1847 gründet der damals 33-jährige Mechaniker Johann Georg Halske gemeinsam mit dem Artillerieoffizier Werner von Siemens das nach ihnen benannte Unternehmen Siemens & Halske. Damit legen sie den Grundstein für die Weltfirma, die heute auf eine über 170-jährige Geschichte zurückblickt. Doch wer ist dieser Mann, der verglichen mit seinem weltberühmten Partner häufig eher im Hintergrund steht?

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Akribisch und mit Gespür fürs Detail – Feinmechaniker Johann Georg Halske, 1855

Die Kunst der Mechanik – Feinmechaniker aus Berufung

Johann Georg Halske wird als Sohn eines Kaufmanns am 30. Juli 1814 in Hamburg geboren. Als Neunjähriger kommt er zu einem Onkel nach Berlin, wo er ab 1825 das Gymnasium zum Grauen Kloster besucht. Nach nur vier Jahren gibt er den Schulbesuch zugunsten einer Handwerkerlehre auf. Zunächst geht Halske bei einem Berliner Maschinenbauer in die Lehre, wechselt dann aber in die Werkstatt des Feinmechanikers Wilhelm Hirschmann – und ist hier in seinem Element! Da Hirschmann vor allem Auftragsarbeiten für Gelehrte der Berliner Universität ausführte, kommt Halske bereits während seiner Ausbildung in Kontakt mit mehreren Physik-Professoren.

 

Nach Abschluss seiner Lehre sammelt der talentierte Feinmechaniker einige Jahre Berufserfahrung. Im Alter von 30 Jahren gründet er mit dem Mechaniker F. M. Boetticher in Berlin eine eigene Werkstatt, wo er ab 1844 für zahlreiche Einrichtungen aus dem Umfeld der Berliner Universität hauptsächlich Apparaturen für physiologische Experimente und Präzisionsinstrumente herstellt. In dieser Funktion arbeitet er auch mit dem Wissenschaftler Emil Du Bois-Reymond, einem der Mitbegründer der „Physikalischen Gesellschaft zu Berlin“, zusammen.

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Präzisionsarbeit in Perfektion – Werner von Siemens’ Zeigertelegraf von 1847

Aufbruch ins Abenteuer Telegrafie – Johann Georg Halske und Werner von Siemens gründen die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“

Du Bois-Reymond ist es auch, der seine beiden Freunde Halske und Werner von Siemens, zu dieser Zeit Offizier der Preußischen Artillerie, Anfang 1847 miteinander bekannt macht; schließlich weiß er, dass der Elektropionier auf der Suche nach einem fähigen Handwerker ist, der den Bau des von ihm entwickelten Zeigertelegrafen realisieren soll. Die Zusammenkunft bildet den Grundstein für eine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit, denn schon nach wenigen Tagen ist sich von Siemens sicher, dass er „mit den Mechanikern Boettcher und Halske, zwei jungen thätigen und unterrichteten Leuten“ geeignete Partner für den Bau seines Zeigertelegrafen gefunden hat.

 

Doch nicht nur das: Halske, der technischen Entwicklungen sonst eher skeptisch gegenübersteht, ist vom Potenzial des Telegrafen derart überzeugt, dass er im Herbst 1847 – nach sorgfältiger Kalkulation des zu erwartenden Auftragsvolumens – seine bisherige Werkstatt aufgibt und das Risiko einer gemeinsamen Firmengründung mit Werner von Siemens eingeht. Beide Männer sind von Anfang an gleichberechtigte Partner. Hinsichtlich der Aufgabenteilung schreibt Werner 1847 in einem Brief an seinen in England lebenden Bruder William: „Halske, den ich völlig gleichgestellt bei mir in der Fabrik habe, bekommt die Leitung der Fabrik, ich die Anlage der Linien, Kontraktabschlüsse etc.“ Neben der Werkstattleitung ist Halske für die Ausarbeitung der Konstruktionen seines Sozius, deren Prüfung und Erprobung sowie für die Montageleitung und die Materialbeschaffung verantwortlich. Es ist die Geburtsstunde der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“.

Die Anfänge – Sehen Sie im Film den Weg Johann Georg Halskes bis zur Firmengründung 1847

„Ein bewundernswertes Talent“ – Können, Leidenschaft und Präzision als Erfolgsfaktoren

Zweifelsohne gehören das handwerkliche Können, die Leidenschaft für gute Formen und die technische Präzision, mit der Halske die Erfindungen und Konstruktionen seines Partners umsetzt, zu den zentralen Erfolgsfaktoren in der Aufbauphase des jungen Elektrounternehmens – eine Tatsache, die Werner von Siemens stets betont. So erinnert er sich in seiner Autobiografie: „Der große Einfluß, den die Firma Siemens & Halske auf die Entwicklung des Telegraphenwesens ausgeübt hat, ist wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß bei ihren Arbeiten der Präzisionsmechaniker [Halske] … die ausführende Hand darbot.“ An anderer Stelle lobt er dessen „bewundernswertes Talent“. Eines ist sicher, ohne den wichtigen Beitrag Halskes, hätte die gemeinsame Unternehmung kaum den erfolgreichen Weg eingeschlagen. Doch dieser Erfolg hat auch Schattenseiten, wie der Mechanikermeister einige Jahre später erfahren muss.

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Von der Werkstatt zur Fabrik – Das gemeinsame Unternehmen wächst und gedeiht

Perfektionismus contra Stückzahlen und Wachstum – der Druck nimmt zu

Innerhalb weniger Jahre gelingt es der Telegraphen-Bauanstalt, ihren Umsatz von 10.300 Mark im Jahr 1848 auf 253.100 Mark im Jahr 1851 zu vervielfachen. Mit der fortschreitenden Expansion der einstigen Zehn-Mann-Werkstatt beginnt sich jedoch das Verhältnis der beiden befreundeten Geschäftspartner zu trüben. Vor allem die hohen Ansprüche des Perfektionisten Halske geraten zunehmend in Widerspruch mit der Notwendigkeit, hohe Stückzahlen wirtschaftlich produzieren und termintreu auszuliefern zu müssen. Außerdem setzt das finanzielle Risiko, das mit der Ausweitung des Portfolios und der Internationalisierung des Elektrounternehmens einhergeht, den „vorsichtigen Geschäftsmann“ unter Druck. 1854 schreibt Halske an seinen Kompagnon: „Weiß der Kuckuck, woran es liegt, daß einem ein reelles deutsches Geschäft, abgesehen von Umfang und Verdienst, gar nicht mehr so wie früher das Herz erfreut, ich glaube, es liegt an den halsbrecherischen russischen Geschäften.“ 

Aufstieg und Rückzug – Sehen Sie im Film, wie die Unternehmensgründung Johann Georg Halskes Leben verändert und wie es zum Ausstieg kommt

„Ich verliere meinen Charakter“ – Halske steigt aus dem Unternehmen aus

Sieben Jahre und zahlreiche Auseinandersetzung mit den Siemens-Brüdern später – unter anderem um die Einführung der Serienfertigung und des Akkordlohnsystems – fasst Johann Georg Halske die Situation in einem Brief an seinen langjährigen Freund und Partner wie folgt zusammen: „Wir beide erstreben ein Ziel, davon zeugen unsere Leistungen, die Welt sagt es; aber der Baum, der diese Früchte getragen und unserem gegenseitigen Vertrauen entsprossen ist, gedeiht nicht, wenn fortwährend die Erde an seinem Stamme umgewühlt wird […] jeder von uns hat seine eigene Art zu streben, ich als der Schwächere, für den ich mich halten muss, verliere durch die ewige Akkomodation meinen eigenen Charakter, und werde der Spielball einer Welle, die mich zu verschlingen droht.“

 

Als Konsequenz zieht sich Johann Georg Halske im Dezember 1863 zunächst aus der Führung der englischen Tochtergesellschaft zurück. Zum Jahresende 1867 verlässt er das Berliner Stammhaus – in freundschaftlichem Einvernehmen mit seinem einstigen Partner, mit dem er bis zum seinem Tod im März 1890 befreundet bleibt. Um die Existenz von Siemens & Halske nicht zu gefährden, belässt er einen Großteil seines Kapitals bis 1881 als Darlehen in der Firma. Außerdem beteiligt sich Halske mit 10.000 Talern an der Einrichtung der Pensionskasse, die anlässlich des 25. Firmenjubiläums 1872 gestiftet wird. Der Name „Halske“ bleibt bis 1966 fester Bestandteil der Firmenbezeichnung; erst mit Gründung der heutigen Siemens AG wird der Name Siemens & Halske gelöscht.

 

 

 

Sabine Dittler

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