Am schwedischen Polarkreis elektrifiziert Siemens im frühen 20. Jahrhundert die wichtigste Bahnlinie für den Transport von Eisenerz. Dies ist nicht nur ein technisches Meisterstück, sondern auch ein Meilenstein für die schwedische Wirtschaft.

image
Mobile Arbeitsplattform – der Dampflok betriebene Montagezug erleichtert die Arbeiten an der elektrischen Streckenausrüstung, 1913

Noch fährt die Dampflok – aber bald wird Erz mit Strom transportiert

Schweden ist reich an Bodenschätzen: In Norrbotten, einer Provinz im Norden des Landes, lagern riesige Eisenerzvorkommen, deren Ausbeutung gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnt. Seit 1902 gelangt das im Bergbaurevier Kiruna geförderte Erz auf der Schiene an die norwegische Atlantikküste, um von dort aus verschifft zu werden. Obwohl Narvik nördlich des Polarkreises liegt, ist der dortige Hafen wegen des Golfstroms ganzjährig eisfrei – und damit bestens als Drehscheibe zur Verschiffung des aus dem Nachbarland gelieferten Eisenerzes geeignet. Zunächst erfolgt der Eisenbahntransport per Dampflokomotive. Anfang der 1910er-Jahre wird die Bahnlinie Kiruna–Riksgränsen unter der Leitung von Siemens elektrifiziert, und nachdem die in Schweden als „Malmbana“ bezeichnete Strecke fertiggestellt ist, kann mit dem industriellen Abbau des Eisenerzes begonnen werden.

 

Proportional zur Erzfördermenge steigt auch der Kohleverbrauch, da die rund 180 Kilometer lange Bahnstrecke ausschließlich mit Dampflokomotiven befahren wird. Allein zwischen Abisko und dem knapp 40 Kilometer entfernten Riksgränsen benötigt man zum Betrieb einer einzigen Dampflok pro Tag 7.200 Kilogramm Steinkohle. Für Schweden, das nahezu seinen gesamten Kohlebedarf importieren muss, ist das eine große finanzielle Belastung. Entsprechend aufmerksam verfolgt die Regierung die Fortschritte auf dem Gebiet der europäischen Bahnelektrifizierung, zumal Energie aus heimischer Wasserkraft mehr als ausreichend zur Verfügung steht. Die Luossavaara-Kiirunavaara Aktiengesellschaft (LKAB), die seit 1890 die Erzförderung in der Region betreibt, hat die schwedische Regierung vertraglich verpflichtet, jedes Jahr eine bestimmte, kontinuierlich steigende Erzmenge zu befördern. Doch bereits nach wenigen Jahren ist absehbar, dass die definierten Fördermengen die mit drei Millionen Tonnen veranschlagte Transportkapazität der eingleisigen Dampfbahn übersteigen werden.

image
Aus Fernleitungsspannung werden 16.000 Volt Fahrleitungsspannung – das Unterwerk in Abisko fungiert gleichzeitig als Bahnhof, 1914

Leistungsfähiger, schneller, günstiger – elektrisch!

Nach umfangreichen Vorstudien auf der Strecke Tomteboda–Värtan gelangen die Verantwortlichen zu dem Schluss, dass mittlerweile genügend Erfahrungen vorliegen, um die Elektrifizierung der Schwedischen Staatsbahnen in Angriff zu nehmen. Nur dadurch lässt sich die erforderliche Kapazitätsausweitung der Erzbahn – noch dazu bei sinkenden Betriebskosten – realisieren. Im Mai 1910 beschließt der Reichstag, die Bahnlinie Kiruna–Riksgränsen versuchsweise auf elektrischen Betrieb mit 15.000 Volt Einphasen-Wechselstrom umzurüsten. Der Auftrag zur Elektrifizierung der 129 Kilometer langen Strecke wird gemeinsam an die Siemens-Schuckertwerke und die Allmänna Svenska Elektriska Aktiebolaget Vesteras (ASEA) vergeben. Das Angebot der beiden Elektrounternehmen überzeugt die schwedische Regierung vor allem wegen der umfassenden Garantie- und Gewährleistungen. Aufgrund der größeren Erfahrung mit komplexen Infrastrukturprojekten übernimmt Siemens die Gesamtleitung. Alle erforderlichen Arbeiten werden in enger Kooperation mit den schwedischen Partnern projektiert und ausgeführt.

 

Den Bahnstrom liefert ein bei Porjus errichtetes Wasserkraftwerk. Von dort wird der Strom mit einer Spannung von 80.000 Volt über Kiruna entlang der Bahnlinie gen Norden geführt. An der Strecke bis Riksgränen befinden sich insgesamt vier Unterwerke, in denen die Fernleitungsspannung auf 16.000 Volt Fahrleitungsspannung transformiert wird. Drei der vier Unterwerke entlang der sogenannten Riksgränsbahn fungieren zusätzlich als Bahnhofsgebäude. 

Nunmehr ist das Werk vollendet, und die Garantien sind nicht nur erfüllt, sondern auch in mehreren wichtigen Punkten übertroffen worden.

Generaldirektion Schwedische Staatsbahn, 1917

Weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen zum Thema finden Sie in unserer Linksammlung.