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Herr Sebastian Webel
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Smart Cities

Die neue Kollegialität

Komplett vernetzt: Virtuelle Teams arbeiten global und schöpfen ihre vielfachen Talente maximal aus.

Die persönliche Anwesenheit der Mitarbeiter definierte über Jahrzehnte den Arbeitsplatz. Doch das Büro als Dreh- und Angelpunkt der Arbeitswelt löst sich langsam auf. In Zukunft werden Wissensarbeiter zunehmend in vernetzten Teams arbeiten, die über die ganze Welt verstreut sein können – in offenen Bürolandschaften, in Coworking-Zentren, am häuslichen Telearbeitsplatz.

20.000 statt 100, das ist die Zahl, mit der der US-amerikanische Futurist Raymond Kurzweil die rasante Beschleunigung unseres Zeitalters ausdrückt. Lange habe die Menschheit ein lineares Verständnis von technologischem Fortschritt gehabt. Mittlerweile verlaufe dieser jedoch exponentiell. Das Ergebnis: Im 21. Jahrhundert werden so viele technische Neuerungen entstanden sein wie zuvor in 20.000 Jahren.

Selbst wenn sich diese These nicht exakt bewahrheiten sollte, steht eines fest: Unsere Welt durchlebt eine rasante Revolution. So rückt sie online immer näher zusammen: Bis 2020 wird das Internet voraussichtlich fünf Milliarden Menschen vernetzt haben, vor allem in Städten. Eine Entwicklung, die viele Facetten unseres heutigen Lebens nachhaltig verändern wird. Vor allem unsere Arbeitswelt: Statt in einem Einzelbüro innerhalb einer Abteilung zu arbeiten, werden dezentrale, weltweite Kooperationen ebenso wie globale Konkurrenz und lebenslanges Lernen den künftigen Alltag prägen. Die traditionelle Vorstellung einer Karriere nach dem Muster „Ausbildung, Weiterbildung, Karriere und Rente“ ist deshalb – schon heute – ein Auslaufmodell.

Bietet die Vernetzung eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben?

Die Möglichkeit, zu Hause wie im Büro zu arbeiten, stellt Wissensarbeiter vor neue Herausforderungen, Arbeit und Privatsphäre in Einklang zu bringen. Schon heute werden laut einer gemeinsamen Studie von Pierre Audoin Consultants und Computacenter 30 Prozent der Erwerbstätigkeit nicht am Arbeitsplatz erledigt, sondern zu Hause, auf Dienstreisen oder in Coworking Spaces, also stundenweise mietbaren Bürostationen. Smartphones, Tablets und PCs ermöglichen Kommunikation – permanent und überall. Der klassische Feierabend existiert nicht mehr. Gleichzeitig sprechen neben sozialen auch strukturelle Argumente für gelegentliche Home-Office-Tage, etwa wenn in Metropolen wie Shanghai, Tokio oder Mexico City die Fahrt ins Büro zwei Stunden in Anspruch nimmt.

Schon heute werden 30 Prozent der Erwerbstätigkeit nicht am Arbeitsplatz erledigt, sondern zu Hause, auf Dienstreisen oder in Coworking Spaces.

Teamarbeit mittels Internet: Prozessplanung über Zeitzonen hinweg

Die vernetzte Arbeit ermöglicht es, virtuelle Teams zu bilden. So haben etwa die Mitgründerin der Community-Plattform Skills.com, Tammy Johns, und die Managementprofessorin Lynda Gratton von der London Business School drei „Virtualisierungswellen“ definiert:

- Zunächst entstand Ende der 1980er-Jahre für Freiberufler die Möglichkeit, diverse Aufgaben für Unternehmen anhand von E-Mails zu erledigen.

- Später nutzten Angestellte verstärkt die Möglichkeiten mobiler Technologien, um von zu Hause aus und unterwegs zu arbeiten.

- Heute sitzen viele junge Firmengründer, Selbstständige und auch Angestellte großer Firmen in Städten wie London, New York oder Berlin in mit Breitbandnetzen ausgestatteten Coworking-Zentren, also Räumlichkeiten, in denen sie unabhängig voneinander arbeiten. Dort erleben sie, was Einzelkämpfern an ihren Schreibtischen zu Hause abgeht: Kollegialität und Ideenaustausch. Die Zahl dieser Coworking-Zentren soll nach Schätzung der kalifornischen Beraterfirma Emergent Research 2018 weltweit bereits bei über 12.000 liegen.

Virtuelle Teams bedeuten auch: globale Teams. Die können nicht nur dank Cloud Computing von überall auf Datenbanken, Postfächer und Projektmanagement-Tools zugreifen und in allen Zeitzonen tätig sein. Sie haben vor allem die Möglichkeit, unterschiedliche Talente gezielt und kostengünstig einzusetzen.

Innovationspotenzial besteht auch bei den klassischen Wissensarbeitern, wenn sie im offenen Gespräch Ideen einbringen.

Trotz Vernetzung: Physische Treffen bleiben unabdingbar

Wenn alle Teammitglieder sich vornehmlich virtuell miteinander austauschen, ist Integration besonders wichtig. Denn wer nur online miteinander verkehrt, dem fehlt die informelle Kommunikation, das soziale Umfeld. Das zeigt eine Befragung von fast 2.500 Managern, die das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation 2015 im Rahmen der Studie „Zukunftsfähige Führung“ im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt hat. Spontaner Small Talk von Angesicht zu Angesicht fördert den Teamgeist und somit das Verständnis füreinander. „Bei einem räumlich entfernten Kollegen unterlässt man die spontane und kurze Kontaktaufnahme im Zweifelsfall lieber“, schreibt Studienleiterin Josephine Hofmann. Die Folge: Der Teamgeist leidet.

Die Zahl der Coworking-Zentren soll nach Schätzung der kalifornischen Beraterfirma Emergent Research 2018 weltweit bereits bei über 12.000 liegen.

Eine andere Möglichkeit, der physischen Vereinsamung zu begegnen, ist, Kreativköpfen Freilauf zu lassen. Siemens ermöglicht das Mitarbeitern am Standort Neuperlach im Süden Münchens. In der 2015 eröffneten Hightech-Werkstatt „Maker Space“ können sie an 3-D-Druckern, Laser-Cuttern oder CNC-Fräsen Einfälle spielerisch in die Tat umsetzen. Der Gedanke hinter dem Projekt: sie mit anderen Erfindern zu vernetzen und Entwicklungen anzustoßen, die dem Unternehmen womöglich eines Tages nutzen. Innovationspotenzial besteht auch bei den klassischen Wissensarbeitern, wenn sie im offenen Gespräch Ideen zu Arbeitsplatzgestaltung, unterstützender Technik oder Strategie einbringen.

Mobilität und Flexibilität für lebenslanges Lernen

Hinter solchen Bemühungen der Unternehmen steht auch die Einsicht, dass Angestellte ohne lebenslanges Lernen nicht mehr auskommen. Was ist dieses lebenslange Lernen aber anderes als der fortwährende Austausch von Ideen über Generationen hinweg? Viele Firmen hoffen deshalb, durch eine weitgehend barrierefreie Büroumgebung mit Ruhezonen, Kaffeebars und Sitzecken ein kreatives Umfeld zu fördern. Den großen Playern des digitalen Universums im Silicon Valley etwa liegt wenig daran, sich mit Wolkenkratzern und Marmorlobbys zu schmücken. Stattdessen plant Google eine neue Zentrale mit großen Räumen, in der die wenigen Wände beliebig, den sich wandelnden Bedürfnissen entsprechend, verschiebbar sind. Auch Apple baut ein nur vierstöckiges Ringgebäude mit Park in der Mitte und weitläufigen verglasten Arbeitsräumen und Lounges.

Im neuen "Siemens Office"-Konzept soll es weitläufig angelegte Büros mit Kernzonen geben.

In ähnlicher Weise setzt Siemens an vielen Standorten auf das bereits seit 2010 verfolgte „Siemens Office“ -Konzept. In den weitläufig angelegten Büros gibt es keinen Stammplatz mehr, sondern nur noch Kernzonen. Ökonomisch ist dies sinnvoll, da erfahrungsgemäß nie alle Angestellten gleichzeitig anwesend sind und so die vorhandenen Flächen effizient genutzt werden können. Es führt aber auch zu einem stärker ergebnisorientierten Arbeiten, da Präsenz allein kein entscheidender Faktor mehr ist. „Natürlich herrschen am Anfang fast jedes Projekts Unsicherheit und Skepsis, aber zurück in die alte Büroumgebung will nach der Eingewöhnungsphase meist keiner mehr“, sagt Petra Schiffmann von Siemens Real Estate.

Ob in Coworking-Zentren oder in einer offenen Bürolandschaft: Wenn die vernetzten, global agierenden Angestellten im regelmäßigen Austausch mit Gleichgesinnten nicht nur virtuell, sondern auch physisch zusammenarbeiten, stehen die Chancen gut, dass ein positives Gemeinschaftsgefühl entsteht – aus geteilten Werten und Zielen, gemeinsamer Geschichte und womöglich befreundeten Kindern in der firmengeförderten Nachwuchsbetreuung gleich nebenan. 

Hubertus Breuer
Picture credits: von oben: 3.Bild dpa/Picture Alliance