Im Zuge der dynamischen Wirtschaftsentwicklung in und außerhalb Deutschlands erhält Siemens & Halske ab den 1880er-Jahren am schnell wachsenden Markt der Energietechnik Konkurrenz. Die Wettbewerber überzeugen durch innovative Marktstrategien, finanziert über den Kapitalmarkt. Die Folge: Siemens & Halske, das Ende des 19. Jahrhunderts weltweit 6.500 Mitarbeiter beschäftigt und fast 20 Millionen Mark umsetzt, gerät zunehmend unter Druck. Firmengründer Werner von Siemens hatte bis zuletzt an seinem Leitbild des Familienunternehmens festgehalten. Um weiterhin konkurrenzfähig bleiben zu können, wandeln seine Nachfolger das Unternehmen 1897 schließlich in eine Aktiengesellschaft um. 

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Ausgestattet von der EAG – Hamburgs erstes Elektrizitätswerk, 1888

Veränderte Rahmenbedingungen – Expansion der elektrotechnischen Industrie

Angesichts der Erfolgschancen am boomenden Elektromarkt werden bis Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche elektrotechnische Firmen gegründet oder die Geschäftsaktivitäten bestehender Unternehmen diversifiziert: In den USA gründet der Ingenieur Georg Westinghouse 1886 die Westinghouse Electric Company (WEC). Sechs Jahre später fusioniert die 1890 von Thomas Alva Edison gegründete Edison General Electric Company mit der Thomson-Houston Company zur General Electric Company (GE) – bis heute einer der wichtigsten Wettbewerber von Siemens. Am Heimatmarkt gefährden vor allem die Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vorm. Schuckert & Co. (EAG) und die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG, 1883 als Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität gegründet) die bis dato unangefochtene Marktführerschaft von Siemens & Halske.

 

Das schnelle Wachstum dieser Neugründungen wird durch das sogenannte Unternehmergeschäft begünstigt: Diesem Geschäftsmodell liegt die Überzeugung zugrunde, dass viele Städte und Kommunen zwar grundsätzlich an einer Elektrifizierung ihrer Infrastruktur interessiert sind, aber hierfür weder über das notwendige Fachwissen und geeignetes Personal noch über die finanziellen Mittel verfügen. Indem die Elektrounternehmen den öffentlichen Auftraggebern anbieten, Projektierung, Ausführung und Betrieb entsprechender Infrastrukturmaßnahmen auf eigene Rechnung durchzuführen, fördern sie gleichzeitig die Nachfrage nach ihren Erzeugnissen. 

 

 

 

Es ist jetzt viel Geld hier im Geschäft nötig. […] Die schönen Zeiten, wo wir in Staatsgeldern schwammen, sind leider vorüber.

Wermer von Siemens an seinen Bruder Carl, Mai 1890
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Überzeugt vom Börsengang – Carl von Siemens, ca. 1880

Siemens braucht Kapital von Aktionären

Spätestens Anfang der 1890er-Jahre sieht sich auch Siemens & Halske gezwungen, als Generalunternehmer zu fungieren und große Summen in den Bau und Betrieb elektrischer Bahnen, Kraftwerke und Beleuchtungssysteme zu investieren. In einem Brief an seinen Bruder Carl klagt Werner von Siemens im Mai 1890: „Es ist jetzt viel Geld hier im Geschäft nötig. […] Die schönen Zeiten, wo wir in Staatsgeldern schwammen, sind leider vorüber.“  Allerdings kollidiert der hohe Bedarf an langfristigem Kapital nicht nur mit der Finanzpolitik Werner von Siemens', die auf Sicherheit setzt und die unternehmerische Unabhängigkeit des Unternehmens bewahren will, sondern auch mit den begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Eigentümerfamilie. 

 

Mit dem Ziel, die Kapitalbasis zu erweitern, regt Carl von Siemens an, Siemens & Halske in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Der in Russland lebende Unternehmer ist überzeugt, dass „eine Aktien-Gesellschaft […] sehr viel mächtiger ist, als ein Privatgeschäft. Sie hat nämlich unzählige Associés, die alle mehr oder weniger bemüht sind, sie zu schützen und ihr Geschäfte zuzuführen. Ohne die Hilfe ihrer Aktionäre hätte die Allgemeine [die AEG] in so kurzer Zeit unmöglich so gross u. mächtig werden können.“ Wiederholt legt er Werner von Siemens nahe, „die Sache gehörig“ zu überlegen. Ohne Erfolg: Bis zu seinem Tod lehnt der Firmengründer die Reform der Unternehmensverfassung ab. Seine Bedenken, dass der beherrschende Einfluss der Familie mit dem Übergang von einer Handels- in eine Aktiengesellschaft schwinden könnte, sind zu groß. 

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Siemens betritt den Kapitalmarkt – offizielle Mitteilung über die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, 3. Juli 1897

Druck von der Konkurrenz und Hilfe von den Banken – Siemens wird eine AG

1890 zieht sich der 74-jährige Elektropionier offiziell aus dem Unternehmen zurück. Nun steht der Öffnung des Unternehmens hin zum Kapitalmarkt nichts mehr im Weg: Nach Werners Ausscheiden wird Siemens & Halske in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Persönlich haftende Gesellschafter, also Geschäftsinhaber, sind sein Bruder Carl sowie Werners Söhne Arnold und Wilhelm von Siemens. Letzterer folgt schließlich dem Rat seines Onkels und wandelt das Familienunternehmen 1897 in eine Aktiengesellschaft um.

 

Den entscheidenden Anstoß zu diesem Schritt geben jedoch die Pläne Emil Rathenaus, die AEG und die 1892 gegründete „Union Elektricitäts-Gesellschaft“ zu verschmelzen, wodurch Siemens & Halske die Unterstützung fast aller Berliner Großbanken verloren hätte. Der Druck auf die Siemens-Führungsriege wächst. Dann erklärt sich die Deutsche Bank bereit, diese Fusionspläne zu durchkreuzen, indem sie ihre Mitwirkung verweigert – wenn, so die Bedingung, im Gegenzug Siemens & Halske in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird.

 

Formell erfolgt die Gründung der Siemens & Halske AG am 3. Juni 1897 mit Wirkung vom 1. August 1896. Die Aktiva und Passiva von Siemens & Halske werden auf die neue Aktiengesellschaft gegen 28 Millionen Mark in Aktien übertragen. Einzelne Mitglieder der Siemens-Familie übernehmen weitere Aktien im Nennwert von sieben Millionen Mark. Damit liegt das gesamte Aktienkapital in den Händen der Familie. Am 2. Juli 1897 findet die erste Aufsichtsratssitzung statt – „einzige Mitglieder: Onkel Carl, Arnold, [Carls Sohn] Werner, ich“, wie Wilhelm von Siemens in seinem Tagebuch notiert. Zum ersten Aufsichtsratsvorsitzenden wird der „Seniorchef“ des Hauses, Carl von Siemens, bestimmt, der dieses Amt sieben Jahre ausüben wird. 1904 zieht er sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Unternehmen zurück.

Sabine Dittler