Drei Menschen, drei Fluchtschicksale, drei Lebenswege. Was Basma, Moaiad und Adel gemeinsam haben, sind die Liebe zur Technik und der Neustart in Berlin.

Wenn Adel Daaboul seine Arbeitsklamotten angezogen hat, das dunkelblaue T-Shirt und die gleichfarbige Hose, und dann über das breite steinerne Treppenhaus in die zweite Etage des alten Berliner Gebäudes hinaufsteigt, funkeln seine Augen. Er durchquert den langen Flur, bis sich eine Halle vor ihm öffnet und er an seinem Arbeitsplatz angekommen ist. Hier stehen Hightech-Maschinen, wohin das Auge blickt. Aber vor allem die riesige Fräse hat es Adel angetan. In seiner Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker nutzt er sie regelmäßig, um komplizierte Bauteile anzufertigen. „Vielleicht verstehen das nur Leute, die so ticken wie ich, aber: Ich freue mich immer wie ein Kind auf diese Maschine“, sagt er und lacht.

 

Der 23-Jährige ist einer von vielen Geflüchteten, die bei Siemens eine Ausbildung machen. Und er war Teilnehmer des Siemens-Flüchtlingsprogramms, das Menschen im Rahmen sechsmonatiger Förderklassen eine berufliche Zukunft eröffnet, indem es diese durch sprachliche, fachliche sowie soziale Aktivitäten auf eine Ausbildung vorbereitet. Seit 2015 gehört das deutschlandweite Programm fest zum Unternehmen.

Adel ist in Syrien aufgewachsen und floh, nachdem der Krieg begonnen hatte. „Mit einem Mal war es nicht mehr sicher, dort zu leben und zu arbeiten. Es gab einfach keine Perspektive.“ Er flüchtete in den Libanon und von dort in die Türkei, aber er sah keinen Weg, um sein Ziel zu verwirklichen. „Ich wollte unbedingt eine Chance, um weiterlernen zu können. In Deutschland kann ich jetzt ein neues Leben aufbauen.“ Technik begeistert ihn, seit er denken kann. In seiner Freizeit hat er zum Spaß schon mal eine komplette Fräse selbst gebaut. Die ist zwar um einiges kleiner als das Modell in der Maschinenhalle, aber voll funktionstüchtig. Aktuell entwirft er eine Drohne, die er selbst bauen möchte.

 

Die meisten Flüchtlinge im Siemens-Flüchtlingsprogramm stammen aus Eritrea oder Syrien, und viele haben die Schrecken der in ihrer Heimat wütenden Kriege am eigenen Leib erfahren. Unter ihnen sind bestens ausgebildete IT-Fachleute und Ingenieure, die sich wünschen, ihr Wissen vertiefen, ausweiten und teilen zu können. 

 

Basma Abdulhadi wollte eigentlich Ärztin werden, dann packte sie die Leidenschaft für Technik. In Bagdad studierte sie Elektrotechnik mit Schwerpunkt Laser- und Optoelektronik und arbeitete als Bauingenieurin, dann musste sie mit ihrer Mutter fliehen. In Deutschland angekommen, lernte sie Deutsch und bewarb sich auf ein Praktikum im Flüchtlingsprogramm von Siemens. Jetzt ist sie in einem internen jungen Start-up von Siemens eingesetzt, das in Berlin Prozessstrukturen für die digitale Zukunft aufsetzt. Auf die Frage nach ihrem Ziel muss sie nicht lange nachdenken: „Ich will unabhängig sein und in meinem Beruf vorankommen.“ 

Das Praktikumsangebot richtet sich an qualifizierte geflüchtete Menschen und dauert in der Regel drei Monate. Wie im gesamten Programm geht es auch hier darum, Talente zu fördern, Vorurteile abzubauen und Integration zu beschleunigen. Deshalb hat jeder Praktikant einen eigenen Paten an der Seite, der sich als Unterstützer und Wegbegleiter engagiert. Die Programmteilnehmer sollen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern und die Sprache lernen, aber auch Freunde finden und die Basis für eine sichere Existenz schaffen.  

 

Gegenüber dem Gebäude, in dem Basmas Team tätig ist, liegt der Arbeitsraum der angehenden Elektroniker. Hier ist es ganz ruhig, obwohl der Raum gut gefüllt ist. Es ist Praxisphase, und die ungefähr 20 Azubis stehen konzentriert an ihren Werkbänken. Neben der großen Fensterfront steht Moaiad Modallaeh und verdrahtet jede Menge Elemente einer riesigen Projektarbeit, an der er mitgebaut hat. „Meine Aufgabe waren die Montage und die Überprüfung“, sagt der 25-Jährige, der schon viel praktische Erfahrung als Elektroniker hat. In seiner Heimat Syrien und später, auf der Flucht durch den Libanon, hatte er bereits in dem Beruf gearbeitet. Über einen Bekannten, der Praktikant bei Siemens war, bekam er die Empfehlung, sich ebenfalls zu bewerben. 

In der Ausbildung lernt Moaiad den Beruf jetzt von der Pike auf. „Die größte Herausforderung sind für mich gar nicht die Inhalte“, sagt er. „Ich fand es viel schwerer, die Fachsprache zu lernen.“ Inzwischen sind ihm Sprachprobleme fremd. Neben Deutsch hat er durch seinen Mitbewohner sogar Italienisch gelernt. Er lächelt und sein ganzes Gesicht legt sich in strahlende Lachfalten. „Ich mag Berlin total, die Menschen sind offen, hier kommen so viele Kulturen zusammen.“

 

Dass das Thema Flüchtlinge in Deutschland teilweise kontrovers diskutiert wird, sehen, lesen und spüren die drei. Aber sie verweisen auf ihre Erfahrungen der vergangenen Jahre. „Es wird sehr viel für Flüchtlinge getan, dafür bin ich dankbar“, sagt Basma. Was die Zukunft genau bringt, ist ungewiss; aber die Vorfreude darauf ist groß. 

Hinweis: Bei der Bezeichnung von Personen sind stets Personen jeglichen Geschlechts gemeint.