Zukunft der Rohstoffe – Szenario 2020
Bericht vom Morgenstern
Russland im Jahre 2020: Der Ingenieur Wassilij leitet eine neuartige Ölsand-Förderanlage in Sibirien. Die Anlage ist von der Außenwelt weitgehend isoliert, arbeitet aber sehr produktiv und umweltfreundlich. Eine Journalistin will das Geheimnis erkunden und macht sich auf den Weg in die Wildnis.
Reportage vom Ende der Welt: Die Journalistin Mascha besucht die neuartige Ölsand-Förderanlage "Morgenstern" in Sibirien. Der leitende Ingenieur Wassilij erklärt ihr anhand eines faltbaren Displays, das Details der unterirdischen Fördersysteme sichtbar macht, wie die Anlage funktioniert. Im Hintergrund transportiert eine Pipeline das gewonnene Bitumen zur Aufbereitungsanlage. Intelligente Überwachungssysteme regeln den Betrieb
Die Welt ist auch nicht mehr das, was sie einmal war, denkt sich Wassilij und zerquetscht missmutig einen Moskito. Schon elf Mückenstiche musste er heute erleiden und gerade eben hatte der unglückliche Plagegeist das Dutzend vollgemacht – und das ist selbst für sibirische Verhältnisse viel. Vor zehn Jahren, als er von der Firma in die Wildnis geschickt wurde, um am hintersten Winkel der Welt ölhaltige Sande zu fördern, war der sibirische Sommer auch kein Zuckerschlecken. Doch derartige Moskitoschwärme gab es damals noch nicht. "Schuld ist der Klimawandel", hatten seine Kollegen heute morgen gemeint. "Die höheren Temperaturen weichen den Boden auf – ideale Brutbedingungen für unsere kleinen Freunde." Was Wassilij fast noch mehr verabscheut als Moskitos, ist Besuch von außen. "Außen" ist für ihn alles, was über seine kleine Welt in der Taiga hinausgeht. Dazu zählt er vor allem Firmenvertreter, die ein paar Mal im Jahr die Enklave mit dem klangvollen Namen Morgenstern besuchen, um nach dem Rechten zu sehen. Aus Wassilijs Sicht ist das nicht nötig, denn er hat als leitender Ingenieur die Förderanlage und Pipeline-Station aufgebaut und den Laden im Griff, wie er seinen Vorgesetzten stets uncharmant versichert. Seine kauzige Art wurde ihm allerdings bislang verziehen, denn Wassilij lieferte glänzende Ergebnisse ab. Den Kontakt zur Außenwelt beschränkte er auf das Nötigste, was auch nicht schwerfiel angesichts der isolierten Lage. "Morgenstern" führt ein regelrechtes Dornröschendasein – geliebt, aber auch irgendwie vergessen.
Das sollte sich nach Willen der Firma nun ändern. Vor zwei Jahren hatte die Gesellschaft auf Betreiben Wassilijs und wegen der immer strengeren Naturschutzauflagen eine neue Fördermethode in Morgenstern eingeführt – hocheffektiv und dabei sehr umweltfreundlich. Das so genannte Induktions-Verfahren war erstmals 2015 in Kanada kommerziell eingesetzt worden und hatte sich dort mehr als bewährt. Nun sollte die Öffentlichkeit von den Er- folgen erfahren. "Der Journalist aus St. Petersburg ist eben gelandet", krächzt eine Stimme aus Wassilijs Funkgerät. "Komm zur Förderanlage und setz ein Lächeln auf – er ist eine Dame." Wassilijs Motivation nähert sich dem Tiefpunkt. Mit modebewussten Frauen aus Russlands Glitzermetropole kann er nichts anfangen. Nicht nach zehn Jahren Sibirien.
Wenig später: Mascha blickt fasziniert auf das Reagenzglas, das ihr der brummige Anlagenleiter in die Hand gedrückt hat: Noch bis vor kurzem schlummerte die zähe schwarze Substanz direkt unter ihren Füßen im Boden, gefangen im Sand und Jahrmillionen alt. Nun würde dieses Bitumen via Pipeline zu einer Aufbereitungsanlage geschickt und in Öl verwandelt werden – und später vielleicht irgendein Hybridauto in China antreiben, wenn bei einer Überlandfahrt der Elektroantrieb nicht ausreicht. An sich ist der Abbau von Ölsanden ja nicht ungewöhnlich, denkt sich die Journalistin. Seit das schwarze Gold aus konventionellen Quellen knapp geworden ist, setzt sich diese Art der Ölgewinnung immer mehr durch. Auffällig an der Morgenstern-Anlage ist aber die Schonung der Landschaft: keine riesigen Tagebaugruben oder ähnliche Wunden in der Natur, die Ölsandförderungen oftmals hinterlassen. Nur ein paar Gebäude und Trafohäuschen zeugen von menschlicher Anwesenheit, im Hintergrund verliert sich eine Pipeline in der endlosen Taiga.
"Die Effizienz und Umweltfreundlichkeit verdanken wir unserer neuen Abbaumethode", erklärt Wassilij stolz und zieht ein hauchdünnes faltbares OLED-Display aus der Tasche, das Details der unterirdischen Fördersysteme sichtbar macht. "Sehen Sie: 20 m unter uns verläuft ein so genannter Induktor, direkt durch den Ölsand. Unter diesem Kabel liegt ein Drainagerohr. Schicken wir nun Induktionsstrom in das Feld, heizen sich die Sande langsam auf – so kann sich das Bitumen von den Sandkörner lösen und in das Rohr fließen." Der Ingenieur deutet auf einen blauen Stutzen, der etwa 100 m von den beiden entfernt aus dem Boden ragt. "Dort vorne kommt die Drainage wieder an die Oberfläche. Eine Pumpe leitet das Bitumen gleich weiter an unsere Pipelinestation – und die hat eine Menge zu tun, denn unsere Methode ist sehr produktiv." Maschas Stift kratzte auf ihrem elektronischen Notizblock. "Wie garantieren Sie die Sicherheit der Pipeline?" Wassilij kratzt sich am Bart. "In unserem Kontrollzentrum, dort am Waldrand, laufen alle Informationen über die Pipeline in Echtzeit auf sechs Bildschirmen zusammen", erklärt er. "Entlang der gesamten Pipeline sind alle 100 m kleine drahtlose Sensoren angebracht, die die Leitung überwachen. Sie organisieren sich selbst, verbrauchen kaum Energie und reichen ihre Messwerte sofort zum nächsten Sensor weiter – bis eben zu unserem Kontrollraum."
"Um damit Terroristen aufzuspüren?", hakt Mascha nach. "Terroristen?" Wassilij lächelt milde. "Hier draußen gibt es keine Unruhestifter – bis auf liebestolle Elche und ab und zu mal einen durchgedrehten Bären. Aber natürlich würden wir sofort bemerken, wenn sich jemand an der Pipeline zu schaffen macht: Das Sensornetz kann neben den üblichen Parametern wie Druck und Temperatur auch Erschütterungen, Grab- und Klopfgeräusche detektieren. Hauptsächlich soll es aber kleine Lecks entdecken." "Und wie versorgen Sie sich in dieser Einöde?", fragt die Journalistin. "Wir haben ein kleines Blockheizkraftwerk, mit dem wir Wärme und den Großteil unseres Strombedarfs erzeugen", erklärt Wassilij. "Es ist anspruchslos und konsumiert so ziemlich alles – genau wie wir." Mascha blickt ihren Gesprächspartner abschätzig an. "Und was machen Sie, wenn hier ein liebestoller Elch aufkreuzt?" "Das", erwidert Wassilij lachend, "erkläre ich Ihnen dann heute Abend bei einer heißen Tasse Tee."
Florian Martini
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