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Das Magazin für Forschung und Innovation
 

Die Zukunft von Öl und Gas

Der nigerianische Traum

Waheed Rajis Arbeitsplatz: rund 60 Kilometer vor der nigerianischen Küste

Nigeria braucht Öl, um vom Öl loszukommen. Mit den Einnahmen aus dem Energiesektor kann das Land seine Infrastruktur und neue Industrien aufbauen. Einheimische Ingenieure übernehmen dabei immer komplexere Aufgaben: So ist Siemens-Mitarbeiter Waheed Raji für die Wartung von drei Gasturbinen in einer Ölförderanlage auf offener See zuständig.

Montagmorgen, 9 Uhr. Waheed Rajis Augen sind geschlossen. Sein Kopf sinkt langsam zur Seite. Das monotone Dröhnen der Rotoren und Triebwerke schläfert ihn jedes Mal ein. Zu oft hat er die Strecke schon hinter sich gebracht, als dass ihn der Blick aus den Fenstern des Hubschraubers noch überwältigen könnte: Regenwald, so weit das Auge reicht. Die Sonne spiegelt sich auf der Oberfläche des Bonny River, der sich verästelt, bis er im Süden Nigerias in den Golf von Guinea mündet.

Waheed Raji öffnet seine Augen erst wieder, als der Helikopter schon den Anflug auf FSO Unity begonnen hat, seinen Arbeitsplatz. 57 Kilometer südlich von Port Harcourt, auf dem offenen Meer. FSO steht für €žfloating storage and offloading: ein 300 Meter langer, schwimmender ֖lspeicher, der über Pipelines am Meeresgrund mit den ֖lfeldern der Umgebung verbunden ist. Was immer sie produzieren, landet im riesigen Bauch von Unity. Das FSO kann bis zu 2,2 Millionen Barrel ֖l aufnehmen, das sind fast 350 Millionen Liter. Tankschiffe docken zwei bis drei Mal im Monat an, pumpen die Ladung ab und verschiffen sie zu Kunden auf der ganzen Welt.

Ein riesiger schwimmender Ölspeicher: Die FSO Unity

Der Hubschrauber-Pilot dreht nach links ab und fliegt in einer weiten Kurve um Unity herum, bevor er zur Landung ansetzt. Am Horizont sind die Produktionsplattformen zu erkennen, die das Öl aus dem Gestein unterhalb des Meeresbodens fördern. Die Wassertiefe an dieser Stelle beträgt 62 Meter. Aus der Ferne sehen die Plattformen wie riesige Insekten aus, die sich auf dem Wasser niedergelassen haben: mit ihren Ablegern und Brücken, den verästelten Gerippen aus Metall, die den Strukturen Festigkeit geben.

140 Betten an Bord

Der Hubschrauber hat fast aufgesetzt, ganz oben an Deck der Unity, auf dem Dach des Wohntrakts mit seinen 140 Betten und dem Kontrollraum. Siemens-Mitarbeiter Raji zeigt auf die drei Schornsteine, die über dem Gewirr an Rohrleitungen thronen: Sie gehören zum Gaskraftwerk, dessen Turbinen er wartet. Sollten diese ausfallen, müssten, über kurz oder lang, angeschlossene Ölfelder die Produktion stoppen. Viel hängt davon ab, dass Raji sauber arbeitet. Ein kleiner Ruck, der Hubschrauber steht. Rajis Arbeitstag beginnt.

„Fast fünf Megawatt Leistung bringt jede der Turbinen“, erklärt er, während er sich in der Umkleide den blauen Arbeitsoverall überstreift und seine eleganten schwarzen Lederschuhe gegen Sicherheitsstiefel tauscht. „Eine einzige Turbine reicht, um die ganze Anlage, die Ölpumpen, ja sogar eine Meerwasserentsalzung zu betreiben. Wir haben drei identische Turbinen an Bord, damit immer mindestens eine läuft.“

Raji wurde für seine Aufgabe in Schweden und England ausgebildet

Wenn eine Anlage wie Unity doch einmal ausfällt, kommt das den Betreiber teuer zu stehen. In den Plattformen ist viel Kapital gebunden, die Mannschaft an Bord muss bezahlt und versorgt werden, die Verträge mit Zulieferern laufen weiter. Das geht schnell in die Millionen – jeden Tag. Daher ist die Verfügbarkeit der Maschinen besonders wichtig. Für die Wartung der Gasturbinen an Bord von Unity ist Siemens zuständig. Noch Anfang 2014 flog das Unternehmen die Ingenieure dafür aus Großbritannien ein, jeweils für eine 28-tägige Schicht. Raji ist der erste Nigerianer, der diese Aufgabe übernimmt.

Talente in Nigeria erkennen und fördern

Den Job auf See verdankt Raji auch Modele Idiahi, die für Siemens in der Megacity Lagos das Energiegeschäft entwickelt. „Wir müssen Talente vor Ort in Nigeria erkennen und fördern“, sagt sie. Sie hat sich von Anfang an dafür ausgesprochen, in Rajis Ausbildung zu investieren: Er wurde von Experten für die betreffenden Gasturbinen geschult, und zwar vor Ort in Schweden und in England, wo die Turbinen gebaut wurden.

Modele Idiahi: Arbeitet lieber in Lagos, statt in London

Wenn es mal klemmt und Raji den Fehler nicht gleich alleine findet, weiß er sofort, wen er am besten anruft. Den jeweiligen Kollegen am anderen Ende der Leitung kennt er von seinen Besuchen meist persönlich.

Für die Siemens-Managerin Idiahi geht es nicht so sehr um Patriotismus, sondern vor allem ums Geschäft: „Wir sparen uns die teuren Flüge für unsere britischen Kollegen, aber wir bringen auch Wissen ins Land, das Raji an seine Kollegen weitergibt. Wir trainieren also nicht nur einen Mitarbeiter, sondern mittelbar Dutzende“, erklärt sie. Aufgewachsen ist Idiahi in England, dort hat sie studiert. Statt einen Job in London anzunehmen, ging sie nach Afrika.

Karriere im Wachstumsmarkt

Sie wollte ihre Karriere in einem Wachstumsmarkt aufbauen, wie sie sagt: „Ich kann mir derzeit   keinen besseren Ort für mich vorstellen: Die nigerianische Wirtschaft wächst rund sechs Prozent pro Jahr. Das kann durchaus noch zehn, 15 Jahre so weitergehen – Nigeria wäre dann unter den 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen weltweit“, sagt sie.

Auf dem Weg dahin wird alles gebraucht: Straßen, Bahnlinien, Baumaterial, Nahrungsmittel, Elektronik. Vor allem aber: Energie. 600 Millionen Afrikaner leben ohne Stromanschluss, rund 70 Prozent der Bevölkerung. Allein Nigeria hat 170 Millionen Einwohner – mit enormen Wachstumsraten: Bis 2050 soll nach UN-Schätzungen die Einwohnerzahl auf 440 Millionen steigen. Das Land ist achtgrößter Ölproduzent der Welt, hat aber nur eine Stromerzeugungs-Kapazität von rund 4,5 Gigawatt – zum Vergleich: In Deutschland sind derzeit Kraftwerke mit 194 Gigawatt Leistung installiert. Kein Wunder, dass in Nigeria immer wieder die Lichter ausgehen.

Mobiltelefone sind in Nigeria weit verbreitet. Langsam entsteht eine Mittelschicht.

Um pro Kopf die gleiche Kapazität bereitzustellen wie beispielsweise Südafrika, müsste Nigeria seine Kraftwerkskapazität auf das Vierzigfache steigern. Und selbst dann gäbe es noch Stromausfälle. Ein einzelnes neues Kraftwerk wie etwa Geregu 2, rund 200 km südlich der Hauptstadt Abuja, ist da ein Tropfen auf den heißen Stein. Es läuft seit 2012 mit Turbinen und Generatoren von Siemens. Die elektrische Leistung beträgt 434 MW. Das Land bräuchte fast 400 solcher Kraftwerke, um die Stromversorgungslücke zu schließen.

Für das Kraftwerk Geregu 2 lieferte Siemens Turbinen und Generatoren

Und es fehlt nicht nur an Kraftwerken, sondern auch an Raffinerien. Öl und Gas machen 95 Prozent der Exporte aus, doch oft wird das Rohöl ausgeführt, im Ausland zu Benzin verarbeitet, und dann veredelt wieder ins Land gebracht. Knatternde Dieselgeneratoren überall im Land überbrücken die Stromausfälle. 60 Prozent der Nigerianer haben überhaupt keinen Anschluss ans Netz.

Der Aufbau der Infrastruktur des Landes ist eine Riesenchance – nicht nur für Raji und Idiahi, sondern für Millionen ihrer Landsleute. Es hat sich eine wachsende Mittelschicht herausgebildet, die sich vieles zum ersten Mal leisten kann. Raji beispielsweise profitiert von den erheblichen Zuschlägen für die Arbeit „offshore“, also auf See. Vor kurzem konnte er sich mit seiner Frau sogar eine Pilgerreise nach Mekka, zur Hadsch, leisten.

Rajis Kinder warten an Land auf seine Rückkehr

Die Zulagen in der Ölindustrie sollen für die kleinen und großen Entbehrungen entschädigen. Die Familie ist weit weg, die Schichten sind lang, viele Arbeiter – auch Raji – teilen sich ihre Kabine an Bord mit Fremden. Wer gerne ein Feierabendbier trinkt, wird enttäuscht: Alkohol ist auf der FSO Unity verboten. Arbeitsplätze auf See zählen zu den gefährlichsten der Welt: „Ich verbringe den ganzen Tag auf einem Riesen-Fass voller brennbarem Material“, sagt Raji. „Ich habe vor vielen Jahren sogar auf einer Offshore-Anlage gearbeitet, die Ziel von Piraten war.“

Stacheldraht gegen Piraten

An der Reling der FSO Unity ist aus diesem Grund Stacheldraht angebracht. Er soll im Falle einer Piratenattacke die Angreifer bremsen, sodass die Mannschaft Zeit hat, sich in einem schusssicheren Raum zu verbarrikadieren. Noch vor wenigen Jahren waren Piraten vor allem in den Gewässern um Somalia, in Ostafrika, ein Problem. Heute gilt der Golf von Guinea als gefährlicher: Fast ein Fünftel aller Piraten-Angriffe findet laut dem International Maritime Bureau hier statt.

An Bord der FSO Unity: Ein Labyrinth aus Stahl

„Die statistisch größten Risiken an Bord   erscheinen dagegen auf den ersten Blick unspektakulär: Stolpern, Ausrutschen, Unachtsamkeit“, sagt Waheed Raji und setzt seinen Helm und die Schutzbrille auf. Er öffnet die Tür zum Deck, eine salzige Meeresbrise weht ihm ins Gesicht. Er befindet sich jetzt im Arbeitsbereich, hier darf er sich nur mit schriftlicher Genehmigung aufhalten, mit einem sogenannten „work permit“. Solche Permits bestimmen den Arbeitsalltag an Bord. „No permit, no job“, heißt es. „Keine Arbeitsgenehmigung, keine Arbeit.“

Raji steigt stählerne Treppen nach unten, wandert durch das Labyrinth aus Rohrleitungen und Steigleitern, arbeitet sich zu den drei Turbinenhäuschen vor, Ohrstöpsel schützen vor dem betäubenden Lärm. Er öffnet die Tür des mittleren Häuschens, im Inneren ist es dunkel, heiß und stickig. Diese Turbine ist gerade abgeschaltet – eine der anderen beiden versorgt das FSO mit Strom. Raji muss sich drehen und wenden, um in der Enge seine geübten Handgriffe ausführen zu können.

Gut bezahlte Serviceleistung

Es ist sinnvoll, die Wartung der Turbinen an Siemens zu vergeben: Mit derart komplexen Maschinen kennt sich der Hersteller oft am besten aus. Und sollte wegen eines Wartungsfehlers etwas schiefgehen, könnte schlimmstenfalls die Produktion angeschlossener Ölfelder zum Stillstand kommen. Entsprechend gut bezahlt sind solche Serviceleistungen in der Öl- und Gasindustrie.

Technologie von Siemens kommt auf Unity auch beim Brandschutz zum Einsatz und in den Kabinen der Mannschaft. Mit Siemens-Thermostaten kann die Besatzung die Klimaanlage auf angenehme Temperaturen regeln, wenn sie sich zur Ruhe legt. Waheed Rajis Gedanken schweifen dann oft zur Familie. „Ich denke an unser Haus, an meine Frau, vor allem an die Kinder. Wichtiger als alles, was ich meinen Kindern kaufen kann, ist die Ausbildung, die wir uns für sie leisten“, sagt er. Rund 300.000 Naira im Jahr (1.400 Euro) kostet ihn die Privatschule für die zehnjährige Rahamatalah, das älteste der Kinder.

Rukayat Raji, Waheeds Frau, hat eine Wunschliste für Nigeria: bessere Straßen, sauberes Wasser, aber vor allem Bildung für die Kinder."

Die Rajis haben ihr Haus in Rukpokwu Town gebaut, einem Vorort von Port Harcourt. Die Hauptstraße ist ein buntes Durcheinander: Unter Bananenbäumen hängt Wäsche zum Trocknen, Plastikstühle stehen vor Holzhütten, Kinder bieten sich als Schuhputzer an, Hühner picken im Abfall am Rand der verschlammten Straße, die von Schlaglöchern übersät ist. Improvisierte Läden in Bretterverschlägen bieten allerlei für den Haushalt, etwa eine win- zige Packung Seife für 20 Naira, rund neun Euro-Cent. In der Gegend entstanden in den letzten Jahren immer mehr solide gebaute Häuser aus Beton, so wie das Haus der Rajis.

Rukayat, seine Frau, passt dort auf die Kinder auf. Sie betreibt nebenbei einen Zementladen. In ein paar Jahren möchte sie auf Großhandel umsteigen, wenn das nötige Startkapital beisammen, und die Kinder etwas größer sind. „Bisher ist es jedes Jahr ein Stück aufwärts gegangen“, sagt sie. „Und ich glaube fest, dass es so weitergehen wird.“

Traumberuf: Ingenieur

Mit diesem Optimismus ist sie nicht allein: Die Mehrheit aller Afrikaner würde diese Aussage bestätigen. Doch Rukayat sieht auch die Mammutaufgaben, die Nigeria bewältigen muss: „In den nächsten zehn Jahren muss das Land seine Infrastruktur massiv ausbauen: Wir brauchen Straßen, sauberes Wasser, Elektrizität“, sagt sie. „Aber vor allem: Bildung.“ Ihre zwei älteren Töchter wollen beide Ärztinnen werden, „um Malaria zu heilen“. Der Bruder der beiden hat auch einen Traumberuf: „Ich möchte Ingenieur werden, wie mein Vater.“

Gemeinsam mit Rajis Kindern träumt ein ganzes Land: von mehr Chancen und weniger Korruption. Von Bildung, die bezahlbar ist. Von sicheren Straßen. Von lebenswerten Städten. Die Abhängigkeit vom Öl muss Nigeria dafür langfristig überwinden. Den fallenden Ölpreis sehen deshalb manche als Mahnung. Andererseits erlauben die Einnahmen, in Infrastruktur zu investieren und neue Industrien aufzubauen. Nigeria braucht das Öl, um vom Öl loszukommen.

Schichtende für Waheed Raji: Ein Helikopter bringt ihn nach Port Harcourt, zu seiner Familie.

Prof. Chinedu Nebo, nigerianischer Energieminister, sagt: „Wir brauchen viel mehr Waheeds, wir brauchen Tausende wie ihn. In 50 Jahren wird Nigeria eine der wichtigsten Wirtschaftsmächte der Welt sein. Unsere Kinder werden hier leben wollen, statt auszuwandern.“ Er beschreibt den nigerianischen Traum. Wird er in Erfüllung gehen oder wie eine Seifenblase platzen?

Eine Nacht auf dem Meer

Waheed Raji hat sein Tagwerk vollbracht. Er rückt den Helm zurecht, Wasser prasselt in sein Gesicht. Unwetter sind aufgezogen. Und es gibt schlechte Nachrichten: Der Rückflug mit dem Helikopter verspätet sich, Raji wird – anders als geplant – die Nacht auf der FSO Unity verbringen müssen. „Mehr Zeit mit der Turbine. Weniger Zeit mit der Familie“, sagt er. Um die Stunden zu füllen, wird er in seiner Kabine die Wartungspläne durchgehen.

Langsam legt sich der Abend über den Golf von Guinea. Als Raji aus dem kleinen Fenster der Kabine schaut, hat es aufgehört zu regnen. Die Gasflammen der Produktionsplattformen leuchten in der Ferne wie magische Fackeln über dem Meer.

Andreas Kleinschmidt