Tools


Siemens Worldwide

Pictures of the Future

Contact

Kontakt

sts.components.contact.mr.placeholder Sebastian Webel
Herr Sebastian Webel

Chefredakteur

Tel: +49 89 636-32221

Fax: +49 89 636-35292

Werner-von-Siemens-Straße 1
80333 München

Pictures of the Future
Das Magazin für Forschung und Innovation
 

Internet der Dinge

Szenario 2035: Die neue Weltwirtschaft

Anzug nach Maß: Der nigerianische Medizinprofessor Thomas Jones bestellt in der Hamburger Filiale einer weltweiten Modekette einen Anzug, der in Lagos ausgeliefert werden soll. Kleidung von der Stange gibt es kaum noch. Das Unternehmen sucht mithilfe seiner webbasierten Software-Lösungen die hinsichtlich Kosten und Klimaverträglichkeit beste Kombination von Anbaugebiet, Weberei und Fertigungsbetrieb.

2035. Beim Kauf eines maßgeschneiderten Anzugs in Hamburg lernt ein junger Medizinprofessor aus Nigeria, wie die Weltwirtschaft in Zeiten einer umfassenden globalen Vernetzung funktioniert.

Der nigerianische Medizinprofessor Thomas Jones bestellt in der Hamburger Filiale einer weltweiten Modekette einen Anzug, der in Lagos ausgeliefert werden soll. Kleidung von der Stange gibt es kaum noch. Das Unternehmen sucht mithilfe seiner webbasierten Software-Lösungen die hinsichtlich Kosten und Klimaverträglichkeit beste Kombination von Anbaugebiet, Weberei und Fertigungsbetrieb. In der Hamburger Einkaufspassage herrscht an diesem Nachmittag reges Treiben. Der nigerianische Medizinprofessor Thomas Jones hat seine Termine mit deutschen Kollegen hinter sich und nutzt den frühen Abend, um sich einen neuen Anzug auszusuchen. Kleidung von der Stange ist das schon lange nicht mehr: Das kennt der 40-Jährige nur aus Erzählungen. Sein Anzug wird maßgeschneidert, aber zugleich von der Rohstoffbeschaffung über die Herstellung bis zur Auslieferung praktisch vollautomatisiert hergestellt – und das auf umweltschonende Weise. Lächelnd betritt er die Filiale eines internationalen Modeunternehmens.

Kundenspezifische Information

„Guten Morgen, Thomas“, begrüßt ihn ein junger Mann. Zwar liegt Jones’ Besuch in einer Filiale dieser Kette bereits zwei Jahre zurück – und das war in Lagos, Jones Heimatstadt – doch hier hat offenbar die Kamera am Eingang sein Gesicht gescannt, und die automatische Beratungssoftware hat dann dem Verkäufer alle gespeicherten Daten in Sekundenschnelle auf seinen Monitor geladen. Natürlich hatte Jones damals in Lagos sein Einverständnis für diese individuelle Beratungsleistung gegeben. Die beiden Männer vertiefen sich in ein Gespräch über Anzüge. „Mein Vater ist immer im dunklen Anzug und Hemd ins Unternehmen gegangen“, erinnert sich Jones. „Meiner auch“, erwidert der Verkäufer, der – wie sich herausstellt – einer der Geschäftsführer der internationalen Modekette ist. Er stellt sich als Paul Erikson vor, Sohn des Unternehmensgründers. Zurzeit verbringt er eine Woche in der Hamburger Filiale, um sozusagen wieder einmal den Puls der Kunden zu fühlen. Die Marktanalysen sind an Differenziertheit nicht mehr zu verbessern, trotzdem bleibt menschliche Intuition für ein Modeunternehmen überlebenswichtig.

Fairer Handel

Jones stellt sich auf eine Plattform und lässt sich mit dem Lasermessgerät abscannen. Der Computer vergleicht die Daten von früher mit den aktuellen Werten. „Eine Winzigkeit mehr um die Hüften“, stellt Erikson lächelnd fest. Anschließend suchen sie die Farbe aus einer Farbskala von über hundert Tönen aus und legen die Stoffart fest. Jones entscheidet sich für leichte Baumwolle, dem Klima Nigerias entsprechend. Sechs Wochen zuvor stand Buthan Singh auf seinem Feld im indischen Bundesstaat Punjab und prüfte, wie reif die Baumwolle ist. „In zwei Tagen sollten wir mit der ersten Ernte anfangen“, sagte sein Vorarbeiter. Singh nutzt keine voll maschinellen Erntemethoden, sondern pflückt je nach Reifegrad der Pflanzen – das ergibt eine weitaus höhere Qualität und erzielt gute Preise auf dem Weltmarkt. Die Farm ist seit fünf Generationen in Familienbesitz, aber erst seit vor 22 Jahren weltweit die hohen Subventionen landwirtschaftlicher Produkte sukzessive heruntergefahren und schließlich praktisch abgeschafft wurden, kann Singhs Familie gut vom Baumwollanbau leben. Singh bietet seine Ernte über eine automatische Rohstoffbörse an. Eine englische Weberei, spezialisiert auf hochwertige Anzugstoffe, hat die erste Charge gekauft. Wichtig sind den Kunden dabei nicht nur Preis und Qualität, sondern auch Angaben darüber, wie nachhaltig die Baumwolle angebaut wurde. Über eine automatische Produktverfolgungs-Software, die mit intelligenten Funketiketten arbeiten, gelangen diese Informationen bis zum Endkunden. Und der benötigt sie, um zu wissen, wie stark der Kauf sein persönliches Emissionskonto belastet.

Die Zeit der globalen Massenware ist vorbei und individualisierte Produkte steigern den Profit.

Textilien aus England - nicht aus Indien

„Die Baumwolle für Ihren Anzug kommt aus Punjab“, stellt der Modeunternehmer nach einem Blick auf seinen Monitor fest und ergänzt: „Der Stoff wurde in – Sekunde – ah ja, in England hergestellt.“ „Schon komisch, dass es jetzt wieder Webereien in England gibt, nachdem Stoffe jahrzehntelang fast nur in den damals sogenannten Billiglohnländern hergestellt wurden“, sagt Jones. „Wir brauchen eben nur noch relativ kleine Stückzahlen, seit alles auf Maß gefertigt wird. Dafür müssen die Transportwege so kurz wie möglich sein, auch im Hinblick auf die CO2-Bilanz“, erwidert Erikson. Er erzählt Jones, wie das Unternehmen Anfang der 2020er-Jahre fast Pleite gegangen wäre. Kleidung konnte nicht mehr zu Billigstpreisen angeboten werden, nachdem Länder wie Indien und China nicht nur die Fertigung übernahmen, sondern auch den Vertrieb – und damit einen großen Teil des Gewinns selbst abschöpften.

Maßgeschneiderte Angebote

„Meinem Vater war schnell klar, dass die Zeit der globalen Massenware vorbei war und nur individualisierte Produkte eine Chance boten“, erinnert sich Erikson. Die Weltwirtschaft befand sich damals in einer Rezession und kein Kreditgeber wollte in die Umstrukturierung investieren. Weit entfernt davon aufzugeben, machte sich der Firmenchef die Idee des Crowdfunding zu eigen und fand über soziale Netzwerke 1.000 private Investoren, die an seine Vision eines modernen und nachhaltigen Modeunternehmens glaubten.

Anfangs ging es nur um Fertigung on Demand, doch bald kamen Faktoren wie pestizidfreier Anbau, faire Arbeitsbedingungen und nachhaltige Produktion hinzu. Und weil immer mehr Unternehmen diesen Weg einschlugen, entwickelten die großen Technologieunternehmen zahlreiche neue webbasierte Software-Programme, die nach und nach ein umfassendes Netz von Kunden, Produzenten und Rohstofflieferanten knüpften.

Qualität ohne Grenzen

Im Hamburger Modegeschäft zieht Jones eine Jacke über, die aus dem von ihm ausgesuchten Stoff gefertigt wurde. „Die trägt sich sehr angenehm“, stellt er fest. Auf dem Monitor sieht er ein Bild von sich in dem neuen Anzug. „Hm, die Farbe ist doch nicht optimal, ich nehme den helleren Ton“, entscheidet er sich noch mal um. Und dann fällt ihm ein, dass er morgen abreist, und der Anzug in Lagos ausgeliefert werden muss. „Kein Problem“, meint Erikson und tippt auf seiner Tastatur. Das Bestellsystem bietet nach drei Minuten eine komplett neue Lieferkette an: „Ihre Baumwolle kommt jetzt aus dem Tschad und die Weberei steht in Benin“, stellt Erikson fest. Genäht wird in Nigeria selbst. Das Design steht allen Vertragsschneidereien über Webdienste zur Verfügung. „Das Schwierigste war es, unsere Zulieferer auf einen einheitlichen Qualitätsstandard zu bringen“, erinnert sich der Modeunternehmer. Doch seit die Regierungen in Westafrika erfolgreich auf Bildung und Berufsqualifizierung setzen, sei dies ebenso wenig ein Problem wie in vielen anderen Ländern der Welt. „Ein guter Anzug kann heute auf jedem Kontinent gleich hergestellt werden. Und dunkel muss er auch nicht mehr sein!“, meint Erikson lächelnd.

Katrin Nikolaus