Betriebliche Rationalisierung und Rückkehr an den Weltmarkt

1919 steht Siemens vor großen Herausforderungen: Nach der Zäsur des Ersten Weltkriegs gilt es, zur Friedenswirtschaft und an die internationalen Märkte zurückzukehren. Siemens setzt auf neue Produktions- und Verwaltungsprozesse und legt damit den Grundstein für die Wiederaufnahme einer erfolgreichen Geschäftstätigkeit.

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Logos ausgewählter Siemens-Gesellschaften, 1931

Ab 1919: das Unternehmen nach Ende des Ersten Weltkriegs

Der Krieg und die Bedingungen des Versailler Friedensvertrags beeinflussen entscheidend die Entwicklung von Siemens. Das Unternehmen büßt knapp 40 Prozent seiner Substanz ein, darunter fast alle Patentrechte im Ausland. Der weitgehende Verlust der ausländischen Tochtergesellschaften und Vertriebsstellen erschwert die Situation zusätzlich. Auf diese Herausforderungen reagiert die Firmenleitung mit innerbetrieblichen Umstrukturierungen und der Einführung der maschinellen Massenproduktion. Es gelingt, weite Teile der Fertigung und der betrieblichen Prozesse zu rationalisieren und so deren Wirtschaftlichkeit abzusichern.

Unter der Führung Carl Friedrich von Siemens‘, seit 1919 „Chef des Hauses“, fokussieren sich die Geschäftsaktivitäten des Elektrokonzerns sowie seiner rechtlich selbstständigen Tochter- und Beteiligungsgesellschaften auf alle Anwendungsgebiete der Elektrotechnik. Nicht zuletzt dank dieser Strategie der Einheit und Vielfalt gehört Siemens bereits Mitte der 1920er-Jahre wieder zu den fünf weltweit führenden Elektrokonzernen.

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Brennraum im Berliner OSRAM-Werk S, 1920er-Jahre

1919: Gründung des Glühlampenherstellers OSRAM

Um ihre Aktivitäten im Glühlampengeschäft zu bündeln, gründen die AEG, Siemens & Halske und die Deutsche Glühlicht AG (Auergesellschaft) am 1. Juli 1919 die OSRAM GmbH KG. Siemens ist mit 40 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen beteiligt. Angesichts des kriegsbedingten Verlusts der Auslandsmärkte und der stagnierenden technischen Entwicklung scheint den führenden Glühlampenherstellern Deutschlands eine wirtschaftliche Produktion – und damit die Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit – nur gemeinsam möglich.

Durch eine strikte Vereinheitlichung der Fertigung, das Zusammenlegen einzelner Produktionsschritte sowie das Steigern des Maschineneinsatzes lassen sich erhebliche Rationalisierungserfolge erzielen.

 

1924 unterzeichnet OSRAM einen Glühlampenweltvertrag, der den Mitgliedern spezifische weitgehende Rechte einräumt, die in ihrer Wirkung zu einer Aufteilung des Glühlampenweltmarkts führen. Zusätzlich richtet OSRAM weltweit Verkaufsstützpunkte ein. Infolgedessen gehört das Unternehmen in den 1930er-Jahren zu den größten Lampenherstellern der Welt, allein in Deutschland mit einem Marktanteil von 70 Prozent.

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Verlegung des Rheinlandkabels zwischen Berlin und Magdeburg, 1912

1922: Anfänge des europäischen Fernsprechnetzes

1881 eröffnet in Berlin das erste Fernsprechamt Deutschlands. In den folgenden Jahren gewinnt das Telefon als Kommunikationsmittel kontinuierlich an Bedeutung: Um 1900 existieren außer Ortsnetzen bereits erste Fernverbindungen, die Reichweite der Telefone beschränkt sich jedoch auf rund 35 Kilometer. Infolgedessen arbeitet man intensiv an der Verbesserung des Fernsprechweitverkehrs. Basierend auf Erkenntnissen des Physikers Michael Pupin gelingt es Siemens-Forschern zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Reichweite und Übertragungsqualität deutlich zu verbessern.

 

Zunächst sind nahezu alle Fernsprech-Fernverbindungen in Deutschland Freileitungen – und damit sehr störanfällig. Im Winter 1909 legen starke Stürme und gefrierender Schnee den Telefonverkehr im Norden des Landes über Wochen lahm. Infolgedessen entscheidet das Reichspostamt, das bestehende Freileitungsnetz durch unterirdisch verlegte, pupinisierte Fernsprechkabel zu ersetzen. Die in regelmäßigen Abständen in die Telefonleitungen eingefügten Selbstinduktionsspulen verbessern die Sprachverständlichkeit entscheidend.

 

1912 beginnt Siemens & Halske mit der Verlegung des pupinisierten Rheinlandkabels, das von Brandenburg über Berlin in die Industriemetropolen des Rheinlands führt. Während der 1920er-Jahre wird das Fernsprechnetz unter Beteiligung von Siemens weiter ausgebaut und an die Netze anderer Staaten angeschlossen. 1937 zählt man im europäischen Netz bereits 1,1 Milliarden Ferngespräche.

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Ladenlokal von Fusi Denki Seizo KK in Tokio, 1924

1923/24: Auslandskooperationen in Japan und den USA

Im Gefolge des Ersten Weltkriegs verliert Siemens fast alle Auslandsniederlassungen und -beteiligungen. Umso mehr ist das Unternehmen im Interesse seiner langfristigen Wettbewerbsfähigkeit bestrebt, an die internationalen Märkte zurückzukehren. Zur planmäßigen Erschließung des ostasiatischen Wirtschaftsraums gründen die Siemens-Schuckertwerke im August 1923 ein Joint Venture mit dem japanischen Furukawa-Konzern. Die neue Gesellschaft mit Sitz in Kawasaki firmiert unter der Bezeichnung „Fusi Denki Seizo KK“. Siemens ist mit 30 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen beteiligt.

Zu Beginn der 1920er-Jahre besteht in der deutschen Elektroindustrie großer Nachholbedarf. Um mit der internationalen Entwicklung Schritt halten zu können, reaktiviert die Siemens-Führung in den USA alte Geschäftsverbindungen. Unternehmen wie die Westinghouse Electric Company sind damals weltweit führend auf dem Gebiet der Energietechnik. Nach längeren Verhandlungen schließen die Siemens-Schuckertwerke im Oktober 1924 mit Westinghouse einen Vertrag über den regelmäßigen Austausch von Patenten und Know-how. Die Vereinbarung markiert den Beginn einer jahrzehntelangen Kooperation.