Zukunft der Rohstoffe – Interview
"Neue Fördertechnologien nützen der Umwelt"
Interview mit Vladimir Troyan
Vladimir Troyan (68)
ist Lehrstuhlinhaber für Geophysik an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. Er beschäftigt sich vor allem mit Seismologie und der mathematischen Modellierung geophysikalischer Prozesse. Von 1993 bis 2006 war Troyan wissenschaftlicher Prorektor der Hochschule, die zu den ältesten und bedeutendsten Lehrstätten Russlands zählt. Er beteiligt sich mit Lehrveranstaltungen am von Siemens geförderten internationalen Master-Kurs "Applied and computational physics". Die Universität Sankt Petersburg hat diesen Studiengang in englischer Sprache gemeinsam mit der TU München, der TU Ilmenau und der Universität Leipzig aufgebaut.
Welche Rohstoffe werden in den nächsten 20 Jahren besonders wichtig?
Troyan: Erdöl und Gas werden weiterhin die Hauptrolle spielen. Aber auch Gashydrate – eisähnliche, brennbare Verbindungen aus Wasser und Gas – könnten künftig enorm an Bedeutung gewinnen, denn sie binden weltweit die größten Mengen an Methangas. Da Gashydrate nur unter hohem Druck oder bei tiefen Temperaturen stabil sind, liegen solche Vorkommen in der Tiefsee und in Permafrostgebieten. Die Tundra birgt beispielsweise immense Lagerstätten, deren Förderung jedoch sehr teuer ist. Zuvor brauchen wir unbedingt noch detailliertere Kenntnisse über Entstehung, Verbreitung und Zersetzung von Gashydraten, um Gefahren und ihren Einfluss auf das Klima realistisch einschätzen zu können. Das Methan müsste auf jeden Fall möglichst verlustfrei gefördert werden, weil es als starkes Treibhausgas keinesfalls in größeren Mengen in die Atmosphäre gelangen darf. Im westsibirischen Messoyakha-Feld wird bereits seit 30 Jahren Methan aus Hydrat gewonnen. Optimale Fördertechnologien dürften jedoch kaum vor der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts verfügbar sein.
Welche Fördertechnologien müssen weiterentwickelt werden, damit Rohstoffe auch in Zukunft zu erschwinglichen Preisen verfügbar sein werden?
Troyan: Um etwa fossile Lagerstätten in den nördlichen Meeren auszubeuten, braucht man eine Infrastruktur, die unter den schwierigen geologischen und klimatischen Bedingungen tadellos funktioniert und wirtschaftlich ist – das ist kostspielig. Daher wird der Öl- und Gaspreis auch künftig hoch sein. Neue Technologien, die in Russland derzeit erprobt werden, können jedoch helfen, die Ölausbeute zu erhöhen: etwa durch horizontales Bohren, die Errichtung von Mehrfachschächten oder Druckmaximierung in der Schicht. Auch die Nanotechnologie bietet neue Perspektiven. Das reicht von Nano-Katalysatoren bei der Ölraffinierung über "intelligente" Flüssigkeiten, die Bohrvorgänge erleichtern, bis zu speziellen Nano-Folien, die in den Öl- und Gasrohren die Gleiteigenschaften verbessern. Und auch die Seismik kann helfen, neue Lagerstätten aufzuspüren: Dabei werden Erschütterungswellen erzeugt und im Sekundenabstand in eine Tiefe von mehreren tausend Metern geschickt. Die Wellen breiten sich aus und werden an den Schichtgrenzen reflektiert. Ihre Laufzeit erlaubt Rückschlüsse über die Beschaffenheit des Untergrunds und gibt einen Einblick ins Erdinnere. Das Risiko, an der falschen Stelle zu bohren, wird deutlich geringer.
Wie sieht Russland heute und künftig seine Rolle auf dem Gebiet der Rohstoffe?
Troyan: Russland ist gemessen an Bodenschätzen ein reiches Land mit noch großen, unerschlossenen Erdöl- und Gaslagerstätten. Wir wissen, dass etwa in Ostsibirien, der Barentssee, auf der Insel Sachalin oder im Nördlichen Eismeer riesige Vorräte lagern. Die Erschließung wird unter den arktischen Bedingungen allerdings schwierig und teuer. Dafür wird man neue Techniken und internationale Partner brauchen, wie es bereits beim Stockman-Gasfeld in der Barentssee der Fall ist. Hier wurde eine Zusammenarbeit mit Total vereinbart. Grosse Bedeutung für zuverlässige Lieferungen besitzt auch die Gasleitung durch die Ostsee. Dieses Projekt hat für Russland und Deutschland Vorrang.
Inwieweit wird in Russland der Umweltschutz eine Rolle spielen?
Troyan: Der Abbau von Bodenschätzen führt zu ausgeprägten Landschaftsveränderungen. So entstehen als Folge des Tagebaus Gruben und Abraumhalden, die oft als Müllkippen verwendet werden. Das fördert Erd- und Bergrutsche, der Grundwasserspiegel sinkt und die Vegetation leidet an Wassermangel. Die Negativliste ließe sich beliebig fortsetzen. In den letzten Jahren hat sich in Russland die Einstellung zur Natur verändert – weg vom reinen Verbrauchen und hin zur schonenden Nutzung. Auch in Russland müssen wir auf künftige Generationen Rücksicht nehmen und mit dem Reichtum der Natur haushälterisch umgehen. Unser Land hat sich dem UN-Projekt "Globales Umweltüberwachungssystem" angeschlossen und das Kyoto-Protokoll unterzeichnet. 1993 wurde das einheitliche staatliche System des ökologischen Monitoring geschaffen, das die Einhaltung von Umweltstandards überwachen soll. Auch der zunehmende Einsatz neuer Technologien kommt der Umwelt zugute, weil die Rohstoff-Förderung effizienter und zuverlässiger wird. Kurz: Die Umweltprobleme bei der Ausbeutung von Bodenschätzen bleiben akut, aber wir machen Fortschritte.
Das Interview führte Thomas Veser