Elektronische Patientenakte
Eine Akte für alles
Die Rhön-Klinikum AG wird ihre derzeit 46 Kliniken mit Hilfe einer webbasierten elektronischen Patienten-akte vernetzen. Damit soll die Versorgungsqualität deutlich steigen.
Alles im Blick mit einem Klick: Durch die WebEPA will die Rhön-Klinikum AG (links der Stammsitz in Bad Neustadt an der Saale) ihren Patienten beispielsweise unnötige Doppeluntersuchungen ersparen.
Alltag in der Notambulanz. Der eingelieferte Mann hat akute Herzprobleme. Nach seiner Einwilligung checken Ärzte die elektronische Patientenakte. Der 55-Jährige hat eine Bypass-Operation hinter sich, verträgt bestimmte Kontrastmittel nicht und ist Diabetiker. Zudem zeigt die Akte frühere Ultraschall- und Röntgenbilder, Labor- sowie Elektrokardiogramm-Werte an. So kann der Patient umgehend optimal behandelt werden.
In Situationen wie dieser – aber insbesondere auch bei der Versorgung chronisch Kranker – haben die Patienten erheblichen Nutzen davon, wenn ihre Krankengeschichte dem Arzt möglichst vollständig zur Verfügung steht. Moderne IT-Lösungen machen dies inzwischen möglich. Ein Vorreiter ist die Rhön-Klinikum AG. Mittelfristig werden alle dort behandelten Patienten, mehr als eine Million jedes Jahr, von der elektronischen Patientenakte profitieren – das ist eines der größten privat finanzierten IT-Vorhaben im deutschen Gesundheitswesen. Zurzeit wird die Patientenakte bereits in einigen Häusern der Rhön-Klinikum AG implementiert, so etwa in Frankfurt an der Oder und Gießen.
Die webbasierte eHealth-Lösung, bei der Rhön-Klinikum AG WebEPA genannt, wurde in Zusammenarbeit mit dem Siemens-Sektor Healthcare konzipiert und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Die Vorteile sind enorm: Mit wenigen Mausklicks haben die Mediziner digitalen Zugriff auf Befunde und Diagnosen – seien es Röntgenbilder oder Ergebnisse von Blutuntersuchungen. Wer in Stations-, Untersuchungs- und Behandlungszimmern oder im OP schnelle und umfassende Informationen über den Patienten braucht, kann an einem Standard-PC über das Internet die Akte einsehen. "Bei der Aufnahme oder bei Verlegungen muss der Patient nun keine Dokumente und Bilder aus Voruntersuchungen mehr mitbringen", sagt Dr. Peter Heil, Geschäftsverantwortlicher für eHealth bei Siemens Healthcare.
Der Zugriff auf die individuellen Gesundheitsdaten ist streng reglementiert. Bei der Aufnahme ins Krankenhaus wird dem Patienten die elektronische Patientenakte ausführlich erklärt. Erst nach dessen Einwilligung werden Zugriffsrechte vergeben – und zwar ausschließlich an die behandelnden Ärzte. Mechanismen zur sicheren Authentifizierung sowie eine regelbasierte Zugriffskontrolle stellen sicher, dass nur diese berechtigten Personen Zugriff auf die Daten haben. Neue Befunde und Diagnosen fließen automatisch in die Akte ein. Brauchen die behandelnden Ärzte Unterstützung anderer Abteilungen, können sie fallweise die Zugriffsrechte ausdehnen, etwa auf einen Radiologen. Jeder digitale Zugriff auf Patientendaten wird aufgezeichnet und ist damit nachvollziehbar. Bleibt eine elektronische Akte längere Zeit ungenutzt, verfallen die Zugriffsrechte. Die Daten gehen dabei nicht verloren, aber sie sind nur noch im Notfall unmittelbar greifbar. So lassen sich die hohen Anforderungen an den Datenschutz erfüllen. Wird der Patient später wieder einmal vorstellig, können neue Rechte vergeben werden. Die Akte wird reaktiviert, und die individuelle Krankengeschichte lässt sich über Jahre zurückverfolgen.
"Die umfassenden Patienten-Informationen helfen dem Arzt, unnötige Doppeluntersuchungen zu vermeiden – ein wesentlicher Aspekt der Patientenakte", betont Heil. Denn bislang kommt es oft mit der Einweisung ins Krankenhaus zu Untersuchungen, die ein niedergelassener Arzt bereits gemacht hat. Ein aktuelles Blutbild vor der Operation wird zwar auch in Zukunft unerlässlich sein, selbst wenn Werte aus der jüngeren Vergangenheit vorliegen. Aber ein Röntgenbild etwa, das der niedergelassene Facharzt angefertigt hat, würde automatisch angezeigt – auch wenn der Patient vergisst, es mitzubringen. Nochmaliges Röntgen entfällt.
Um solche Vorteile nutzen zu können, schließen sich immer mehr niedergelassene Ärzte aus der Nachbarschaft der Rhön-Kliniken dem Projekt an. Und auch in anderen Verbünden kommt die Akte zum Einsatz: So erproben gegenwärtig kommunale Krankenhäuser und Ärzte in und um Bamberg diese Art der Zusammenarbeit. Sie setzen dabei auf der gleichen technologischen Basis auf wie die Rhön-Kliniken.
Einheitliche Plattform. Das IT-Produkt, das in Bamberg und bei den Rhön-Kliniken zum Einsatz kommt, ist Teil der umfassenden eHealth-Lösung Soarian Integrated Care, die Siemens seit 2003 anbietet. Sie unterstützt – über die Patientenakte hinaus – wichtige Verwaltungs- und Behandlungsprozesse. Peter Heil erklärt: "Der Vorteil der Lösung ist, dass bestehende IT-Systeme weiterhin genutzt werden können. WebEPA integriert die Systeme, die bisher schon Patienten- oder Abrechnungs-Informationen lieferten, und führt sie in einer einheitlichen Plattform zusammen." Bisher sind diese so genannten Primärsysteme, in denen etwa Ergebnisse von Computertomographen oder anderen Diagnosegeräten unterschiedlicher Hersteller ausgegeben werden, oft nicht miteinander kompatibel. Soarian Integrated Care nutzt dagegen Standardschnittstellen wie HL7. So können die Primärsysteme integriert und die Daten in der webbasierten Patientenakte zur Verfügung gestellt werden. Experten von Siemens IT Solutions and Services haben diese Applikation – letztlich ein "Übersetzer" zwischen vorhandenen Systemen und der WebEPA – so angepasst, dass sie genau auf die Erfordernisse der vorhandenen IT-Infrastruktur der Rhön-Kliniken ausgerichtet ist.
Damit können Ärzte in den Rhön-Kliniken etwa komplexe Krebsbehandlungen online diskutieren: "Spezialisten, etwa Onkologen und Radiologen, tauschen sich in Tumorkonferenzen aus. Gemeinsam greifen sie digital auf alle Untersuchungsergebnisse zu und besprechen diese in Echtzeit – obwohl sie an unterschiedlichen Standorten arbeiten", sagt Heil. Früher war die Vorbereitung solcher Konferenzen für die Assistenzärzte in der Regel sehr zeitintensiv. Und nicht selten mussten Patienten nur zur Befundung aufwändig verlegt werden. In diesen Fällen erhöht die WebEPA Effizienz und Behandlungskomfort. Für die Rhön-Gruppe sind das die wesentlichen Gründe, in den kommenden Jahren sukzessive all ihre Kliniken anzuschließen. In der Patientenakte schlummert großes Potenzial, auch ökonomisch. Wo genau es zu heben ist und wie hoch die Einsparungen insgesamt sein können, wird die Erfahrung im Klinikalltag zeigen. Ihren größten Nutzen beweist die Patientenakte aber schon heute: den für den Patienten.
Andreas Kleinschmidt