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SWW Wunsiedel GmbH

So geht Energiewende im Verteilnetz

Die SWW Wunsiedel GmbH macht Ernst mit der Energiewende: Mit einem integrierten, dezentralen System wird die Basis für eine nachhaltige Versorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie geschaffen.

Marco Krasser sieht nicht aus wie ein Revolutionär. Der Geschäftsführer der SWW Wunsiedel GmbH würde dieses Etikett auch sicherlich ablehnen. Trotzdem hat sich hier in den letzten Jahren eine kleine Revolution in der Energieversorgung ereignet. Im Bereich der Verteilnetze nimmt die Kommune am Rand des Fichtelgebirges eine klare Vorreiterrolle ein.

Eigentlich mag ich das Wort ‚Wende‘ nicht so gerne. Wir wollen gar nichts umkehren, wir wollen nicht zurücklaufen, sondern wir wollen in eine bessere Zukunft gehen.
Marco Krasser





 

Im Gästebuch tragen sich fast täglich neue Besucher ein. Der Direktor für den Energiebinnenmarkt bei der EU-Kommission war schon da, ebenso der polnische Umweltminister. Sein japanischer Amtskollege kam gleich nach dem Atomunfall in Fukushima. Alle wollen schon heute sehen, wie die Zukunft der Energiewende aussieht. „Aber eigentlich mag ich das Wort ‚Wende‘ nicht so gerne“, sagt Krasser. „Wir wollen gar nichts umkehren, wir wollen nicht zurücklaufen, sondern wir wollen in eine bessere Zukunft gehen.“

Das Pelletwerk ist eine Schnittstelle der Sektorenkopplung. „Wir nutzen die Abwärme der Stromproduktion aus Holzabfällen, um sie in den Pellets zu speichern“, erklärt Marco Krasser.

Der WUNsiedler Weg

Im Jahr 1998 – Krasser war gerade als Betriebsingenieur bei den Stadtwerken angestellt worden – begann die Liberalisierung des deutschen Strommarktes. Bald wurde den SWW-Verantwortlichen klar, dass der Verkauf von Strom und Gas nicht mehr im Zentrum stehen konnte. Die Versorgung der Bürger innerhalb eines rentablen Geschäftsmodells würde man mit einem ganzheitlichen Ansatz gewährleisten müssen. Das war der Beginn eines ganz eigenen Weges in die Energiezukunft.

In enger Abstimmung zwischen dem Bürgermeister, der SWW und der Industrie wurde der „WUNsiedler Weg Energie 1.0“ entworfen. In den folgenden Jahren entstand der erste Bürgerenergiepark der Region, eine 80-Kilowatt-Solaranlage; bald waren auch Windräder und Biomasse Teil des Portfolios. Das Ziel ist, bis 2030 eine Strategie für eine effiziente und ressourcenschonende lokale Energiepolitik umzusetzen. Dazu gehört neben der vollständigen Deckung des Energiebedarfs für Strom, Wärme und Mobilität aus Biomasse, Solar- und Windenergie auch die intelligente Kopplung dieser Sektoren. Die Wahl des Technologiepartners fiel auf Siemens. Die Aufmerksamkeit hat in dieser Zeit stetig zugenommen. Im Jahr 2016 gewann die SWW Wunsiedel GmbH den „Stadtwerke Award“ für ihren innovativen Ansatz.

Im Haus der Energiezukunft erklärt Marco Krasser (rechts) anschaulich dem Journalisten Christopher Findlay die Sektorenkopplung von Wärme, Strom und Mobilität durch digitale Kommunikation.

Die Energiezukunft erklären

Warum hat man sich gerade hier entschieden, als Pionier der Energiewende voranzugehen? „Ich weiß nicht, ob wir Pioniere sind“, meint Krasser. „Was uns vielleicht unterscheidet, ist, dass es uns im Vergleich zu anderen Regionen schlecht ging.“ In dieser strukturschwachen Gegend stünden genügend Flächen für die erneuerbaren Energien zur Verfügung, und die Menschen seien, trotz vorhandener Ängste, für Veränderung und neue Ideen offener als anderswo. „Das hängt auch damit zusammen, dass wir sehr viel Arbeit in die Kommunikation stecken“, fügt er hinzu. 

Dass die Überzeugungsarbeit ein zentrales Anliegen ist, veranschaulicht das Haus der Energiezukunft, in dem unsere Begegnung stattfindet. Die beiden Hauptziele, nämlich die Energieversorgung und der Klimaschutz durch CO2-Vermeidung, werden in diesem Besucher- und Informationszentrum klar kommuniziert und zueinander in Bezug gesetzt. Modelle zeigen die Vernetzung des lokalen Energiesystems. Auf dem großen Wandmonitor werden Echtzeitdaten für Produktion, Einspeisung und Verbrauch im Netz der SWW dargestellt.

Genauso wichtig wie Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist die digitale Kommunikation zwischen den Infrastrukturelementen. Der Aufbau eines flächendeckenden 1.000-Mbit-Glasfasernetzes geht voran, 20 Prozent der Gebäude im Ort sind bereits erschlossen. Das ist nicht nur ein wirtschaftlicher Standortvorteil. Die Vision der Sektorenkopplung von Wärme, Strom und Mobilität in einem zusammenhängenden Netzgebiet, das sich zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien speist, kann durch ein integriertes Verteilnetz und schnelle Datenleitungen Realität werden.

Mit Batterie zur Autarkie

Wie sieht diese Verzahnung in der Praxis aus? Wir fahren weiter zum Biomassekraftwerk Holenbrunn, das von der SWW-Tochter WUNBioenergie betrieben wird. Hier produziert die WUNBioenergie nicht nur Wärme und Strom für ihre Kunden – zur Wärmegewinnung werden Holzabfälle aus den nahegelegenen Wäldern des Fichtelgebirges verbrannt und die Abwärme aus dem Prozess treibt eine ORC-Turbine zur Stromerzeugung an – sondern auch energetisch hochwertige Pellets aus Spänen der nahe gelegenen Sägeindustrie. Damit ist ganzjährig eine umweltschonende und nachhaltige Versorgung gewährleistet. Krasser öffnet eine Klappe und deutet in den Bandtrockner: „Hier sehen wir eine Schnittstelle der Sektorenkopplung“, erklärt er. „Wir nutzen die Abwärme der Stromproduktion, um sie in den Pellets zu speichern.“ Auf riesigen Halden werden diese von Baggern aufgeschüttet. „Das ist unser Gold“, ruft Krasser über den Industrielärm hinweg, und für einen Augenblick fühlt man sich wie in Dagobert Ducks Geldspeicher.

Wie in Dagobert Ducks Geldspeicher: Marco Krasser mit den energetisch hochwertigen Pellets im Biomassekraftwerk Holenbrunn.


Für Siemens war wichtig, dass man mit der SWW einen Partner hatte, der den Fokus nicht nur auf Innovation legte, sondern auch klare Vorstellungen zum passenden Geschäftsmodell mitbrachte. Das Team von Dr. Bernd Koch (Dezentrale Energiesysteme Siemens Deutschland) entwickelte in vielen Gesprächen mit Marco Krasser entsprechende Ideen und Modelle. Im Frühjahr 2018 wurde auf dem Kraftwerksgelände der von Siemens gelieferte Siestorage-Batteriespeicher mit einer Kapazität von etwa 8,4 Megawatt in Betrieb genommen. Die SWW kann damit nicht nur variable Einspeisung aus den lokalen Wind- und Photovoltaik-Anlagen besser steuern. Der Siestorage-Speicher eröffnet auch eine neue Einnahmequelle. Man erfüllt jetzt nämlich die technischen Voraussetzungen, um am Primärregelenergiemarkt zu partizipieren und gegen ein Entgelt Frequenzschwankungen im Netz abzufedern. Mit diesen Einnahmen aus der Netzstabilisierung wird der Speicher abbezahlt – auch in der Finanzierung gehen die SWW und Siemens neue Wege. 

Das Modell einer autarken urbanen Energiezelle mit Batteriespeicher als aktiver Komponente hat noch andere Vorteile, wie Stephan May, CEO der Siemens Business Unit Medium Voltage and Systems, erklärt: „Wir können so Energie zu verschiedenen Zwecken aufnehmen und wieder abgeben, für maximale Versorgungssicherheit und mit der Möglichkeit, dank Schwarzstartfähigkeit selbstständig wieder in Betrieb zu gehen.“ Ein Modell, das bald Schule machen könnte.

Die nächsten Stufen

„In einer weiteren Ausbaustufe ist angedacht, im Bereich Power-to-Gas den Kunden CO2-freies Gas aus Elektrolyse zur Verfügung zu stellen“, erklärt Bernd Koch. Hier könnte ein Elektrolyseur wie der Silyzer von Siemens systemisch eingebunden werden. In Verbindung mit einer Power-to-Liquid-Anlage könnten darüber hinaus jährlich bis 1.000 Tonnen CO2 aus einer nahen Glasfabrik für die Herstellung von Methanol verwendet werden. Parallel dazu sind Infrastrukturlösungen für Elektromobilität vorgesehen.

Auch Krassers Team hat viele Ideen, wie der WUNsiedler Weg weitergehen soll. Die SWW sind Teil des GOFLEX-Projekts, mit dem die EU neue Marktmodelle für die Einbindung von Erneuerbaren ins Verteilnetz entwickelt. Das Konzept der „Stadt als Speicher“ und die Einbindung von Blockchain-Technologie in lokale Märkte sind weitere Themen, bei denen Krasser die Zukunft mitgestalten will: „Wir wollen und werden beweisen, dass das der bessere Weg ist – gemeinsam mit Siemens.“

Christopher Findlay, unabhängiger Journalist in Zürich.
Picture credits: Bernd Schumacher