Neuronale Netze allerorten

Was passiert, wenn Dinge und Maschinen beginnen, selbstständig zu agieren? Es kommt zu einer der revolutionärsten Veränderungen, die die Welt je erlebt hat.

Autonome Fahrzeuge können den Straßenverkehr künftig deutlich entlasten, wenn sie verstärkt gemeinschaftlich genutzt werden.
Autonome Fahrzeuge können den Straßenverkehr künftig deutlich entlasten, wenn sie verstärkt gemeinschaftlich genutzt werden.

War Künstliche Intelligenz – abgekürzt KI – vor einigen Jahren noch mehr ein Versprechen als Wirklichkeit, ist sie inzwischen Alltag. Wir führen, mehr oder minder, erfolgreiche Gespräche mit den Sprachassistenten unserer Smartphones, um günstige Flüge zu finden oder das Licht im Wohnzimmer zu dimmen. Aus tausenden Urlaubsfotos fischt KI-Software problemlos die Gesichter unserer Freunde und Familie heraus. In Städten und auf Autobahnen sind, wenn auch noch im Testbetrieb, autonom gesteuerte Fahrzeuge unterwegs, die selbstständig Entscheidungen im Verkehr treffen.

 

All das klingt vielversprechend – und die Hoffnungen sind in der Tat groß. Denn KI ist kein stur Kommandos ausführendes Computerprogramm, sondern sie lernt dank sogenannter neuronaler Netze, die dem menschlichen Gehirn nachempfunden sind, ständig hinzu und wird so, in Echtzeit, immer besser. Je mehr wir einkaufen, desto passender fallen im Online-Shop die Produktvorschläge aus. Je mehr Filme wir sehen, desto treffsicherer sind die darauf basierenden Empfehlungen. Manchem mag die Treffgenauigkeit bisweilen sogar unangenehm auffallen, weil man sich durchschaut fühlt. Doch wer weiß nicht gerne einen Gehilfen an seiner Seite, wenn man etwas ratlos ist oder es gerade besonders eilig hat. So unterstützt, geschult an riesigen Datenmengen, das von IBM entwickelte, in der Cloud angesiedelte kognitive System „Watson“ heute bereits Mediziner dabei, bessere Diagnosen zu stellen, Versicherungen, Risiken genauer einzuschätzen, oder Meteorologen, das Wetter vorherzusagen.

Gesprächspartnerin in in vielen Millionen Haushalten: Amazons Alexa (hier im Smart Speaker Echo).
Gesprächspartnerin in in vielen Millionen Haushalten: Amazons Alexa (hier im Smart Speaker Echo).

Aber welche Auswirkungen hat diese revolutionäre Technologie auf unsere Arbeitswelt, Gesellschaften und Unternehmen? In welchen Arbeitsfeldern verdrängen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten intelligente Maschinen den Menschen – und wo entstehen dank KI neue Berufe? Wie können Unternehmen KI nutzen, um neue Geschäftsfelder zu erschließen und ihren Kunden neue Services anzubieten, mit denen diese ihre Produktivität und Effizienz steigern? Das sind komplexe Fragen, für die der digitale Assistent im Smartphone heute sicher keine Antwort parat hat. Aber klar ist: KI wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern.

„Software kann sehr intelligent sein. Aber den Menschen kann sie nicht ersetzen.“

Rolf-Dieter Heuer ist zuversichtlich, dass uns clevere Maschinen helfen –  in Forschung, Industrie und im Alltag. Im Interview erklärt der ehemalige Generaldirektor des CERN und langjährige Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG), weshalb es dennoch immer intelligenter Menschen bedarf.

Prof. Dr. Rolf-Dieter Heuer.
Prof. Dr. Rolf-Dieter Heuer.

Künstliche Intelligenz ist ein Begriff, der Hoffnungen schürt und Bedenken provoziert. Was bedeutet er für Sie als Physiker?

Früher war Künstliche Intelligenz schlichtweg intelligente Software –  also neuronale Netze, die durch immer mehr Daten, mit denen der Mensch sie fütterte, immer besser Muster erkannt haben. Die Software wurde so geschrieben, dass sie sich mit Unterstützung des Menschen permanent weiterentwickelte. Heutzutage verläuft das auf den ersten Blick ähnlich, aber auf den zweiten doch anders: Man setzt der Software gleich eine Riesenmenge an Daten vor und schreibt sie so, dass sie intelligent genug ist, diese Daten in eigener Regie nach Mustern zu durchforsten und jene Kombination zu selektieren, die man braucht.

 

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir die Steuerung des Teilchenbeschleunigers im CERN. Er ist mit Millionen Sensoren ausgestattet, die überwachen, ob alles richtig läuft. Durch Mustererkennung werden verschiedene Sensoren gleichzeitig zurate gezogen. Die Frage lautet nicht: Was macht der eine Sensor?, sondern: Welche Situation entsteht dadurch? Mit intelligenter Software, die das Wissen aller Sensoren vereint, können Sie sehr schnell sagen: Wir ignorieren diesen einen Sensor. Wenn dann aber auch der Nachbarsensor diese Abweichung zeigt, müsste das Programm intelligent genug sein, festzustellen: Jetzt müssen wir etwas tun.

Die Zeit bis zum Markteintritt wird verkürzt, und die Produkte sind besser, wenn Sie clevere Programme einsetzen. Aber: Clevere Programme werden von cleveren Leuten geschrieben.

Prof. Dr. Rolf-Dieter Heuer
Prof. Dr. Rolf-Dieter Heuer

Der Mensch spielt also keine Rolle mehr?

Doch. Nur müssen solche Entscheidungen so schnell getroffen werden, dass man sich nicht nur auf den Menschen verlassen kann. Er ist zu langsam. Die Maschine ist auf jeden Fall schneller – aber ob sie eines Tages cle