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Das Magazin für Forschung und Innovation
 

Internet der Dinge

Die nächste Innovationswelle: Das Internet der Dinge

Professor Elgar Fleisch, Direktor am Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen und Inhaber des Lehrstuhls für Informationsmanagement an der ETH Zürich.

Für Prof. Elgar Fleisch ist das Internet der Dinge nicht einfach "nur" eine bloße Innovation. Für ihn ist es die nächste Innovationswelle, die unsere Welt in erstaunlichem Umfang verändern wird. Diese Veränderung wird alle Lebensbereiche natürlicher erscheinen lassen.

Wie wird die Welt aussehen, wenn das Internet der Dinge, das Internet of Things (IOT), Realität ist? Wie wird sich unsere Kommunikation, wie werden sich die Produktionsprozesse verändern?

Fleisch: Das IOT wird – nach Ethernet und Internet – die dritte große Innovationswelle sein. Eine Prognose, welche Anwendungen daraus resultieren, ist allerdings kaum möglich. Wir können Technologien prognostizieren, aber nie den Erfolg einzelner Anwendungen. Das haben wir ja auch bereits beim Internet gesehen: Kaum etwas von den Dingen, die sich entwickelt haben – wie soziale Netzwerke –, hat irgendjemand vorausgesagt. Worüber ich mir allerdings sicher bin, ist, dass die Welt dank IOT wieder natürlicher erscheinen wird. Der Computer wird verschwinden, die Computerintelligenz wandert in die Dinge hinein. Das Smartphone wird der Computer der Zukunft. Da das IOT die physische Welt und das Internet verknüpft, wird es eine Vielzahl von Endgeräten geben, die ihre eigene Homepage und Anwendungen haben werden. Die Gegenstände werden Teil des Internets.

Wie zum Beispiel?

Fleisch: Denken Sie an Armbanduhren, mit denen man im Notfall Hilfe rufen kann, Puppen in Kinderzimmern, die die Atemluft testen, Wände, die Bildschirme sind, Fensterscheiben, die Energie erzeugen, fälschungssichere Medikamente, Produkte, die wissen, wie man sie zusammenbauen muss, Maschinen, die Wartungsingenieure rufen und vieles mehr. Die Möglichkeiten sind unendlich – es ist allein unserer Phantasie überlassen, was wir damit machen. Was wir früher nur aus James-Bond-Filmen kannten, ist heute zum Teil schon Realität. Die Welt wird messbarer sein, da jedes Ding seinen Verbleib und Zustand kommunizieren kann.

Welche Vorteile hat das?

Fleisch: Wir werden sehr exakt messen können und dadurch in der Lage sein, viel feiner zu managen, wenn wir wissen, welche Produkte oder Bauteile gerade wo sind und in welchem Zustand sie sich befinden. Patienten bekommen immer die richtigen Medikamente, Landwirte wissen jederzeit, was jede einzelne ihrer 5.000 Kühe gerade braucht, Häuser belüften alle Zimmer bedarfsgerecht. Wir werden alle davon profitieren: mit Einfachheit, Bequemlichkeit, Fehlerfreiheit, Spaß und Sicherheit. Doch es gibt natürlich auch die Kehrseite: Wir werden immer abhängiger von Technologie werden. Und wir müssen die Privatsphäre im Auge behalten: Der Mensch muss Eigentümer seiner Daten bleiben und selbst entscheiden können, was mit diesen Daten passiert.

Besteht die Gefahr des gläsernen Menschen?

Fleisch: Die privaten und beruflichen Lebensbereiche werden in der Tat immer mehr verschmelzen. Aber die Welt ist durch Spannungen gekennzeichnet. Es gibt nie einen Trend, der nur in eine Richtung geht: Wenn ein Trend zu dominant wird, dann gibt es sofort eine Gegenströmung. Die Menschen werden sich ihre Schutzräume suchen. Es muss immer die Freiheit da sein, zu wählen. Ob es einfach ist, mit der Freiheit umzugehen, ist eine andere Frage.

Sie sehen das IOT als eine europazentrierte Technik – warum?

Fleisch: Ja, das Internet der Dinge hat tatsächlich in Europa begonnen. Zwar gab es schon in den 80er-Jahren Vordenker in den USA, am Rank Xerox Research Institute und am Massachusetts Institute of Technology. Aber den Ball aufgenommen haben die Europäer und nun immer mehr auch die Chinesen, weil man sich hier immer noch stark mit der Produktion von physischen Gütern befasst. Beim IOT geht es ja um die Vermengung aus Physik und Informatik. Man braucht die realen Produkte, Elektroingenieure, Automatisierungsexperten und Software-Entwickler. Hier liegt die Kernkompetenz in Europa. Das ist eine riesige wirtschaftliche Chance. Hier federführend mitzuentwickeln und zu forschen, wird auf lange Sicht Arbeitsplätze sichern.

Wie werden sich Lernen und Studieren verändern? Wie könnte eine IOT–Universität aussehen?

Fleisch: Ich bin sicher, dass sich das Bildungswesen ganz massiv ändern wird. Die einfache Wissensvermittlung wird zum Nutzen aller automatisiert: etwa über didaktisch gut aufbereitete Videovorträge. Für die vertiefende Diskussion danach braucht man dann wieder den persönlichen Kontakt zum Lehrer oder Professor. Eine IOT-Universität stelle ich mir so vor, dass die Studierenden die Wissensinhalte in dem für sie angemessenen Tempo erarbeiten. Im IOT-Umfeld ist da viel machbar. Man richtet zum Beispiel sein Mobiltelefon auf Dinge wie Gemälde, Gebäude, Maschinen – und das Gerät holt die dazu gehörenden Informationen im entsprechenden Detailgrad, passend zum Alter und dem Ausbildungsstand, aus dem Web und erklärt sie.

Wird durch das Internet 2.0 die Kluft zwischen Arm und Reich noch vergrößert?

Fleisch: Technologie wird immer auch als Machtinstrument eingesetzt. Sicher werden Diktaturen versuchen, auch neue Trends einzusetzen, um ihre Macht zu verstärken. Doch Demokratien können auch sehr stark von Technologien profitieren, die den Menschen Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen ermöglichen. Ich bin davon überzeugt, dass viel mehr Menschen über Mobilfunk-technologie Zugang zum Internet haben werden. In der Tendenz glaube ich, dass das IOT demokratisierend wirkt und dass die ärmeren Schichten immer mehr davon profitieren können.

Und wie verbinden sich das Internet der Dinge und die sozialen Medien?

Fleisch: Das funktioniert sehr gut. Was auf Ihrer Facebook-Seite erscheinen darf, ist Ihre freie Wahl. Man kann die physische Welt für an-dere sichtbar bewerten: ob das jetzt ein Café ist, ein Buch, ein Auto oder ein Arzt. Man hält sein Smartphone darauf und drückt „I like it“ – oder eben nicht.


Prof. Elgar Fleisch (46) ist Direktor am Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen und Inhaber des Lehrstuhls für Informationsmanagement an der ETH Zürich. Im Zentrum seiner Forschungsarbeit stehen betriebswirtschaftliche Auswirkungen und Infrastrukturen des ubiquitären Computings. Sein Team untersucht zusammen mit einem globalen Netzwerk von Universitäten eine Infrastruktur für das "Internet der Dinge". Zudem werden in seinen Labors auch Lösungen zum ressourcenschonenden Umgang mit Strom und Wasser sowie technologieinduzierte Innovationen für die Versicherungswirtschaft erprobt. Elgar Fleisch ist Mitgründer mehrerer Spin-off-Unternehmen und Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten sowie akademischen Steuerungsausschüssen.

Susanne Gold
Picture credits: R.Polcan/ Universität St. Gallen