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Linienbus im ZOB Böblingen: „Die Beeinträchtigungen für den Individualverkehr sind minimal – ein wichtiger Faktor für die Qualität eines Priorisierungssystems“

Interview

„Da waren blitzgescheite Leute am Werk“

Reinhard Schopf, Abteilungsleiter Verkehrs- und Stadttechnik in Böblingen, über die großen Effizienzvorteile und die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte von Sitraffic Stream, einem innovativen System zur Priorisierung von Linienbussen und Einsatzfahrzeugen.

Herr Schopf, normalerweise kommt ein Systemhersteller zu Ihnen, präsentiert sein neuestes Produkt, und Sie entscheiden dann, ob Sie es einsetzen wollen oder nicht. Bei Sitraffic Stream lief das ein bisschen anders…

Stimmt. Bei Sitraffic Stream war es so, dass die Grundidee hier bei uns entstand und wir uns nach einem Partner umschauten, dem wir zutrauten, daraus ein perfektes Produkt zu entwickeln. Und mit Siemens haben wir ganz offensichtlich die richtige Wahl getroffen: Da waren blitzgescheite Leute am Werk, die ganz genau wussten, worum es geht.

Nämlich – worum?

Wir waren damals zusammen mit unserer Nachbarstadt Sindelfingen schon länger dran, ein gemeinsames Busbeschleunigungsprojekt zu realisieren. Zunächst hatten wir natürlich eine konventionelle Funk-Bake-Lösung im Auge. Aber als dann die Satellitennavigation immer präziser und die Übertragung über Mobilfunk immer stabiler wurden, kam irgendwann der Gedanke: Vielleicht könnte man ja einfach On-Board-Units für die GPS-Positionsbestimmung in die Busse einbauen und die Kommunikation nicht über die Ampel selbst, sondern via GPRS über unseren vorhandenen zentralen Verkehrsrechner laufen lassen. Dann ersparen wir uns den Umbau der Lichtsignalanlagen, wir brauchen keine teure Hardware entlang der Straße und auch keine aufwändigen Verkabelungen oder zusätzliche Antennen.

Die Umsetzung mit Sitraffic Stream war 75 Prozent günstiger als mit einer Funk-Bake-Lösung.
Reinhard Schopf, Abteilungsleiter Verkehrs- und Stadttechnik in Böblingen

Das Produkt, das daraus entstanden ist, heißt Sitraffic Stream. Und es hört sich so an, als wären mit diesem Konzept signifikante Kosteneinsparungen möglich?

In der Tat. Als wir vor etwa acht Jahren die Funk-Bake-Lösung durchkalkulierten, kamen wir auf ein Investitionsvolumen in Höhe von rund 1,7 Millionen Euro. Die Kosten für die Umsetzung mit Sitraffic Stream belaufen sich auf gerade einmal 400.000 Euro, also weniger als ein Viertel – und das sogar bei einem deutlich größeren Projektumfang, das heißt: Wir werden jetzt mehr Kreuzungen und mehr Linienbusse in das System einbinden als ursprünglich geplant. Dass wir im Rahmen des NAMOREG-Förderprogramms für nachhaltige Mobilität in der Region Stuttgart außerdem noch einen Zuschuss von 200.000 Euro bekommen haben, war natürlich eine schöne zusätzliche Bestätigung für unser Konzept.

Und in puncto Leistung gibt es im Vergleich zur konventionellen Lösung keinerlei Einbußen?

Nein, ganz im Gegenteil: Das neue System kann vieles, was bisherige Bevorrechtigungskonzepte auch können, es kann aber noch mehr. Ein ganz entscheidender Vorteil ist die Kürze der Eingriffszeiten. Von der dynamischen Anmeldung bis zur individuellen Abmeldung der bevorrechtigten Fahrzeuge in der Kreuzungsmitte vergeht in der Regel nur eine halbe Minute. Die Beeinträchtigungen für den Individualverkehr sind daher minimal – ein wichtiger Faktor für die Qualität eines Priorisierungssystems, insbesondere zur Rushhour. Dazu kommt die hohe Flexibilität im Fall von temporären Straßensperrungen zum Beispiel an Baustellen oder bei Veranstaltungen: Man positioniert lediglich mit Hilfe eines gewöhnlichen Internetbrowsers die virtuellen Meldepunkte auf der Stadtkarte neu – und fertig ist die Umleitung.

Reinhard Schopf: „Wir bekommen regelmäßig Anfragen von Kollegen aus anderen Städten, die Feuerwehr-Priorisierung wurde auch schon in einigen Kommunen umgesetzt“

Im Endausbau wird das Böblinger System 30 bis 40 Kreuzungen, alle 75 Linienbusse und fünf Feuerwehrfahrzeuge einbinden. Haben Sie die Funktionalität vor Beginn der stadtweiten Umsetzung im kleineren Maßstab getestet?

Ja, im zweiten Halbjahr 2012 lief ein Pilotprojekt mit vier Kreuzungen, zehn Bussen und zwei Feuerwehrfahrzeugen. Dabei ging es vor allem darum, die Übertragungszeiten der Anforderungstelegramme weiter zu optimieren, die Stabilität und Zuverlässigkeit nachzuweisen und die effizientesten Lösungen für eine Linienerkennung sowie die Haltestellenanbindung zu finden.

Und jetzt ist alles so, wie es sein soll?

Es gibt noch ein paar kleine Stellschrauben, an denen wir drehen wollen. Aber dabei handelt es sich im Wesentlichen um verkehrstechnische, nicht um systembezogene Details. Mit der Leistung von Sitraffic Stream sind wir äußerst zufrieden – und nicht nur wir, sondern auch alle anderen Beteiligten. Wenn Sie zum Beispiel von den Busfahrern hören, dass alles bestens funktioniert, können Sie sicher sein: Die wissen, wovon sie reden. Auch die Fahrer der Feuerwehrfahrzeuge sind voll des Lobes, da jetzt ihre Einsatzfahrten deutlich sicherer werden.

So ganz nebenbei gab es auch noch den einen oder anderen Innovationspreis…

So ist es. Nach dem Best-Practice-Preis des europäischen Vereins TelematicsPRO für Telematikanwendungen in Kommunen wurde das Projekt auch im Rahmen des Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ prämiert. Im Jahr 2015 kam dann noch der ÖPNV-Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg dazu – eine Würdigung, die eigentlich nur Busunternehmen vorbehalten ist und auf die wir deshalb als Kommune besonders stolz sind.      

Die damit verbundene Medienpräsenz ist sicherlich nicht unbemerkt geblieben. Bekommen Sie regelmäßig Anfragen von anderen Kommunen, die aus erster Hand Näheres über das System erfahren wollen?

Anfangs waren wir noch eher auf Skepsis gestoßen, wenn wir Kollegen aus anderen Städten erzählten, was wir vorhaben. Aber das hat sich irgendwann schlagartig geändert: Inzwischen ist das Interesse ziemlich groß, und wir bekommen regelmäßig Anfragen, die wir natürlich sehr gerne beantworten. Die Feuerwehr-Priorisierung mit Sitraffic Stream wurde auch schon in einigen anderen Kommunen umgesetzt: in Heilbronn zum Beispiel, in Bietigheim oder in Speyer. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass das System gerade auch für die Feuerwehren von Großstädten hochinteressant sein könnte, weil man dort dank kürzerer Einsatzzeiten über eine Reduzierung von Feuerwehrwachen nachdenken kann.

Würden nicht auch andere Rettungsfahrzeuge wie etwa Notfallkrankenwagen von einer Priorisierung durch Sitraffic Stream profitieren?

Aber sicher. Der Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes für den Landkreis Böblingen ist deshalb auch schon vor einiger Zeit auf uns zugekommen. Die neue Rettungsleitstelle wurde an einem Standort errichtet, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich eine Ampelanlage befindet. Das ist in der Tat ein klassischer Anwendungsfall für Sitraffic Stream. Die Entwickler von Siemens haben hierzu bereits eine Software-Lösung entworfen, die die Stream-Funktionalität in die vorhandene Bordelektronik der Rettungsfahrzeuge integriert. Die ersten Tests sind schon gelaufen, mit absolut positiven Ergebnissen.

Gibt es Prognosen, in welchem Maß sich die Einsatzzeiten damit reduzieren lassen?

Wir planen mit Hilfe von Informatikern des Herman-Hollerith-Zentrums hier in Böblingen, im Rahmen eines Kooperationsprojektes zum Thema SmartCity eine mögliche Reduzierung der Einsatzzeiten mit Hilfe von Sitraffic Stream wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Ich hoffe dass sich dann der innovative Ansatz von Sitraffic Stream auch im Rettungsdienst bewährt und somit unsere Stadt noch lebenswerter macht.

Herr Schopf, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Peter Rosenberger
Picture credits: Siemens AG