Tools


Siemens Worldwide

Pictures of the Future

Contact

Kontakt

Herr Sebastian Webel
Herr Sebastian Webel

Chefredakteur

Tel: +49 89 636-32221

Fax: +49 89 636-35292

Werner-von-Siemens-Straße 1
80333 München

Pictures of the Future
Das Magazin für Forschung und Innovation
 

Innovationen

Die eigenen Stärken ergänzen

Siemens Innovative Ventures, eine Einheit von Corporate Technology, stellt für Siemens eine wichtige Schnittstelle zwischen der Konzern- und der Start-up-Welt dar. Im Bild: Das Start-up Magazino.

Innovationskraft, Erfindergeist und Schnelligkeit – das sind die besonderen Stärken von Start-ups. Siemens Innovative Ventures macht sich diese zunutze und bündelt sie mit den Vorteilen eines Großunternehmens. Und zwar mit Kooperationen und eigenen Start-up-Gründungen.

Noch nicht der Kinderstube entwachsen, ruhen auf Roboter Toru große Hoffnungen: Der Prototyp des Start-ups Magazino hat enormes Potenzial, in der Logistikbranche und in der Industrie eine glänzende Karriere zu machen. Er kann autonom Gegenstände erkennen, sie greifen und beispielsweise vom Lagerregal zur Packstation bringen. „Auf so ein wahrnehmungsgesteuertes System warten viele Online-Händler händeringend. Denn heutige Systeme können nur ganze Paletten oder Kisten automatisch aus Warenlagern entnehmen, aber keine einzelnen Gegenstände“, erklärt Frederik Brantner, einer der drei Magazino-Gründer. In dem Start-up vereinen sich umfangreiche Expertise in Softwareentwicklung, Elektrotechnik und Maschinenbau. Fokussiert auf die schnelle Entwicklung von Toru zur Marktreife, hat Magazino einen beachtlichen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz, die ebenfalls an solchen autonomen Systemen arbeitet.

Neue Start-up-Welt: Locker, aber konzentriert arbeiten Mitarbeiter von Magazino an innovativen Lösungen für die Logistikbranche.

Logistik braucht dringend autonome Robotiksysteme

Auf Magazino wurde Siemens Novel Businesses (SNB), eine der drei Abteilungen von Siemens Innovative Ventures, bereits Anfang 2014 aufmerksam – ein Jahr nach der Gründung des jungen Unternehmens. „Wir beobachten schon länger, dass die Nachfrage nach autonomen Robotiksystemen wächst, also Systemen, die ihre Umgebung über Sensoren wahrnehmen und daraus Handlungsentscheidungen ableiten können“, erklärt Claudia-Camilla Malcher, Expertin für Unternehmensgründungen bei SNB. Die Start-up-Experten interessieren sich besonders für Gründungen in Geschäftsfeldern, in denen Siemens nicht selbst tätig ist, die aber in naher Zukunft zu einer sinnvollen Ergänzung des Portfolios werden könnten. Genau diese Voraussetzungen erfüllt Magazino – und so einigten sich die Gründer und SNB in intensiven Diskussionen auf eine gemeinsame Weiterentwicklung des jungen Unternehmens, und SNB übernahm die Anteile der bisherigen Finanzinvestoren.

Die drei Gründer des Startups „Magazino" (von links nach rechts): Nikolas Engelhard, Lukas Zanger, Frederik Brantner.

Sobald Toru marktreif ist, steht Magazino vor ganz anderen Herausforderungen als in der Entwicklungsphase. Der Vorteil des Roboters gegenüber herkömmlichen Logistiksystemen ist, dass er Aufgaben übernehmen kann, die bisher nur ein menschlicher Kollege bewältigen konnte. Und er kann – im Gegensatz zu Menschen – beliebig oft geklont werden. Dazu muss er in Serie produziert und international vertrieben werden. Und hier könnte Siemens ins Spiel kommen. Denn Produktionslinien von hochkomplexen Systemen zu entwickeln und zu verwirklichen ist neben den globalen Vertriebs- und Servicenetzen eine der Kernkompetenzen des Unternehmens. „Das ist der Punkt, an dem sich Start-ups und Siemens idealerweise zusammentun können“, sagt Malcher. Aus der Minderheitsbeteiligung an Magazino könnte dann mehr werden, bis hin zur Eingliederung des Start-ups in den Konzern und somit zur Portfolio-Ergänzung. 

Die Brücke zwischen Start-ups und Siemens

Kennengelernt hat die Start-up-Expertin Malcher die Gründer von Magazino 2014 in der Warteschlange vor einem Currywurst-Stand. Ein Zufall und dann doch wieder keiner: Das Fast Food gab es am Rande einer Veranstaltung des Hightech-Gründerfonds, die die Mitarbeiter von Siemens Innovative Ventures regelmäßig besuchen.

Die Scouts der Technology-to-Business-Center (TTB), die derzeit in Berkeley (Kalifornien), Schanghai, München und schon bald auch in Tel Aviv vertreten sind, bauen seit mehr als 15 Jahren Brücken zwischen Start-ups und Siemens, indem sie geschäftliche Partnerschaften zwischen beiden anbahnen. So wollte beispielsweise die Geschäftseinheit Product Lifecycle Management eine Software für virtuelle Produktsimulationen auch als Software as a Service (SaaS) aus der Cloud heraus anbieten und suchte dafür eine innovative Lösung, da herkömmliche Ansätze dafür nicht geeignet waren. Als Partner identifizierte TTB Berkeley das Start-up Rescale, einen Spezialisten für Simulationssoftware auf Cloud-Plattformen. Viele juristische und technische Probleme mussten geklärt werden, bevor das Programm als Service aus der Cloud angeboten werden konnte. Doch es gelang. Weitere, bereits bestehende Software-Module sollen jetzt ebenfalls als Cloud-Angebot in der Cloud bereitgestellt werden.

Seit mehr als 15 Jahren bauen die Siemens-TTBs in Berkeley, Schanghai, München und bald auch in Tel Aviv, Brücken zwischen Start-ups und Siemens. Im Bild: Siemens-Standort Schanghai, Sitz des chinesischen TTBs.

Sensoren von Pyreos erobern den Markt

Oft gibt es hoch innovative Technologien, die bei Siemens in einem Produkt verwendet werden, aber zusätzlich noch Anwendungsbereiche außerhalb der Siemens-Geschäftsfelder haben. Und manchmal entwickeln die Erfinder bei Siemens Technologien, die ursprünglich auf ein Kerngeschäft einer Siemens-Geschäftseinheit abzielten, dann aber beispielsweise aus strategischen Gründen nicht zu einem Siemens-Produkt werden. Viel Potenzial also für externe Kommerzialisierung von Siemens-Technologien durch den Siemens Technology Accelerator (STA). Der STA realisiert dies durch Verkauf oder Lizenzierung der Technologie oder aber auch durch Gründung eines Start-ups.

Ein solches Start-up ist Pyreos Ltd. in Schottland. Dass es von der Idee bis zur Marktreife häufig ein langer Weg sein kann, zeigt die Geschichte dieses Unternehmens, das 2007 gegründet wurde. Ursprünglich hatten Forscher von Corporate Technology die patentierten pyroelektrischen Infrarotsensoren entwickelt. Die Sensoren sind viel kleiner und kostengünstiger als bisherige Modelle auf dem Markt und in rauen Umgebungen deutlich widerstandsfähiger und zuverlässiger. Für die Umsetzung dieser Technologie waren hohe Investitionen erforderlich. Bei der Suche nach Co-Investoren für Pyreos und nach einem geeigneten Standort für das neue Unternehmen wurde der STA in Schottland fündig. Nach jahrelanger Aufbauarbeit zeigt sich jetzt der Erfolg: Pyreos ist derzeit im Gespräch mit mehreren Kunden, die den neuen Infrarotsensor unter anderem bei der spektrometrischen Analyse von Flüssigkeiten einsetzen wollen. Das Unternehmen zählt heute 30 Mitarbeiter, die sich auf Spektrometrie, Gasmesstechnik und Gestenerkennung spezialisiert haben.

Der Siemens-Ansatz, mit Start-ups zu kooperieren, Start-ups zu gründen und in Start-ups zu investieren, hat sich in den vergangenen 15 Jahren als sehr erfolgreich erwiesen.

Mit TTB, dem STA und SNB ist Innovative Ventures weltweit in allen Gründerszenen präsent: „Wir haben Kontakt zu mehr als 1.000 jungen Firmen weltweit“, erklärt Dr. Rudolf Freytag, Leiter von Innovative Ventures. Seine Abteilung bildet zusammen mit Siemens Venture Capital (SVC) die gebündelte Kompetenz, mit der die Stärken von Start-ups und eines Großunternehmens wie Siemens optimal zusammengeführt werden.

Siemens Capital Venture als Finanzpartner

Siemens Venture Capital (SVC) investiert in junge Unternehmen in den USA, Europa und Asien und unterstützt sie während der Aufbauphase. Bei etablierten Unternehmen in der Expansionsphase stellt SVC Kapital für weiteres Wachstum bereit. SVC hat seit 1999 weltweit mehr als 800 Millionen Euro in 180 Unternehmen gesteckt. Der Fokus liegt auf Unternehmen, die Industriesoftware und Cyber-Security-Lösungen entwickeln sowie Technologien für Energie-Management, Mobilitäts-Management und Molekulare Diagnostik. Bei den Aktivitäten von SVC geht es nicht nur um Investment, sondern Siemens erschließt auf diese Weise neue technologische Lösungen und neue Märkte für das Unternehmen. Additive Fertigung ist solch ein Zukunftsthema, in dem viele das Potenzial für disruptive Veränderungen ganzer Branchen sehen. Siemens ist an diesen Entwicklungen ganz dicht dran, unter anderem mit der Investition von SVC in Materials Solutions Limited, ein britisches Unternehmen, das weltweit führend ist in innovativen 3D-Druck-Verfahren, vor allem für Module aus Metalllegierungen und für größere Bauteile.

Innovationen haben heute eine viel höhere Schlagzahl als früher. „Der Siemens-Ansatz, mit Start-ups zu kooperieren, Start-ups zu gründen und in Start-ups zu investieren, hat sich in den vergangenen 15 Jahren als sehr erfolgreich erwiesen, denn Start-ups sind für Siemens ein wichtiger Blick in die Zukunft. Start-ups eröffnen den Zugang zu neuen Technologien und ermöglichen es, neue Geschäftsmodelle schnell und flexibel zu testen“, sagt Freytag.

Katrin Nikolaus