Tools


Siemens Worldwide

Das Magazin

Contact

Kontakt
Das Magazin
Abonnieren
Das Paulaner-Wirtshaus auf dem Nockherberg ist in mehrfacher Hinsicht eine Münchner Institution.

Gasisolierte Übertragungsleitungen

Energie frisch gezapft

Mit einem Tunnel für Gasisolierte Übertragungsleitungen (GIL) kann ein Bierhersteller den Standort seiner neuen Münchner Brauerei optimal nutzen. Stefan Lustig, COO bei Paulaner, spricht über Bier, bayrische Lebensart und Energieübertragung.

Es war ein stattlicher Umzug, der sich am 18. August 2015 durch München bewegte. Mehrere festlich geschmückte und von Kaltblütern gezogene Wagen machten sich auf den Weg vom Nockherberg zu der neuen Paulaner-Brauerei in Langwied am Stadtrand. Neben Fässern mit Bier, das unterwegs kostenlos an Zuschauer verteilt wurde, führten sie eine Ladung von unschätzbarem Wert mit sich: die versammelten Braumeister des Unternehmens… und die kostbaren, von Paulaner kultivierten Hefestämme, die dem Bier seinen unverwechselbaren Geschmack verleihen. Nachdem sowohl das Know-how als auch die Grundzutaten überführt worden waren, konnte die neue Brauerei am 15. September 2015 den Betrieb aufnehmen.

Eineinhalb Jahre zuvor trafen wir uns an einem ruhigen und sonnigen Nachmittag im Januar zum Gespräch mit Stefan Lustig, Geschäftsführer der Münchner Brauerei Paulaner, über Vergangenheit und Zukunft des Unternehmens – eine Zukunft, in der die neue Brauerei am Stadtrand eine Schlüsselrolle spielen sollte. Lustig nahm im Jahr 2010 seine Tätigkeit für die Paulaner Muttergesellschaft Brau Holding International (BHI) auf; zwei Jahre später wurde er in den Vorstand berufen. Als promovierter Braumeister mit einem Abschluß der Fachhochschule Weihenstephan ist er nicht nur Manager, sondern auch Brauer und Kenner der gepflegten Biere, für die Bayern berühmt ist. „Bier gilt hier im Prinzip als Grundnahrungsmittel”, erklärte er.

Bier ist der Inbegriff bayrischer Lebensart.
Stefan Lustig, COO bei Paulaner

 

 


Die Energieversorgung war beim Bau der neuen Brauerei von Paulaner auf einem Stück Freiland am Stadtrand ein wichtiger Faktor. Das Unternehmen beschloss, seine Produktion von seinem traditionellen, aber mittlerweile zu kleinen Brauereigelände am Nockerherberg auf ein Grundstück in Langwied – außerhalb des Stadtzentrums, aber immer noch im Stadtgebiet München – zu verlegen.

Der neue Standort bietet viele Vorteile, darunter den direkten Anschluß zur nahegelegenen Autobahn; aber eine 380-Kilovolt-Freileitung, die das Gebiet überspannt, erwies sich als echtes Hindernis. „Wir mussten einen Weg finden, die Stromleitung vor Ort zu belassen und dabei das Baugelände optimal zu nutzen”, erzählte Lustig, der von Anfang an bei der Planung der Neuentwicklung eng beteiligt war. „Ich musste einige meiner alten Universitätslehrbücher über Hochspannungs-Elektrotechnik ausgraben, aber schließlich fanden wir eine praktikable Lösung.”

Stefan Lustig, Geschäftsführer und Braumeister, war von Anfang an eng an der Planung für die neue Brauerei und die GIL von Siemens beteiligt.

Unterirdische Lösung

Diese Lösung umfaßte eine unterirdische gasisolierte Leitung (GIL) mit zwei Systemen, die von Siemens geliefert wurde. Unter dem ganzen Gelände der neuen Brauerei verläuft nun ein 450 Meter langer Tunnel. Dadurch werden mehrere Probleme auf einmal gelöst: Die Übertragungsleitung ist in Aluminiumröhren verkapselt und wird von einer Mischung aus 80 Prozent Stickstoff und 20 Prozent gasförmigem Schwefelhexafluorid isoliert. Diese bietet Brandschutz und verhindert den Austritt elektromagnetischer Strahlung, die die empfindlichen Instrumente zur Überwachung des Produktionsprozesses stören könnten.

GIL-Systeme eignen sich ideal zur unterirdischen Verlegung von Hochspannungsleitungen, die Wohn- oder Gewerbegebiete durchkreuzen. Die GIL in Langwied besteht aus zwei 2.300-Megavolt-Ampère-Systemen, deren Übertragungskapazität der Leistung von vier großen Erzeugungseinheiten entspricht – das ist zwei- bis dreimal so viel wie eine herkömmliche Stromleitung übertragen kann. Dadurch wird die benötigte Trasse sehr kompakt.

Entscheidend war die Möglichkeit, den GIL-Tunnel entlang eines leicht S-förmigen unterirdischen Verlaufs zu bauen, der den Bauplänen für das neue Gebäude entsprach. Diese ungewöhnliche Krümmung macht die Brauerei strukturell unabhängig von dem Tunnel, der genau zwischen den Säulen verläuft, die die Verpackungshalle stützen. Ein nahtlos geschweißtes Rohr verleiht der GIL von Siemens die notwendige Elastizität."

Lokaler Geschmack

Wäre es nicht einfacher gewesen, ein anderes Baugrundstück für die neue Anlage zu suchen? Stefan Lustig meinte dazu: „Für dieses Gelände war schon eine Baugenehmigung für eine Brauerei erteilt worden, daher wurde das gesamte Antragsverfahren erheblich beschleunigt. Und Baufläche ist in München sehr beschränkt – auch außerhalb des Stadtzentrums gibt es nicht mehr viele Freiflächen, die eine so große Brauerei aufnehmen können.“ Und es gibt einen besonderen Grund, warum Paulaner in München bleiben wollte: „Das Oktoberfest ist eine sehr wichtige Veranstaltung für uns, vor allem für unsere Produktmarke. Und nur die Brauereien mit Sitz innerhalb der Stadtgrenzen dürfen auf der Wies’n ihr Bier ausschenken.”

Siemens verlegte die gasisolierte Leitung innerhalb eines extrem engen Zeitplans. Lustig erinnerte sich: „Sowohl in der Planungsphase als auch beim Bau hat Siemens sehr zuverlässige Leistung gebracht – wir haben diese hervorragende Arbeit sehr geschätzt.” Er sah optimistisch in die Zukunft. Die Marke Paulaner erfreut sich sowohl in Deutschland als auch in über 70 anderen Ländern großer Beliebtheit, und vor allem in den USA, Russland und in Asien steigt der Absatz. „Bier ist der Inbegriff bayrischer Lebensart”, bemerkte Lustig: „Durch die Gewährleistung eines sicheren Betriebs der Stromleitung und einer optimalen Nutzung des neuen Brauereigrundstücks hat Siemens erheblich zur Fortsetzung dieser Tradition beigetragen.”

Christopher Findlay, Journalist in Zürich
Picture credits: Detlef Schneider