Die Besucher der Berliner Gewerbeausstellung können es kaum glauben: Vor ihren Augen zieht eine Lok, wie von Geisterhand bewegt, ohne Rauch und Dampf ihre Kreise. Was sie nicht ahnen: Sie sind Zeugen der Geburtsstunde einer der wichtigsten technischen Innovationen des 19. Jahrhunderts: der elektrischen Bahn, die in unterschiedlichsten Ausführungen als Tram, U-Bahn oder Hochgeschwindigkeitszug den öffentlichen Verkehr der Zukunft bestimmen wird.

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Ende einer Ära – Pferde-Straßenbahn in Potsdam

Größere Städte, wachsendes Verkehrsaufkommen – die Ära der Pferdebahnen geht zu Ende

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der öffentliche Nahverkehr noch durchweg auf das Pferd angewiesen: Pferdedroschken und Pferdestraßenbahnen bestimmen das Straßenbild, ergänzt durch einige wenige Dampfbusse. Doch angesichts der immer größeren Anzahl an Menschen, gerade in den Metropolen mit ihren zahllosen Pendlern, gelangen die Pferdebahnen schnell an die Grenzen ihrer Kapazität.

 

Auch die Dampflokomotive, die sich im Fernverkehr ihren Weg gebahnt hat, ist keine Lösung, denn für den Einsatz im städtischen Bereich erweist sie sich als zu unflexibel. Auch wären die Belästigungen durch Ruß und Lärm im urbanen Raum zu massiv.

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Eine neuartige Bahn ohne Dampf und ohne Pferde – Konstruktionszeichnung, 1879

Personenbeförderung mit Strom – „Die electrische Eisenbahn macht viel Spectakel“

Man versucht deshalb seit der Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips durch Werner von Siemens 1866, den elektrischen Motor auch für Beförderungszwecke einzusetzen. Mit Erfolg: 1879 stellt Siemens & Halske auf der Berliner Gewerbeausstellung zum ersten Mal eine elektrische Bahn mit Stromzuführung über die Schienen vor. Der Gleichstrom wird dabei mit einer Spannung von 150 Volt über die beiden Fahrschienen und einem zwischen den Schienen isoliert montierten Flacheisen dem Motorwagen zugeführt.

 

Der Motorwagen, auf dem der Lokführer sitzt, zieht drei Wägelchen mit je sechs Passagieren auf einer 300 Meter langen Kreisbahn durch den Ausstellungspark. Die elektrische Eisenbahn ist der Blickfang der Ausstellung und wird in Berlin rasch zum Stadtgespräch. Die Gäste auf der Messe sind begeistert: Innerhalb von vier Monaten befördert die kleine Bahn über 86.000 Passagiere. 

 

Über den unerwarteten Erfolg berichtet Werner von Siemens in einem Brief an seinen Bruder Carl:

Unsere electrische Eisenbahn […] macht jetzt hier viel Spectakel. Sie geht in der That über Erwartung gut. Es werden in einigen Stunden täglich gegen 1000 Personen à 20 Pfennig für wohlthätige Zwecke befördert. 20 bis 25 Personen mit jedem Zuge. Geschwindigkeit etwa Pferdebahn-Geschwindigkeit. Es lässt sich darauf in der That jetzt was bauen!

Werner von Siemens an seinen Bruder Carl, 12. Juni 1879
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Erste elektrische Grubenlokomotive der Welt, 1882 von Siemens & Halske für Bergwerk Zaukerode in Sachsen geliefert

Widerstände überwinden – der Siegeszug der „Elektrischen“ beginnt

Und so kommt es auch: Bereits ein Jahr später schlägt Werner von Siemens, für den die elektrische Eisenbahn der Gewerbeausstellung lediglich ein Versuchsmodell ist, den Bau einer Berliner Hochbahn vor. Er scheitert aber am Einspruch der Grund- und Hausbesitzer, die dadurch den Wert ihrer Immobilien gefährdet sehen.

 

Doch der Firmengründer lässt sich nicht bremsen. Bereits 1881 baut er auf eigene Kosten eine Straßenbahn von 2,5 Kilometern Länge in Berlin – die erste „Elektrische“ der Welt. Es folgen der erste Oberleitungsbus, Grubenlokomotiven, die erste U-Bahn des Kontinents in Budapest – der Siegeszug der elektrischen Eisenbahn ist nicht mehr aufzuhalten!

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Eurostar e320 – „Zug des Jahres 2017“ bei den National Rail Awards in Großbritannien.

Potenzial der elektrischen Bahn voll ausgeschöpft – Moderne Hochgeschwindigkeitszüge brechen Rekorde

Werner von Siemens, der sogleich das Potenzial der Bahn als Massenverkehrsmittel erkennt, behält recht: Ausgehend von der ersten elektrischen Eisenbahn kann Siemens mittlerweile auf eine fast 140-jährige Geschichte bei der Elektrifizierung des Schienenverkehrs zurückblicken – von der Straßenbahn über U-Bahnen bis hin zu modernen Hochgeschwindigkeitszügen. Ein Beispiel ist die neueste Generation des Hochgeschwindigkeitsplattform Velaro. Der an Eurostar International Ltd. gelieferte Triebzug mit der Bezeichnung Eurostar e320 erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 320 Stundenkilometern.

 

Der erste Zug nimmt im November 2015 den Betrieb zwischen London und Paris durch den Eurotunnel auf. Im Mai 2017 folgt die Betriebsaufnahme auf der Strecke London–Brüssel. Seit April 2018 ist der mit 400 Metern längste Triebzug aus der Velaro-Familie auf der Strecke London–Amsterdam via Brüssel unterwegs.

 

 

 

 

Franz Hebestreit / Alexandra Kinter

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