Zukunft der Rohstoffe – Interview
"Das globale Trinkwasserproblem ist lösbar"
Interview mit Rhett Butler
Rhett Butler, Siemens-Manager und Gründer der Skyjuice-Stiftung, hat aus einem Hochtechnologieverfahren zur Wasseraufbereitung eine Alltagsanwendung für Dritte-Welt-Länder entwickelt. Dafür erhielt er 2007 den Siemens Corporate Responsibility Award
Das Trinkwasserproblem gilt als eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Haben Sie es mit der Membrantechnologie gelöst?
Butler: Also, bewältigt ist das Problem natürlich noch lange nicht, und von mir alleine schon gar nicht. Aber ich bin in der Tat fest davon überzeugt, dass wir heute technisch in der Lage sind, alle Menschen der Erde mit sauberem Wasser zu versorgen, selbst in den rückständigsten Regionen der Dritten Welt. Membrantechnologie macht das möglich, und die Aufgabe besteht nun darin, diese Technik flächendeckend zur Verfügung zu stellen. Der Skyhydrant, der zusammen mit Kollegen von Siemens und der Skyjuice-Foundation entwickelt wurde, macht das fortschrittlichste Wasseraufbereitungsverfahren, das wir kennen, der Bevölkerung von Entwicklungsländern zugänglich.
Hightech für die Dritte Welt – das klingt teuer.
Butler: So reagieren viele, dabei ist es in Wirklichkeit genau umgekehrt: Membrantechnologie ist deutlich kostengünstiger als alle anderen Methoden. Das kann man leicht im Kopf ausrechnen: Die Anschaffung eines Skyhydrant kostet 3 000 $. Damit kann man tausend Menschen Tag für Tag mit sauberem Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen versorgen. Und das für zehn Jahre, denn so lange halten die Membranen, wenn man sie gut pflegt. Pro Person macht das also 0,30 $ im Jahr.
Das klingt überzeugend. Warum steht dann nicht schon in jedem Dorf vom Kongo bis zum Mekong ein Skyhydrant?
Butler: Weil wir noch ziemlich am Anfang sind. Ich habe 2001 begonnen, mich damit zu beschäftigen, nach über 20 Jahren als Manager bei Memcor in Sydney. Wir haben dort hochkomplexe Filtersysteme entwickelt, aber irgendwann habe ich mich gefragt, ob sich mit den Membranen nicht auch eine einfache, kostengünstige Lösung für Anwendungen in Dritte-Welt-Ländern ableiten lässt. Also habe ich nach Feierabend in meiner Garage mit Membranresten aus der Fabrik experimentiert. Das größte Problem war die Reinigung der Filter. Aber dann habe ich herausgefunden, dass sich die Fasern auch mit einem manuellen Mechanismus säubern lassen.
2005 haben Sie vorübergehend Ihren Job aufgegeben und eine Stiftung gegründet: die Skyjuice-Foundation.
Butler: Ja, ich dachte mir: Wenn du das Wasserproblem der Welt lösen willst, geht das nicht nach Dienstschluss. Ich habe Kontakt mit Entwicklungshilfeorganisationen aufgenommen, aber die waren zunächst skeptisch. Ironischerweise kam der Durchbruch im Dezember 2006 mit der Tsunami-Katastrophe in Südostasien: Da gab es im Krisengebiet plötzlich einen gewaltigen Bedarf an leicht transportablen Trinkwasseraufbereitungsgeräten. Herkömmliche Anlagen, die mit traditionellen Verfahren wie Sandbetten oder Aktivkohle arbeiten, wiegen mehr als eine Tonne, aber ein einzelner Skyhydrant nur 20 kg – bei gleicher Kapazität. In einem gemeinsamen Kraftakt mit meinen Siemens-Kollegen und einer Gruppe von Freiwilligen haben wir damals innerhalb weniger Wochen über 100 Skyhydrants hergestellt und nach Sri-Lanka geschickt. Das war unser Praxistest.
Wie viele Skyhydrants gibt es heute auf der Welt?
Butler: Über 400. Das ist noch ziemlich wenig, aber im Sommer hat die Skyjuice-Foundation eine eigene Fabrik in Betrieb genommen, in der wir jede Woche 200 Skyhydrants herstellen können. Die Herausforderung ist allerdings nicht nur die Produktion, sondern auch wie man die Geräte zu den Leuten bringt.
Siemens hat in Krisengebieten viele Skyhydrants gestiftet, und auch Hilfsorganisationen schließen sich inzwischen an.
Butler: Aber das ist nur ein Weg. Die Erfahrung der Entwicklungsarbeit zeigt: Die Menschen benutzen Wasseraufbereitungsanlagen am häufigsten und verantwortungsbewusstesten dann, wenn sie dafür selbst einen Beitrag leisten oder zumindest einen Teil der Kosten decken müssen.
Der Skyhydrant ließe sich also auch kommerziell verkaufen?
Butler: Marktmechanismen können viel bewegen. Wir reden etwa mit Mikrokreditbanken, die den Skyhydrant an Betreiber von Wasserkiosken verkaufen könnten. Aber Siemens und die Skyjuice-Foundation, die zusammen die Rechte am Skyhydrant haben, sind sich einig, dass wir damit keine Profite erzielen, sondern die Technologie so kostengünstig wie möglich zugänglich machen wollen. Da wir für die Lösung des Trinkwasserproblems nun die passende Technologie und gute Konzepte haben, gibt es keinen Grund, warum wir sinnvolle und ethische Marktmechanismen wie Mikrokredit-Unternehmertum nicht nutzen sollten, um unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen.
Das Interview führte Bernhard Bartsch