor ihm im Tal, eingerahmt von steilen Felswänden, beherrscht durch das knapp 2.700 Meter hohe Watzmannmassiv. Knapp acht Kilometer lang, bis zu 190 Meter tief – insgesamt über 500 Millionen Kubikmeter Wasser, das man auch problemlos trinken könnte.

Klaus Hunsicker ist in besonderer Mission unterwegs. Die Schiffsflotte der Bayerischen Seenschifffahrt benötigt mehrere neue Elektromotoren für ihre Boote. Die Herausforderung dabei: Es soll der gleiche Motortyp wie 1958 sein, eine Sonderanfertigung von Siemens speziell für den Königssee. Hier kommt Hunsicker ins Spiel. Als Leiter des Siemens Repair Centers ist er Spezialist für den Nachbau von Motoren und dafür weltweit im Einsatz. In der Werft direkt am See trifft er Michael Brandner, den Technischen Leiter und Herr über 18 Elektroboote.

Seit  Anfang des 20. Jahrhunderts verkehren auf dem Königssee mit Siemens-Motoren angetriebene Elektroboote. Bis dahin wurden die Gäste mit Ruderbooten von sogenannten „See-Knechten“ über den See befördert. Möglich machte die Elektrobootära die 1909 eröffnete und inzwischen stillgelegte Eisenbahnstrecke, die Strom für die Akkus der Elektroschiffe bereitstellte – neben den Zügen lieferte Siemens damals auch die Technik für das Kraftwerk Gartenau bei Berchtesgaden. Bei der Entscheidung für den elektrischen Antrieb stand 1909 allerdings noch nicht der Umweltschutzgedanke im Vordergrund. Prinzregent Luitpold sah sein Jagdgebiet am Königssee durch den Lärm von Verbrennungsmotoren gefährdet, der das Wild hätte verschrecken können. Die Anschaffung der lautlos über den See gleitenden Elektroboote war daher ganz in seinem Sinne. Eröffnet wurde die Elektroschifffahrt mit dem von den Siemens-Schuckert-Werken gelieferten Elektroboot „Akkumulator“. Es folgten bald weitere Boote, alle mit Siemens-Elektromotoren. Sie setzten sich aufgrund ihrer Zuverlässigkeit, Emissionsfreiheit und der niedrigen Betriebskosten durch. Die noch heute eingesetzten 110-Volt-Reihenschlussmotoren aus dem Baujahr 1958 erreichen bei einer Leistung von rund neun Kilowatt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 Kilometern pro Stunde. Sie legen pro Betriebstag etwa 120 Kilometer Strecke zurück und verbrauchen dafür knapp 80 Prozent ihrer Akkuladung.

„Motoren gleicher Leistung von heute sind in etwa so groß wie eine Schuhschachtel"

„Eigentlich wissen wir uns stets selbst zu helfen“, sagt Brandner. „Wir geben unser Wissen über die Motoren von Generation zu Generation weiter und haben die alten Motoren sogar in unsere neuen Boote eingebaut“, berichtet er stolz. Die Schiffe werden in der hauseigenen Werft gewartet und seit 1983 auch dort gebaut. Der wachsende Besucheransturm bringt die Königsseeschifffahrt immer wieder an die Kapazitätsgrenze. „Deshalb darf keiner der Motoren auch nur eine Minute stillstehen“, sagt Brandner, der seit 25 Jahren bei der Seenschifffahrt arbeitet. Brandner führt den Siemens-Fachmann durch die am See gelegenen Bootshäuser zum  Allerheiligsten, wo Hunsickers betagter Patient wartet: Ein typisches Boot aus der Flotte der Seenschifffahrt. Es ist 20 Meter lang, 3,5 Meter breit und aus edlen Holzarten handgearbeitet. Im Inneren finden bis zu 93 Passagiere auf Holzbänken im Stil der 20er Jahre Platz, auf denen rote Kissen aus der hauseigenen Polsterei eine angenehme Fahrt garantieren. Brandner zieht eine große Klappe im Fußbereich zwischen den Bänken nach oben. Er legt das Herzstück des Boots frei: Den Elektromotor von Siemens. Hunsicker ist die Freude über diesen Anblick ins Gesicht geschrieben. „So etwas bekommt man nicht von der Stange“, sagt er mit funkelnden Augen. Immer wieder hat der Service-Techniker sich im Vorfeld mit Brandner ausgetauscht, alte Pläne und Datenblätter gewälzt und Fotos der historischen Technik studiert.

Dass sich der Weltkonzern auch bei kleinen Aufträgen um sein technisches Erbe kümmert – für den Elektroingenieur aus St. Ingbert im Saarland ist das eine Selbstverständlichkeit. „Kein anderes Unternehmen hat das Know-how, einen 56 Jahre alten Elektromotor nachzubauen. Das ist wirklich etwas Besonderes“, sagt Brandner stolz. Und weiter: „Wir bekommen wieder einen Motor, der perfekt zu den vorhandenen Installationen passt. Die bereits vorhandene Elektronik auszutauschen wäre deutlich teurer als ein nachgebauter Motor“.

Nachbau der alten Motoren ist die optimale Lösung

Hunsicker erklärt das Problem: „Motoren gleicher Leistung von heute sind in etwa so groß wie eine Schuhschachtel, deshalb sind sie nicht mit der vorhandenen Bordelektronik kompatibel.“ Diese ist auf die alten Motoren ausgelegt, die um ein Vielfaches größer sind. Außerdem ist ein Motor des alten Typs weniger komplex, weshalb er von den hauseigenen Elektrikern in Schönau selbst gewartet werden kann – ein wichtiger Aspekt für die Königsseeschifffahrt. Denn für einen zuverlässigen Betrieb – vor allem während der Hochsaison, wenn täglich mehrere tausend Fahrgäste den See überqueren wollen – muss bei Ausfällen schnell reagiert werden können. Ein Nachbau der alten Motoren ist für den Kunden daher die optimale Lösung und die Investition sinnvoll.

Schnell verschafft sich Hunsicker einen Gesamtüberblick und bespricht die nächsten Schritte mit Michael Brandner. Damit Siemens der Bayerischen Seenschifffahrt ein Angebot unterbreiten kann, sind noch weitere Vorarbeiten notwendig. Ein Bauplan für den Motor existiert nicht mehr, deshalb muss einer der alten Elektromotoren zur Demontage in das Repair Center nach St. Ingbert. Wenn neue Pläne angefertigt sind, kann der neue alte Motor innerhalb von acht Monaten gebaut und rechtzeitig zur Hauptsaison ausgeliefert werden.

Bevor sich der 55-Jährige Saarländer auf den Rückweg macht, lädt Brandner ihn noch zu einer Fahrt hinüber zur Wallfahrtskirche St. Bartholomä ein. Ein Muss. Schon deshalb, weil auf halber Strecke der Kapitän seine blankpolierte  Trompete an die Lippen legt, um das weltberühmte doppelte Echo an der steilen Brentenwand zum Erklingen zu bringen. Jetzt weiß Hunsicker, wofür er die lange Reise auf sich genommen hat. Denn nicht zuletzt dank der flüsterleisen Motoren bleibt dieses Paradies erhalten.

Kerstin Schreiner, Andreas Binner