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Gerhard Flierl erklärt die Auswirkungen der neuen Norm IEC 60204-1 für den Schaltschrankbau

Normen nerven? Muss nicht sein!

Auch wenn sie oftmals sehr hilfreich sind: Normen können auch ganz schön nerven. Up to date zu bleiben, kostet viel Zeit und Personal. Siemens-Experte Gerhard Flierl erklärt, wie Schaltschrankbauer trotz neuer Richtlinien laufend auf dem neuesten Stand der Technik bleiben, ohne sich in Details zu verlieren.

Normen sind komplex, Schaltschränke sind es nicht minder: Ihr Bau erfordert nicht nur handwerkliches Geschick und einiges an ­Kreativität, sondern auch fundiertes Wissen in Planung, Engineering, Prüfung und Dokumentation der meist individuellen Lösungen. Zudem gilt es, die Sicherheitsvorschriften und Normen auf dem jeweiligen Zielmarkt und im spezifischen Einsatzbereich genau zu kennen und zu berücksichtigen.

Seit letztem Jahr greifen in der Europäischen Union (EU) beispielsweise acht überarbeitete Richtlinien, von denen einige auch für den Schalt- und Steuerschrankbau von Relevanz sind. Darüber hinaus wurde auch eine sehr wichtige Norm, die „IEC 60204-1 elek-trische Ausrüstung von Maschinen“, überarbeitet und neu herausgegeben. Voraussichtlich wird diese Norm im Herbst 2017 auch als harmonisierte, europäische Norm übernommen. Spätestens dann müssen nach einer Übergangszeit von meist zwei Jahren die neuen Anforderungen der Norm in den Anlagen und Schaltschränken implementiert sein.

Herr Flierl, was ändert sich durch die Über­arbeitung der Norm für die Schaltschrankbauer?

Gerhard Flierl: Es gab eine Vielzahl von Überarbei­tungen und Anpassungen, um den Anforderungen und Gegebenheiten des Marktes in Bezug auf den Schalt­schrankbau gerecht zu werden. Für elektrische ­Antriebssysteme gibt es detailliertere Beschreibungen zur Überprüfung der Bedingung zum Schutz durch ­automatische Abschaltung. Auch die Anforderungen an die Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) wurden präzisiert. Darüber hinaus wurden die Möglich­keiten für die Kurzschlussfestigkeit der elektrischen Ausrüstung genauer beschrieben. Eine weitere Änderung betrifft ebenfalls die Sicherheit: Steckdosenstromkreise, die bis 20 Ampere gesichert sind, müssen mit einem Fehlerstromschutzschalter ausgestattet sein. Auch die Anforderungen an die Dokumentation haben sich deutlich geändert. Alle wichtigen Neuerungen ­haben wir in kurzen Fachaufsätzen und ausführ­licher in umfassender technischer Literatur für den ­Anwen­der praxisnah zusammengefasst und stellen sie auf ­unserer Webseite zur Verfügung.

Wer im zunehmend harten Wettbewerb die Nase vorn haben will, muss sich nicht nur mit neuen Technologien befassen, sondern vor allem auch mit den Möglichkeiten der Digitalisierung.
Gerhard Flierl, Sales and Marketing, Digital Factory, Control Panels, Siemens AG

Normen sind zum Teil komplexe Werke, die Zeit für die Einarbeitung und Dokumentation erfordern. Geht das auch leichter?

Flierl:
Zumindest kann man es sich so leicht wie ­möglich machen. Siemens bietet den Herstellern eine Vielzahl von Supportmöglichkeiten für den Know-how-Aufbau, Software und Datenlösungen für Planung und Betrieb sowie Produkt- und Systemlösungen für Applikationen an. Damit können die Unternehmen die Anforderungen aus Normen und Richtlinien leichter abarbeiten. Bei „Integrated Control Panels“ fokussieren wir unsere Unterstützung auf die spezifischen Bedürfnisse im elektrischen Engineering sowie im Schaltschrankbau.

Dann muss gar nicht jeder Hersteller die komplette Norm durchackern?

Flierl: Na ja, sagen wir mal so: Gerade mittelständische Betriebe haben auch aufgrund des steigenden Zeit- und Kostendrucks oftmals nur begrenzte Kapazitäten, sich intensiv mit einer neuen Norm und deren geänderten Anforderungen zu befassen sowie diese bis ins Detail zu interpretieren. Entscheidend ist nur, was für einen selbst relevant ist und wie es sich auf die eigene Anlage auswirkt. Hier kommen Experten, nicht nur von normgebender, sondern auch von Siemens-Seite, ins Spiel und greifen unterstützend ein, damit projektspezi­fische Anforderungen und die entsprechende Produkt­qualität gewahrt werden können.

Wie gelingt es Elektrokonstrukteuren und Schaltschrankbauern, stets auf dem neuesten Stand der Technik zu sein, gerade in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung?

Flierl: Wer im zunehmend harten Wettbewerb die Nase vorn haben will, muss sich nicht nur mit neuen Technologien wie beispielsweise Änderungen in der Schalt-, Antriebs- oder Automatisierungstechnik befassen, ­sondern vor allem auch mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Mit dem ganzheitlichen Ansatz „Integrated Control Panels“ unterstützen wir gezielt Elektroprojekteure im Bereich des elektrischen Engineerings für Schalt- und Steuerschränke.

Zudem arbeiten wir eng mit dem Vertrieb zusam­men, um unsere Kunden mit ihren individuellen Bedürfnissen möglichst gut zu kennen und sie bestmöglich persönlich beraten und begleiten zu können – und dies mit Weitblick, über die gesamte Wert­schöpfungskette, Stichpunkt wartungsarmer Betrieb. ­Darüber hinaus bieten wir weltweit Seminare und web-basierte Trainings an, um unsere Kunden immer up to date zu halten.

Gerhard Flierl mit Dominik Heinz (Redaktion) im Gespräch: Grundsätzlich liegt es in der Verantwortung des Herstellers zu entscheiden, welche Richtlinien er für seinen Schaltschrank anwendet oder anwenden muss. Ein IEC-Kennzeichen macht sichtbar, dass alle Komponenten normgerecht verbaut wurden.

Welches Potenzial steckt für Schaltschrankbauer in der Digitalisierung?

Flierl: Teilweise wird das Potenzial der Digitalisierung schon sehr stark genutzt, wie beispielsweise im elek­trischen Engineering. Das führt zu einer kürzeren Markteinführungszeit, erhöht die Flexibilität und die Effizienz. Letztendlich wird auch die Qualität erhöht und dabei auch noch Geld gespart. Der zunehmende Dokumentationsaufwand ist digital ebenfalls deutlich besser zu bewältigen.

Picture credits: Siemens AG