Forschungskooperation – Risikokapital-Investment
Immunsystem auf dem Prüfstand
Ein neuer Bluttest der Firma Cylex verrät, wie gut das Immunsystem eines Patienten funktioniert. In das Unternehmen hat Siemens Venture Capital investiert.
Aktiv gegen Fremdkörper: Cylex-Wissenschaftler bereiten einen neuen Test vor, der die Aktivität des Immunsystems von Patienten messen kann
Die Gefahr nach einer Transplantation: Der Körper kann das Spenderorgan abstoßen. Medikamente können die Gefahr der Abstoßung zwar vermindern, gleichzeitig verringern sie aber auch die Fähigkeit des Körpers, Krankheitserreger zu bekämpfen – denn die Immunantwort wird unterdrückt. Die Arzneimitteldosis muss gerade so hoch sein, dass das als Fremdkörper eingestufte neue Organ nicht abgestoßen wird und genügend Abwehrkraft für den Kampf gegen Viren und Bakterien bleibt. Ein schwieriges Unterfangen, da sich der Zustand des Immunsystems bislang nicht sicher bestimmen lässt. Gängige Praxis ist, die Anzahl der Abwehrzellen (T-Lymphozyten) in einer Blutprobe zu zählen. Nur sagt die Zahl wenig darüber, wie aktiv sie gegen Krankheitserreger vorgehen – 100 sehr aktive Lymphozyten können effektiver sein als 1000 gering aktive.
Das Unternehmen Cylex aus Columbia im US-Bundesstaat Maryland hat ein 2002 von der FDA (Food and Drug Administration der USA) zugelassenes Diagnoseverfahren entwickelt, das erstmals bestimmen kann, wie gut das adaptive Immunsystem funktioniert: den ImmuKnow. Dabei wird einer Blutprobe zur Stimulierung des Immunsystems Phytohämaglutinin zugefügt, ein Lecithin-Extrakt aus roten Bohnen. Die Substanz regt die Zellen an, in T?Lymphozyten vermehrt ATP (Adenosintriphosphat) zu produzieren. ATP dient als Energieträger für viele Prozesse im Körper und eignet sich daher gut als Maß für die Aktivität der Abwehrzellen. Nach einer Inkubationszeit von maximal 18 Stunden werden dem Blut winzige magnetische Kügelchen zugegeben, die mit einem Antigen beschichtet sind. Daran dockt der CD4-Rezeptor der T?Lymphozyten an. Mithilfe eines Magnetfeldes lassen sich die mit ATP angereicherten Abwehrzellen aus der Blutprobe abtrennen. Anschließend wird das ATP aus den Zellen freigesetzt und ein spezielles Enzym (Luziferase) hinzugefügt, was eine Leuchtreaktion auslöst. Je mehr ATP in der Lösung vorhanden ist, desto heller leuchtet die Probe. So kann die ATP-Menge und damit die Aktivität des Immunsystems ermittelt werden.
"Dass wir über die Messung der ATP-Konzentration bestimmen können, wie gut das Immunsystem in Schuss ist, ist revolutionär. Wichtig ist, dass die Stimulierung in einer sonst unveränderten Blutprobe stattfindet, damit alle Prozesse so ablaufen wie im Körper des Patienten", sagt Brad Stewart, der Geschäftsführer von Cylex. "Neben dem üblichen billiger und schneller, wollen wir das Verfahren in zwei Richtungen weiterentwickeln. Zum einen untersuchen wir bisher nur Abwehrzellen mit CD4-Rezeptor. Es gibt aber auch Abwehrzellen mit anderen Rezeptoren, etwa die B-Lymphozyten, die Teil der adaptiven Immunabwehr sind. Zum anderen eignet sich unser Test nicht nur für die Transplantationsmedizin, sondern auch für Autoimmunkrankheiten oder auch HIV, Hepatitis C und Krebs." Der Gesamtmarkt liege bei 1,8 Mrd. US-$.
Da Siemens Venture Capital (SVC) an Diagnosemethoden und am Konzept der adaptiven Immunabwehr Interesse hat, investierte es im März 2007 in das US-Unternehmen. "Wir setzen auf die personalisierte Medizin, also Behandlungen, die auf den Patienten maßgeschneidert sind", erklärt Anupendra Sharma, Investment Partner bei SVC und Beisitzer im Direktorium von Cylex. "Dazu braucht man Produkte, mit denen sich die Wirksamkeit von Medikamenten testen lässt, die das Immunsystem unterdrücken. Die Cylex-Technologie ergänzt unsere eigenen Entwicklungen hervorragend." Sharma sieht viele Kooperationsmöglichkeiten von Cylex und Siemens Healthcare: von der Entwicklung automatisierter Verfahren bis zur Unterstützung bei der internationalen Vermarktung des Produkts.
Nach den Erfolgen in den USA – mehr als 125 Transplantationszentren nutzen bereits den Test – baut Cylex das Geschäft seit kurzem auch in Europa und Asien aus. In Deutschland ist das ImmuKnow-Verfahren derzeit in Transplantationsabteilungen der Universitäten von Göttingen und Bochum im Einsatz. Auch in Italien und Spanien wurde es in wichtigen Labors eingeführt. Die Zukunftsaussichten sind sehr gut, weil das Produkt die Leistungen des Gesundheitssystems verbessert. So ist etwa die Sterblichkeit nach Transplantationen hoch, bei manchen beträgt die Lebenserwartung nur zwei bis fünf Jahre. Ein Verfahren wie ImmuKnow, das den Ärzten dabei helfen kann, die Patienten besser zu versorgen, ist eine wertvolle und höchst willkommene Neuerung.
Bernhard Gerl