Forschungskooperation – Interview
"Wir brauchen den Dreiklang aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik"
Interview mit Jürgen Mlynek
Prof. Dr. Jürgen Mlynek (57)
ist seit 2005 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, der mit 26 500 Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von 2,4 Milliarden Euro größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Davor war der promovierte Physiker Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, die er zu einer führenden deutschen Universität weiterentwickelt hat. Von 1996 bis 2001 war er Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Vor seiner Tätigkeit im Forschungsmanagement arbeitete Jürgen Mlynek zehn Jahre lang in Forschung und Lehre in Experimenteller Quantenoptik, Atomphysik und Oberflächenphysik. Als Wissenschaftler hat er über 240 Publikationen veröffentlicht und hält selbst mehrere Patente. Darüber hinaus wurde er mit zahlreichen wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet.
Ihr Vorgänger, Prof. Walter Kröll, forderte vor vier Jahren in unserer Zeitschrift eine stärkere Innovationsorientierung der Forschung, als er sagte, Innovation darf in der Wissenschaft nicht nur als Nebenprodukt wissenschaftlicher Erkenntnis betrachtet werden. Haben Wissenschaftler hierzulande genügend Unternehmergeist, um aus guten Ideen auch am Markt erfolgreiche Produkte zu machen?
Mlynek: An deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen existiert im Allgemeinen noch keine gelebte Innovationskultur. Beim Thema Innovation und Transfer von Technologie und Wissen gibt es nach wie vor ein Mentalitätsproblem in Deutschland. So ist nicht allen Wissenschaftlern bewusst, dass Erkenntnisse im Labor schützenswertes geistiges Eigentum sein können. Ein Patent anzumelden und zu veröffentlichen muss aber integraler Bestandteil der Innovationskultur sein. Auch vor einer Firmengründung schrecken viele zurück. Anders in den USA: Dort gibt es mehr Unternehmergeist, was auch historisch bedingt ist. Schließlich immigrierten vor allem Menschen mit unternehmerischem Spirit ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und das ist heute noch so. Die Dynamik im US-System ist einfach größer.
Worin zeigt sich dies?
Mlynek: Nehmen wir das Thema Clean Technology (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2008, Clean-tech). Im kalifornischen Silicon Valley hat sich auf engstem Raum ein Cluster gebildet aus Wissenschaft, Unternehmen und Kapital. Im Kern die Top-Universitäten, umringt von kleineren und größeren Firmen plus ausreichend hohe finanzielle Mittel. Keine Region der Welt erreicht bei Risikokapital-Investitionen auch nur annähernd die Größenordnungen des Silicon Valley.
Aber solche Cluster gibt es doch auch in Deutschland, etwa das Münchner Biotech Cluster mit seinem Zentrum Martinsried.
Mlynek: Das schon, die Region München hat sich wunderbar entwickelt. Aber bundesweit betrachtet könnte hier noch mehr geschehen. Wir haben in Deutschland eine hervorragende Forschung, die es verstärkt zu entdecken und zu schätzen gilt. Zudem ist die Bereitschaft der Wissenschaftler in den letzten Jahren stark gewachsen, Ergebnisse der Grundlagenforschung in die Anwendung zu bringen und in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft zur erfolgreichen Innovation zu führen. Manches Mal bin ich deshalb erstaunt darüber, dass deutsche Unternehmen immer noch ihr Heil in Kooperationen mit ausländischen Partnern suchen.
Hier ist doch auch die Politik gefordert…
Mlynek: Ja, und mit der Hightech-Strategie hat die Bundesregierung entsprechend reagiert und einen guten Ansatz geschaffen, Wissenschaft und Wirtschaft besser zu verzahnen – mit dem Ziel, den Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis zu optimieren. Im angeschlossenen Beraterkreis Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft versuchen führende Vertreter aus der Wirtschaft – Siemens ist durch Prof. Hermann Requardt vertreten –, der Wissenschaft und der Politik gemeinsam, die Strategie in Form von konkreten Projekten umzusetzen. Ein ausgeprägtes Innovationsnetzwerk ist hierbei das A und O. Die Helmholtz-Gemeinschaft pflegt das übrigens schon lange. So laufen bei uns gegenwärtig über 2 000 Kooperationsprojekte mit der Wirtschaft.
Wo kooperieren Sie mit Siemens?
Mlynek: Mit Siemens arbeiten wir in den Forschungsbereichen Gesundheit, Energie, Schlüsseltechnologien sowie Verkehr und Weltraum seit Jahren zusammen. Wir haben Siemens als Partner kennen gelernt, mit dem man über einen längeren Zeitraum auch mal dicke Bretter bohren kann, insbesondere im Bereich der Medizintechnik (siehe Forschungskooperationen). Doch auch bei der Energie trägt die Kooperation Früchte. Mit dem Forschungszentrum Jülich wurde etwa die Festoxid-Brennstoffzelle optimiert. Zurzeit testen Siemens und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) die Zusammenschaltung eines Hybrids aus Brennstoffzelle und Gasturbine. 2010 sollen die realen Komponenten gekoppelt werden. 2012 soll mit dem Bau eines Demonstrationskraftwerks begonnen werden (s. Pictures of the Future, Frühjahr 2007, Brenstoffzellen). Im Projekt CO2SINK, das Siemens finanziell unterstützt, erprobt das Helmholtz Zentrum Potsdam die Einlagerung von Kohlendioxid (s. Pictures of the Future, Frühjahr 2008, CO2-Speicherung). Als Allrounder im Energiebereich ist Helmholtz ein interessanter Partner für Siemens. Schließlich sind wir in allen Sparten aktiv, von erneuerbaren Energien bis hin zur effizienten Energieerzeugung und -umwandlung.
Wie lässt sich der Transfer Wissenschaft – Wirtschaft noch weiter verbessern?
Mlynek: In den letzten Jahren hat sich schon viel getan. Heute sind in den 15 Helmholtz-Zentren etwa 100 Transferbeauftragte tätig, die wissenschaftliche Ergebnisse, Erfindungen und Technologien professionell verwerten. Dazu zählt auch die Suche nach Kooperationspartnern. Unsere Experten begleiten Ausgründungen und haben auch Schutzrechte im Blick. Mit Erfolg: 2006 gab es sieben Ausgründungen bei uns. Pro Jahr zählen wir 400 Patent-Neuanmeldungen und rund 400 abgeschlossene Lizenzverträge.
Wie wichtig ist dann noch die Grundlagenforschung für den Standort Deutschland?
Mlynek: Enorm wichtig. Sie ist die Basis für Innovationen. Das höchste Gut allerdings, was wir für den Standort Deutschland sozusagen produzieren, sind hervorragend ausgebildete junge Menschen. Die Helmholtz-Gemeinschaft legt großen Wert auf eine exzellente Nachwuchsförderung und hat deshalb eine Strategie entwickelt, die den Nachwuchs auf allen Ausbildungsstufen unterstützt. Dies beginnt mit dem "Haus der kleinen Forscher", bei dem Siemens einer der vier Initiativpartner ist. Dabei sollen Kindergartenkinder für Technik und Wissenschaft begeistert werden. Außerdem arbeiten bei uns derzeit rund 4 000 Doktoranden – sie werden die führenden Köpfe von morgen sein.
Was wünschen Sie sich für das Jahr 2015?
Mlynek: Dass wir nicht mehr darüber sprechen müssen, dass es zu wenig Nachwuchs gibt im Bereich Naturwissenschaften und Technik. Und dass wir insbesondere feststellen: 50 % der Studienanfänger für diese Fächer sind Frauen. Ich hoffe, es bleibt kein Wunschtraum.
Das Interview führte Ulrike Zechbauer