Kann man einen über 50 Jahre alten Industrie-Standort so umgestalten, dass er modernsten Anforderungen an Nachhaltigkeit entspricht? „Ja“, sagt Siemens Real Estate und liefert im indischen Kalwa den beeindruckenden Beweis. Mit Maßnahmen wie einem ausgeklügelten Abfallsystem samt eigenen Recyclinghof, einer standortweiten Pressluftversorgung, einer zentralen Trinkwasser-Aufbereitung und Siemens größter Solaranlage auf dem Fabrikdach wurde Kalwa in einen grünen Vorzeigestandort verwandelt.

Siemens und Indien

Mit kaum einem anderen Land verbindet das Unternehmen eine so lange, gemeinsame Historie. Bereits vor 150 Jahren etablierte sich Siemens mit dem Bau der Telegraphenleitung London - Kalkutta. Seit 1956 produziert Siemens in Indien. 1966 begann in Kalwa die Fertigung von Elektromotoren. Seitdem ist der Standort kontinuierlich gewachsen.

Die weltweit größte Solaranlage auf einem Siemens-Fabrikdach

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Beginnen wir oben - bei den Dächern. Im sonnenreichen Indien bietet es sich natürlich an, eine größtmögliche Ausbeute an Tageslicht in den Fertigungshallen zu nutzen  und damit den Bedarf an künstlicher Beleuchtung zu minimieren. Schon bei der ursprünglichen Erbauung wurden deshalb großflächige sogenannte „Nordlichter“ installiert – Oberlichter auf den Dächern, die in Richtung Norden ausgerichtet sind. So kommt Licht, aber wenig Sonnenwärme in die Hallen. Das in ihnen verbaute Drahtglas wurde jetzt durch leichte und effizientere Polykarbonat-Scheiben ersetzt. Weil diese um bis zu 60 Prozent mehr Licht durchlassen, kann damit die elektrische Beleuchtung in den Hallen tagsüber deutlich reduziert, teilweise sogar komplett ausgeschaltet werden. Das spart Strom.

 

Ein großer Schritt in Richtung Nachhaltigkeit ist die Umwandlung von drei kompletten Hallendächern in eine gigantische Solar-Anlage. Rund 6.000 Panels mit einer Gesamtfläche von 12.500 Quadratmetern wurden dazu bisher auf den Dächern in Kalwa verbaut. Diese Solaranlage hat eine Gesamtleistung von 2 Megawatt, soviel wie üblicherweise 2.900 Haushalte in Indien an Strom verbrauchen. Die Anlage in Kalwa deckt zirka 13 Prozent des Stromverbrauchs des gesamten Fertigungsstandorts ab und vermeidet dabei jährlich 2.400 Tonnen CO2-Emission – und das wiederum entspricht 62.000 neu gepflanzten Bäumen. Mit der Solaralage schreibt Indien Geschichte: Die Anlage in Kalwa ist die weltweit größte Solaranlage auf einem Siemens-Fabrikdach. Ein ähnliches Projekt befindet sich derzeit in Südafrika in der Vorbereitung.

Frisches Wasser und Elektromobilität

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Auch optisch ist Kalwa heute ein im wahrsten Sinne grüner Standort. Dafür sorgen schon allein die über 1.200, mehr als fünf Meter hohen Bäume auf dem Industriegelände, zur besseren Pflege alle registriert und katalogisiert. Unter ihren 86 Arten, zu deren bekanntesten Mango-Bäume sowie die in der Region weit verbreiteten Son Mohar und Nilgiri-Bäume gehören, befinden sich sogar bedrohte Arten wie Ashoka, Khaya und Mahagoni.

 

Sie machen den Standort durchwegs „grün“ – überzeugen können sich davon auch die Besucher, wenn sie in einem der neuen elektrischen Golf-Carts vom Empfang abgeholt werden und auf dem Weg zu ihrem Ziel auf dem Standort die Sicherheitskräfte auf Fahrrädern durchs Gelände radeln sehen. Zwei kleine Maßnahmen, aber auch sie zahlen aufs Nachhaltigkeitskonto ein.

 

Doch zurück zu den „großen“ Neuerungen. Wer einmal in Indien war, weiß, dass man das Leitungswasser auf keinen Fall trinken sollte. In Kalwa ist jedoch genau das nicht nur möglich, sondern sogar ausdrücklich erwünscht. In allen Hallen gibt es Trinkwasserstationen, aus denen sich die Arbeiter mit frischem Wasser versorgen können. Dazu wird das Frischwasser aus dem öffentlichen Netz in einer eigenen Anlage zu Trinkwasser aufbereitet und durch eine neue, mehr als 1,5 Kilometer lange Pipeline an 50 Trinkwasserstationen verteilt. Allein das spart rund zwei Millionen der sonst so beliebten Einweg-Plastikflaschen pro Jahr.

 

Wer in Kalwa die umfangreichen Grünanlagen und ihr Bewässerungssystem bestaunt, kann sicher sein, dass hier kein Wasser verschwendet wird – es handelt sich um aufbereitetes Brauchwasser. Die neue Kläranlage recycelt das gesamte Wasser auf rein biologischer Basis und macht 97 Prozent davon wieder nutzbar. Rund 100.000 Liter täglich können so unter anderem für Toilettenspülung, Straßenreinigung und die Bewässerung der Grünanlagen genutzt werden.

Tonnenweise Kupfer, Messing und Karton im Monsun

Recycelt wird in Kalwa nicht nur das Wasser. Auf dem neuen Recyclinghof trennen Mitarbeiter anfallende Abfälle in 45 unterschiedliche Sorten. Neben 31 Tonnen Kupfer, 25 Tonnen Messing und 350 Tonnen Karton pro Jahr zählen dazu auch Kunststoffe, elektrische Bauteile, Leiterplatten und Aluminium. Alle Abfälle gehen anschließend sortenrein in die Wiederaufbereitung.

 

Damit Materialien, aber auch zwischengelagerte Lieferungen von Produkten und Bauteilen während der jährlichen Monsun-Saison vor Regen geschützt werden können, wurden bisher jedes Jahr Schutzdächer aus Bambus-Rohren mit Plastikplanen aufgebaut und am Ende der Saison abgerissen und vernichtet. Auch dafür hat SRE nun eine permanente Lösung entwickelt. So genannte Monsun-Schutzdächer, aus festen Trägern überspannt mit einem Vinyl-Dach, sind langlebig, können ohne große Bauprozesse erstellt werden und vermeiden ein jährliches Entsorgen von temporären Materialien.

Neue Leitungen für mehr Effizienz

Zu den Maßnahmen, die man nicht sieht, die aber viel bringen, zählen die endlosen Kilometer neuer Leitungen. Das 30 Jahre alte, elektrische Leitungssystem wurde komplett erneuert und mit modernen und effizienten Nieder- und Mittelspannungskomponenten bestückt – das stellt die bessere Verfügbarkeit des gesamten Stromnetzes auf dem Campus sicher und erhöht die Lebensdauer der angeschlossenen Verbraucher.

 

Auch wurde eine neue, zentrale Pressluftversorgung für das gesamte Gelände errichtet. Anstelle von dezentralen Pressluftstationen wird die gesamte Produktion über Leitungen von einer dank Siemens-Technik hoch effizienten Pressluftstation versorgt. Allein diese neue luftgekühlte Pressluftversorgung spart über 200.000 Kilowattstunden an Strom und vermeidet den Verbrauch von über 1 Million Liter Kühlwasser jährlich.

 

Einige der Hallen - wie beispielsweise die Logistikhalle - benötigen keine rund um die Uhr laufende Klimatisierung. Um die heißen Sommertage trotzdem erträglich zu gestalten, wurden in der Vergangenheit unzählige Kleinventilatoren an den Wänden montiert. Diese wurden nun durch einige wenige überdimensionale Deckenventilatoren ersetzt, die schon allein aufgrund ihres Durchmesser von acht Metern eher an einen Hubschrauber-Rotor erinnern. Jährliche Energieeinsparung: über 30.000 Kilowattstunden. Das entspricht immerhin dem Stromverbrauch von fast zehn vierköpfigen Familien in Westeuropa.

Fit für heute und die Zukunft

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Durch die Summe der Maßnahmen ist Kalwa heute ein Vorzeigestandort in Sachen Nachhaltigkeit geworden. Doch damit nicht genug. Um den indischen Traditionsstandort auch fit für die Zukunft zu machen, ist Weiteres geplant, zum Beispiel die flächendeckende Digitalisierung des kompletten Standorts. In der Zukunft will Kalwa nicht nur ein Musterbeispiel für Nachhaltigkeit sein, sondern auch ein Schauplatz der Digitalisierung. Siemens und Kalwa: das sind eine lange, erfolgreiche Geschichte, eine nachhaltige Gegenwart und eine digitale Zukunft.