Zukunft der Rohstoffe – Interview
"Der größte Rückzug der Menschheit"
Interview mit Matthew R. Simmons
Matthew R. Simmons ist Vorsitzender von Simmons & Company International, einer auf Energie spezialisierten Investmentfirma, die Projekte im Gesamtwert von 140 Mrd. US-$ abgeschlossen hat. Er hat einen MBA-Abschluss von der Harvard Business School und ist Mitglied verschiedener amerikanischer Beratungsgremien wie dem National Petroleum Council. Vor kurzem veröffentlichte Simmons das Buch "Wenn der Wüste das Öl ausgeht. Der bevorstehende Ölschock in Saudi-Arabien – Chancen und Risiken", das es bis auf die Bestsellerliste des Wall Street Journals geschafft hat.
Weltweit verbrauchen wir etwa 88 Millionen Barrel Öl pro Tag. Wissen wir, wie lange die Vorräte reichen?
Simmons: Im Grunde haben wir keine Ahnung. Wie viel Öl ein Feld birgt, wissen wir erst dann, wenn die Förderung zum Erliegen kommt. Nehmen Sie Prudhoe Bay in Alaska, das größte Ölfeld, das die USA je hatte. Als man es entdeckte, schätzen Experten das Vorkommen auf 25 Milliarden Barrel – etwa die Hälfte sollte ausbeutbar sein. Tatsächlich wurden in Prudhoe Bay in fast elf Jahren nur sechs Milliarden Barrel gefördert, also 1,5 Millionen täglich. Inzwischen sind es nur noch 200 000 Barrel pro Tag.
Ist das ein typisches Beispiel?
Simmons: Ja. Viele Ölfelder neigen sich dem Ende zu. Das Cantarell-Feld in Mexiko etwa wurde in den 1970er-Jahren erschlossen. Anfangs war es unglaublich produktiv: 40 Bohrlöcher lieferten 20 Jahre lang eine Million Barrel Öl pro Tag. 1997 begann dann der Lagerstättendruck abzunehmen. PEMEX bohrte weitere 400 Löcher und erhöhte den Druck. Die Fördermenge stieg dadurch auf 2,2 Millionen Barrel pro Tag, brach aber 2005 vollständig ein. Leider nimmt die Zahl der Prudhoe Bays und Cantarells immer mehr zu.
Es gibt doch noch unerschlossene Felder…
Simmons: Im Santos-Basin vor der Küste Brasiliens hat man in großer Meerestiefe riesige Vorkommen entdeckt. Doch wie viel dort unten wirklich liegt, wird man nicht vor 2020 wissen. Die Schätzungen für die größte Lagerstätte belaufen sich auf 1,5 bis 33 Milliarden Barrel. Das zeigt, wie schwammig diese Wissenschaft ist.
Auf solchen Ungewissheiten beruht unsere Weltwirtschaft?
Simmons: Es ist, als ob wir alle Menschen in ein Flugzeug verfrachtet hätten und dann in 10 000 m Höhe merken, dass wir keine Tankuhr an Bord haben. Die Experten sagen uns zwar, wir haben genug Treibstoff, um wieder sicher zu landen. Aber was, wenn sie irren?
Warum wird Öl so teuer?
Simmons: Weil die Nachfrage größer ist als die Fördermenge – und sie steigt weiter, während die Fördermenge abnimmt. Der Markt verengt sich dramatisch. Die Raffinerien müssen Höchstpreise für Rohöl bezahlen, weil es immer schwerer zu finden ist. Ein Preis von über 130 $ pro Barrel ist eigentlich immer noch günstig. In fünf Jahren – oder vielleicht schon in sechs Monaten – werden wir Ölpreise zwischen 200 und 500 $ pro Barrel erleben. Rechnen Sie mal aus, was heute ein 0,2-l-Glas Öl kostet: 0,16 $. Welches Getränk bekommen Sie noch so billig? Meiner Meinung nach müsste ein Glas eher 4 $ kosten, also das Barrel 3 200 $. Wir haben immer noch nicht realisiert, wie wertvoll dieser seltene und unersetzliche Rohstoff wirklich ist.
Was müssen wir also tun?
Simmons: Wir müssen den größten Rückzug in der Menschheitsgeschichte antreten: Wir werden weniger verbrauchen müssen. Wenn wir das nicht tun, könnte es in einen brutalen Ressourcen-Krieg ausarten. Die G7-Staaten sollten dringend einen Plan entwickeln, um den weltweiten Ölverbrauch deutlich zu senken. Sie sollten die Arbeitsmärkte reformieren und Leute belohnen, die von zu Hause aus arbeiten. So lassen sich Pendlerfahrten stark reduzieren, und der Verkehr wird effizienter. Und es sollten lokal erzeugte Lebensmittel gefördert werden.
Das würde Gesellschaft und Lebensstil radikal verändern.
Simmons: Wir sind ja bereits auf dem Weg dorthin. Die großen, zentralisierten US-Molkereien werden beispielsweise immer unrentabler, weil sie ihre Produkte über große Distanzen transportieren müssen. Die nächste Regierung sollte diesen Trend unterstützen. Letztlich werden die Menschen dann weniger Zeit auf den Straßen verbringen.
Teures Öl als ein Segen?
Simmons: Durchaus. Die steigenden Ölpreise bringen schon jetzt Tausende von Arbeitsplätzen zurück in die Industriestaaten, da die Transportkosten aus den so genannten Niedriglohnländern zu hoch geworden sind. Das könnte einen Trend hin zu kleinen, lokalen und hoch automatisierten Produktionszentren bewirken.
Wie könnten alternative Energien helfen?
Simmons: Ich bin Banker, kein Wissenschaftler. Eines ist aber klar: Ein großer und wachsender Teil der Weltbevölkerung lebt weniger als 100 Meilen von Küsten entfernt. Man sollte also Wege suchen, um die Energiequellen des Meeres – Gezeiten und Wind – anzuzapfen. Wir haben unlängst ein Projekt im US-Bundesstaat Maine gestartet. Dort wollen wir 95 schwimmende Windkraftanlagen bauen, mit den längsten Turbinenblättern der Welt. Man könnte auch mit der Energie aus Wind und Wasser Elektrofahrzeuge antreiben oder künstliche Kraftstoffe herstellen. So könnten wir die vorhandene Infrastruktur weiter nutzen und Zeit für die Entwicklung von effizienteren Alternativen gewinnen.
Das Interview führte Arthur F. Pease