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Das Magazin für Forschung und Innovation
 

Elektromobilität

Elektrobusse: Wien steht unter Strom

Elektrisch durch die City: Die erste Elektrobusflotte im Linienbetrieb rollt emissionsfrei durch Österreichs Hauptstadt Wien.

Die erste Elektrobusflotte Europas überzeugt die Wiener Linien im Alltagsbetrieb durch ihr neuartiges Schnellladekonzept. Und ein Joint Venture schickt sich an, den Autofahrern die Sprit-Alternative Elektrizität schmackhaft zu machen.

Im Westen Wiens, in einem klassischen Arbeiter- und Industrieviertel, liegt eine der drei Busgaragen der Wiener Linien. Der unscheinbare Flachbau und die dahinter stehenden Zapfsäulen für Treibstoff lassen nicht ahnen, dass sich hier neue Antriebskonzepte für den öffentlichen Nahverkehr verbergen: Denn hier parken die ersten von insgesamt zwölf Elektrobussen (eBusse) unter Stromschienen, über die sie Energie beziehen.

Seit Sommer 2013 fahren zwei Linien im Zentrum der österreichischen Hauptstadt komplett mit Strom. Hinter der Umrüstung der Innenstadtlinien, auf denen bisher Busse mit Flüssiggasantrieb fahren, stand „ein stadtregierungsübergreifendes Projekt, mit dem Ziel die ‚Öffis‘ weiter auszubauen, zu fördern und mehr Leute dazu zu bewegen, sich in der Stadt umweltfreundlich zu bewegen“, erklärt Anna Reich, Pressesprecherin der Wiener Linien. Im Juli 2012 hat der Verkehrsbetrieb verschiedene Modelle getestet, etwa von einem tschechischen Hersteller oder einen österreichischen Solarbus. Durchgesetzt hat sich aber der Linienbus, den Siemens in Zusammenarbeit mit Rampini hergestellt hat. Die italienische Firma ist schon seit längerem im Elektrobusgeschäft tätig.

Fixes Laden

Vor allem das eigens entwickelte Schnellladekonzept habe es den Wiener Linien angetan, erklärt Reich. Die Fahrzeuge der Konnkurrenten hätten entweder deutlich mehr Batterien benötigt, was weniger Platz für die Fahrgäste bedeutet, oder wären durch die Nutzung von Sonnenenergie nicht praktikabel gewesen. Das Siemens-Rampini-Modell dagegen greift auf das gut ausgebaute Gleichstromnetz der Straßen- und U-Bahnen zurück. In der Garage laden die Busse ihre Lithium-Ferrit-Batterien, derzeit eine der effizientesten Akkumulatortechniken, nachts langsam auf volle Kapazität auf. 

An den Endhaltestellen der Linie dockt der Stromabnehmer des eBus an das Straßenbahnnetz an und kann sich über einen Schnellladevorgang binnen zehn bis 15 Minuten wieder aufladen. Dadurch erhöht sich auch die Lebensdauer der Batterien bis um das Doppelte, da es wegen des häufigen Ladens nie zu einer Vollentladung kommt. Für diese enge Verzahnung aus umweltfreundlichem Antrieb und der europaweit einzigartigen Einbindung ins Liniennetz wurde der Bus im Oktober 2012 mit dem „EBUS Award“ des Forums für Verkehr und Logistik ausgezeichnet.

In der Garage führen Josef Hofbauer und Johann Hauswirth stolz zwei der rot-weißen Fahrzeuge vor, auf der Seite prangt das Logo der Wiener Linien, prominent daneben steht „electriCity Bus“. Hofbauer ist Projektmanager bei Siemens, Hauswirth Techniker bei den Wiener Linien und für das eBus-Projekt verantwortlich. Er war einer der ersten, die den eBus im Linienverkehr fahren durften.

"Fährt sich ganz normal"

„Fährt sich ganz normal“, meint er und öffnet die Fahrerkabine. Brems- und „Gas“-Pedal, auf den ersten Blick nichts Besonderes. Erst beim Losfahren spürt man die Unterschiede. Kein lauter Verbrennungsmotor, sondern eher ein angenehmes Surren, eine gleichmäßige Beschleunigung und dank des elektrischen Bremsens auch ein angenehmes Stehenbleiben. Hauswirth bekam bei den Probefahrten durchweg positive Rückmeldungen von den Fahrgästen, vor allem auch „von den älteren, das hat mich überrascht, dass die so interessiert an dem Konzept sind“, sagt er.

Die Vorteile liegen im Inneren verborgen. Da der Drehstrommotor von Siemens mit einer Dauerleistung von 85 Kilowatt gleichzeitig als Generator funktioniert, wird Bremsenergie, die ansonsten als Wärme verpuffen würde, direkt in die Batterien zurückgespeist. Dies ist im Prinzip nichts Neues, aber bei anderen Busherstellern werden meist noch Dieselgeneratoren zur Energiegewinnung eingesetzt – es handelt sich also um Hybridbusse. Vergleichbar mit dem eBus in Wien ist ein Fabrikat eines chinesischen Herstellers, gegen das sich Siemens aber durch die integrierte Ladetechnik abhebt, betont Hofbauer: „Es gibt nirgends auf der Welt etwas ähnliches. Im Bussektor ist das einzigartig.“

Die Sache mit dem Elektromotor ist aber nicht neu. Bereits im Jahr 1909 brachte ein Batteriebus von Siemens Angestellte und Kunden von der Wiener Hofoper zur Konzernzentrale. Doch weil die Speichertechnologie nicht ausgereift war, konnte er sich nicht durchsetzen. Richtig erfolgversprechend scheint die Elektromobilität erst jetzt, im 21. Jahrhundert, zu werden.

"Es gibt nirgends auf der Welt etwas ähnliches. Im Bussektor ist das einzigartig.“

So hat Siemens mit 34 weiteren Firmen eine Plattform namens Austrian Mobile Power ins Leben gerufen, die allerlei Forschungs- und Entwicklungsprojekte anstieß. Aus der engen Zusammenarbeit mit Österreichs führendem Stromunternehmen VERBUND entstand darüber hinaus auch der E-Mobility-Provider Austria, der im Oktober 2012 als Joint Venture von Siemens und VERBUND seine Arbeit aufnahm. Bis 2020 plant das Unternehmen, ein österreichweites Netz von rund 4.500 (semi-)öffentlichen Ladestationen aufzubauen.

Für ein aus Kostengründen attraktives Angebot will der E-Mobility-Provider zudem ein Gesamtpaket aus flächendeckendem Ladesäulennetz, einer Ladebox für zu Hause, sowie Service- und Abschleppdiensten schnüren. Außerdem sollen die Kunden einmal im Jahr ein ‚normales‘ Fahrzeug mit Verbrennungsmotor für die Urlaubsfahrt erhalten.

In der Garage der Wiener Linien dreht gerade ein weiterer eBus seine Testrunden. Bald wird er nach den behördlichen Genehmigungen ebenfalls in den Linienbetrieb übernommen werden. Als nächstes steht dann die Umstellung der Linien mit Großbussen in der Innenstadt auf Elektrobusse an.

Florian Falzeder