Leben bei Siemens

Über Mentoren, Gleichberechtigung und wie man sich selbst treu bleibt

„Als Kind habe ich mir immer Matchbox-Autos gewünscht. Bekommen habe ich eine blöde Barbie. Also habe ich mit den Autos von meinem Bruder gespielt.“ erzählt Silvia Bohrisch lachend in die Runde.

Vier Frauen sitzen auf unserem Siemens-Campus in Erlangen zusammen und sprechen über Vielfalt, Gleichberechtigung, Karriere und darüber, wie wichtig Mentoren sind.

 

Eine davon ist Silvia Bohrisch aus dem Bereich Corporate Technology. Sie arbeitet seit 21 Jahren bei Siemens – in verschiedenen Ländern und Positionen. Neben ihr sitzt Silke Wistuba, ebenfalls aus dem Bereich Corporate Technology. Sie ist seit 28 Jahren im Unternehmen und hat einige Zeit davon in Dänemark bei Siemens Wind Power verbracht. Regina Beumker arbeitet ebenfalls seit 10 Jahren bei uns und beschäftigt sich mit der Bewertung von Industrie- und Mobilitätsrisiken. Außerdem ist sie Vorsitzende des Netzwerks Leading Women in Industry (LWI). Rebecca Mack ist seit 4 Jahren Rechtsanwältin bei Siemens. Bis auf Regina Beumker, die ihr Büro eine halbe Stunde entfernt in Nürnberg hat, arbeiten alle in Erlangen.

 

Als sich Siemens im letzten Jahr dazu verpflichtet hat, die Anzahl von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen, hat Janina Kugel, Mitglied des Siemens Vorstands gesagt: „Frauen in Führungspositionen sollten die Regel und nicht die Ausnahme sein.“ Sie selbst ist eine von zwei Frauen im Vorstand von Siemens. Ziel ist es, bis Juni 2017 10% mehr Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Führende Technologie-Unternehmen stehen unter Druck, Worte in Taten umzusetzen. Das ist unser Ausgangspunkt für eine lebhafte Diskussion an diesem Nachmittag.

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2009 hat Peter Löscher, der damalige Vorstandsvorsitzende, gesagt, Siemens sei „zu weiß, zu Deutsch und zu männlich“ – haben Sie das Gefühl, dass sich daran etwas geändert hat?

 

Regina Beumker: „Wir sind auf dem richtigen Weg, aber immer noch nicht da, wo wir sein sollten. Schaut man sich den Anteil von Frauen bei Siemens weltweit an, haben wir 23% unter den Angestellten, 15% in Führungspositionen und 11% in höheren Führungsebenen. Bei Siemens in Deutschland sind diese Zahlen sogar noch niedriger. Es gibt noch immer großen Handlungsbedarf.“

 

Silvia Bohrisch: „Vielfalt ist so viel mehr als Gleichberechtigung. Wir sollten uns mit Themen wie Herkunft, sexuelle Orientierung und Behinderung beschäftigen.“

 

Rebecca Mack: „ Wir müssen erkennen, welches Potenzial in den unterschiedlichsten Menschen steckt. Es ist einfach eine gute Sache, dass wir verschiedene Ansichten, Gedanken, Erfahrungen und Fähigkeiten haben.“

 

Silke Wistuba: “In Dänemark ist Gleichberechtigung am Arbeitsplatz kein so großes Thema. Es ist ganz normal, dass sich Männer und Frauen gleichermaßen um die Kinder kümmern. So ist es ist auch kein Problem, dass man früher mit der Arbeit aufhört, um rechtzeitig im Kindergarten zu sein. Das fühlt sich alles natürlicher und offener an. 

Siemens ist ein traditionelles Technologie-Unternehmen und viele denken, dass Männer die Fachkräfte und Frauen ihre Assistentinnen sind. Wir wissen, dass das auf Siemens so nicht zutrifft.

Regina Beumker

Wie denken andere darüber, als Frau bei Siemens zu arbeiten?

 

Silvia Bohrisch: „Wenn man Frauen bei uns fragt, wie es ist, bei Siemens zu arbeiten, bekommt man nicht nur eine Antwort. Jede Frau ist anders. Das ist ja so, als würde man fragen, wie es sich anfühlt, eine Frau zu sein.  

 

Regina Beumker: „Siemens ist ein traditionelles Technologie-Unternehmen und viele denken, dass Männer die Fachkräfte und Frauen ihre Assistentinnen sind. Wir wissen, dass das auf Siemens so nicht zutrifft.“

 

Rebecca Mack:  „Um genau dieser Wahrnehmung entgegenzuwirken, brauchen wir mehr Frauen, die über ihre Arbeit sprechen.“

 

Silvia: „Vieles verändert sich bereits, aber wir brauchen mehr Frauen, die in technischen Positionen innerhalb der Ingenieurwissenschaften und Technologie arbeiten. Es gibt einfach nicht genug, die in diesen Bereichen studieren. Also müssen wir früher anfangen und bereits Mädchen dafür interessieren. Wir müssen zu Hause beginnen, im Kindergarten und in der Schule.

 

Silvia Bohrisch: „Es hat sich schon einiges geändert, aber wir brauchen nach wie vor noch mehr weibliche Fachkräfte im Bereich der Ingenieurswissenschaften und Technologie.

 

Silke Wistuba: “Es gibt nicht nur „ein” Siemens. Wir vereinen unterschiedliche Kulturen innerhalb des Unternehmens. Es kommt es auch ganz darauf an, mit wem man spricht. 

 

Was tun Sie persönlich dafür, um die Sichtbarkeit von Frauen bei Siemens zu fördern?

 

Regina Beumker: „Vor fünf Jahren haben wir das Netzwerk Leading Women in Industry gegründet. Unsere Mission ist, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu steigern. Wir wollen allerdings auch Impulse geben, um unsere Führungskultur zu verbessern, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen, die persönliche Entwicklung zu fördern und nicht zuletzt den Unternehmenswert zu steigern. Ich glaube fest daran, dass es wichtig ist, die Position von Frauen zu stärken und Vielfalt bei Siemens zu fördern. Wir bringen verschiedene Themen auf den Tisch und arbeiten daran. Einige davon sind auch für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter relevant, wie zum Beispiel das Forum zur Altersvorsorge.“

 

Silke Wistuba: „Ich kenne viele junge Leute und coache sie auch. Besonders jüngere Frauen ermutige ich, Dinge einzufordern – vor allem Herausforderung und Verantwortung. Und auch mal „Nein“ zu sagen. Ich höre mir ihre Geschichten an und frage sie, warum sie nicht versuchen, die Dinge einmal anders anzugehen.

 

Silvia Bohrisch: „Ich betreue Schülerinnen und Schüler im Business at School-Programm. Wir analysieren gemeinsam Unternehmen und gründen Start-Ups. Und ich unterstütze Frauen bei Siemens.

 

Beim Mentoring, der Beratung und Betreuung von Frauen, gibt es keine Patentlösung. Es geht ums Zuhören und darum, die richtigen Fragen zu stellen. Manchmal machen wir kleine Rollenspiele, das hilft vor wichtigen Präsentationen oder Gesprächen.“

 

Rebecca Mack: „Ich bin Mitglied im Young Talent Circle in Erlangen. Wir arbeiten zusammen an sozialen und technischen Projekten und organisieren Events. Wir treffen uns auch mit erfahrenen Mentoren, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ist, in einer Führungsposition zu arbeiten.

 

 

Meine Chef hat gesagt: „Ich habe jemanden in meinem Team, die sich dafür viel besser eignet. Ich finde es gut, wenn sie das an meiner Stelle machen würde.“

Silvia Bohrisch

Wer waren Ihre Mentoren?

 

Rebecca Mack: „ Mein ersten Mentor war Richter am Gericht in Nürnberg. Er hat mich darin bestärkt, so zu sein, wie ich bin, auszusehen, wie ich es will, meine Ziele zu verfolgen und ich selbst zu sein – ohne Angst, dafür verurteilt zu werden.

 

Regina Beumker: Einer meiner Mentoren hat meine Einstellung zu Teamwork stark beeinflusst. Dabei ging es darum, im Team zu arbeiten und das Ziel der Gruppe in den Vordergrund zu stellen, nicht das eigene. Dadurch ist mir bewusst geworden, wie stark und einflussreich einzelne Mitglieder und das gesamte Team sein können.

 

Silvia Bohrisch: „Als Mentor muss man ein echtes Interesse an der Person haben, die man betreut. Es ist eine Leidenschaft, keine Aufgabe. Eine meiner Chefinnen hat mich mal gefragt, welche Art von Führung ich bevorzuge. Niemand hat mich das vorher je gefragt. Sie hat mich angeleitet und ermutigt, Dinge auszuprobieren. Sie würde mich auffangen, wenn ich fallen sollte. Sie hat mich gefördert und mir viel Selbstbewusstsein gegeben.

 

Regina Beumker: „Das ist sehr wichtig. Eine gute Beziehung zu einem Mentor beginnt mit Vertrauen. Selbstbewusstsein, Vertrauen und ein gewissen Grad an Freiheit sind für wichtig, besonders in einer Mentorenbeziehung.“

 

Silvia Bohrisch: „Echte Vielfalt beginnt mit einem selbst. Es geht darum, Menschen zu verstehen und das Beste aus ihnen herauszuholen. Meine Chefin ist als weibliche Unternehmensvertreterin zu einer Veranstaltung in die Botschaft eingeladen worden, aber sie meinte: „Ich habe jemanden in meinem Team, die sich dafür viel besser eignet. Ich finde es gut, wenn sie das an meiner Stelle machen würde.“ Ich habe gedacht, dass ist nicht ihr Ernst. Aber sie hat geantwortet: „Doch, versuchen Sie es einfach mal. Ich unterstütze Sie bei der Vorbereitung“

 

Silke Wistuba: „Einer meiner Chefs hat als einer der ersten im Unternehmen ein monatliches Vier-Augen-Gespräch eingeführt. Wir haben über alles Mögliche gesprochen, es war einfach ein offenes Gespräch über die Arbeit und das Leben. Er hat mal zu mir gesagt: „Arbeiten Sie nicht nur, nehmen Sie sich auf Zeit, mit den Menschen zu sprechen, mit denen Sie arbeiten.“

Ich ermutige sie, Dinge einzufordern – vor allem Herausforderung und Verantwortung. Und auch mal „Nein“ zu sagen

Silke Wistuba

Was halten Sie davon, die traditionell männerdominierten Strukturen aufzubrechen?

 

Regina Beumker: „Für mich ist das kein Thema. Die Lage ändert sich, heutzutage zählen Potenzial und Erfahrung, nicht das Geschlecht. Diesen Weg müssen wir weiter verfolgen. Wenn man sich eingeschränkt fühlt, muss man seinen Mund aufmachen und Stellung beziehen.“

 

Silvia Bohrisch: „Ich glaube, es wäre kontraproduktiv, jetzt frauendominierte Strukturen zu fördern. Das würde nichts verbessern.“

 

Silke Wistuba: „Ich erinnere mich, wie einige Männer sich früher vernetzt haben. Es gab monatliche Treffen, bei denen Bier getrunken und Zigarren geraucht wurden. Ich wurde nie eingeladen, keine Frau wurde es. Ich habe mich ausgeschlossen gefühlt und konnte an den Gesprächen nicht teilhaben.“

 

 

Silvia Bohrisch: „ Was wir mehr brauchen als Betreuung ist Förderung. Nur in einem Netzwerk zu sein, bringt niemanden beruflich weiter. Vielleicht wird man sichtbarer, aber es bringt einem keine Gehaltserhöhung. Jemand, der jemanden fördert, nutzt seinen guten Namen, um jemandem zu einer neuen Stelle zu verhelfen. Es werden die Kontakte angezapft, um sich gegenseitig zu unterstützen.“

 

Silke Wistuba: „Wir sollten Leute fragen, ob sie gefördert werden wollen. Ich habe angefangen, das zu tun. Ich frage, ob ich eine Empfehlung für sie aussprechen soll – und das funktioniert gut für mich.“  

 

Welchen Rat, würden Sie einer ehrgeizigen Frau geben, die in diese Industrie einsteigen will?

 

Silke Bohrisch: “Bleib neugierig und sei mutig.”

 

Regina Beumker: „Tu dich mit anderen zusammen. Konzentrier‘ dich auf die Menschen, nicht auf ein System. Sei selbstbewusst und bleib du selbst.“

 

Rebecca Mack: „Sei authentisch. Sei, wie du bist. Verhalte dich so, wie du bist.“

 

Silvia Bohrisch: Ja genau, bleib immer du selbst – egal mit wem du unterwegs bist, egal mit wem du sprichst. Ich habe bei mir selbst beobachtet, dass es weder für mich noch für mein Gegenüber funktioniert, wenn ich versuche, jemand anders zu sein oder in eine Rolle zu schlüpfen. Sei leidenschaftlich, bei dem, was du tust und denk daran, dass du mit einem guten Team alles schaffen kannst.“