Nachhaltige Gebäudetechnik – Effiziente Siemens-Gebäude
Mit Wohlfühlatmosphäre
Die Siemens-Immobilienfachleute haben sich auf den Energie- und Wasserverbrauch fokussiert und zeigen mit Siemens City Vienna, der neuen Konzern-Repräsentanz in Wien, dass auch Bürogebäude ressourcenschonend gebaut und betrieben werden können.
Motivierter arbeiten: In neuen Siemens-Gebäuden, wie in Wien oder Shanghai, sollen der Ressourcenverbrauch gesenkt und Mitarbeitern optimale Arbeitsumgebungen geboten werden
Für ein Unternehmen wie Siemens lohnt es sich, bei Gebäuden genau hinzuschauen. Denn der Konzern besitzt weltweit über 3 000 Gebäude und Werke, deren Energiekosten 470 Mio. € pro Jahr betragen. Mit Effizienzsteigerungen ließe sich dieser Wert erheblich reduzieren. Siemens Real Estate (SRE), das Immobilienunternehmen des Konzerns, geht das Thema systematisch an: Mit der GreenBuilding-Initiative (GBI) soll der Energie- und Wasserverbrauch der weltweit wichtigsten SRE-Immobilien um 20 % gesenkt werden.
Bei GBI beziehen die SRE-Experten den gesamten Immobilien-Lebenszyklus mit ein. Der beginnt bei der Bedarfsanalyse und Konzeption, setzt sich in der Planung fort und reicht bis zu Errichtung, Betrieb und Abriss. Ein Baustein ist die GreenBuilding Certification: Hier geht es darum, das Bauprojekt in der Planungs- und Realisierungsphase kontinuierlich zu begleiten und die Qualität der Immobilie zu sichern. Bei Neubauprojekten und Sanierungsmaßnahmen im europäischen Raum folgt SRE den Kriterien des GreenBuilding-Programms der EU-Kommission (siehe GreenBuilding). Diese Umweltauszeichnung vergibt die EU, wenn der Energieverbrauch des Neubaus um mindestens 25 % unter dem Wert der geltenden Richtlinien liegt.
Darüber hinaus greift SRE auf die Zertifizierung nach LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) zurück. Dabei handelt es sich um einen Standard des US-GreenBuilding-Councils, der auch in Asien weit verbreitet ist. Neben dem Energieverbrauch werden weitere Nachhaltigkeitsaspekte wie der effiziente Umgang mit Wasser, die Raumluftqualität und die Materialauswahl bewertet. Die LEED-Kriterien erfüllen beispielsweise die Siemens-Neubauten in Shanghai, Peking und Moskau.
CO2-Einsparprogramm. Eine weitere Komponente der GBI ist das Aktionsprogramm Natural Resources Management (NRM), mit dem bestehende Gebäude analysiert, modernisiert und optimiert werden. Dabei wird beispielsweise die Regelungstechnik der Heizungs- und Lüftungsanlagen modernisiert. Dazu gehört auch der Austausch elektrischer Antriebe durch Modelle mit höherer Effizienz. So ließen sich etwa beim Bürogebäude "Nonnendammallee 101" in Berlin durch zusätzliche Dämm-Maßnahmen sowie durch Optimierung von Heizung und Lüftung die Heizkosten um 26 % senken. Dadurch verringerten sich auch die CO2-Emissionen um 500 t pro Jahr. Dieser Standort ist eines von sechs Siemens-Gebäuden, die seit kurzem das GreenBuilding-Label der EU tragen.
Allerdings will GBI-Leiter Rainer Kohns die Siemens-Bauten nicht nur auf ihre Energieeffizienz reduzieren: "Unter einem effizienten Gebäude verstehe ich auch eines, das sich durch eine gute Akustik und ein gutes Raumklima auszeichnet. In dem sich der Nutzer also wohl fühlt und eine gute Leistung erbringt." Beides, Energieeffizienz und Wohlfühl-Atmosphäre, möchten die SRE-Fachleute miteinander in Einklang bringen. Etwa in der Siemens City Vienna.
Die Siemens City Vienna wird die Unternehmenseinheiten von Siemens am bestehenden Standort Wien-Floridsdorf im Norden der Stadt integrieren. Das Areal umfasst 485 000 m² – das entspricht 100 Fußballfeldern – und verfügt über eine bebaute Fläche von 140 000 m², die mit einem Neubau um 100 000 m² erweitert wird. Dabei handelt es sich um ein 12-stöckiges Zentralgebäude, den Siemens Tower, an das sich vier- bis fünfgeschossige Bürogebäude anschließen. Neben Konferenz- und Veranstaltungsräumen werden mehrere Restaurants und ein Café integriert.
"Unsere Strategie ist, die Gebäudehülle thermisch so zu optimieren, dass wir die technischen Systeme zum Heizen und Kühlen reduzieren können", erklärt Projektleiter Erich Schöfbeck. Deshalb griffen die Fachleute beim Gebäudeentwurf auf eine thermische Computersimulation zurück. Dabei wird das Gebäude mit all seinen Komponenten abgebildet, um zu sehen, wie die gebäudetechnischen Systeme mit der Fassade interagieren werden.
Wasserrohre statt Klimaanlage. Der Nachhaltigkeitsaspekt lag auch der Entscheidung zugrunde, auf eine mechanische Be- und Entlüftung zu setzen, statt eine Klimaanlage einzubauen. Durch effiziente Wärmerückgewinnung in der Be- und Entlüftungsanlage lassen sich bis zu 65 % der eingesetzten Energie wiederverwenden. Sowohl im Sommer als auch im Winter werden die Mitarbeiter eine behagliche Atmosphäre vorfinden. Dies wird über die in der Betondecke der Büroräume installierten Wasserrohre erreicht, die den Raum im Sommer kühlen und im Winter heizen. Bauteilaktivierung nennen die Experten diese Technologie.
Die Abkühlung des Wassers, das im Kreislauf durch die Deckenrohre gepumpt wird, erfolgt in Kühltürmen, die im Außenbereich des Gebäudes aufgestellt sind. In diesen Kühltürmen wird das Wasser verrieselt und dadurch abgekühlt. Der Abkühleffekt ist nachts besonders groß, wenn die Außentemperaturen zurückgehen. Tagsüber, wenn durch Nutzer, Bürogeräte und Sonne die Raumtemperatur ansteigt, wirkt die kühle Betondecke der Aufheizung entgegen und sorgt für ein angenehmes Innenraumklima. Die Betondecke wird also als Speicher für die Nachtkühle genutzt. Im Winter wirkt dasselbe System als Heizung und zwar in ähnlicher Weise. Dann wird nämlich warmes Wasser aus der Heizzentrale durch die Bürodecken gepumpt.
Eine weitere Besonderheit sind auch die 26 m tiefen Betonpfähle, auf denen der Siemens Tower gegründet sein wird. Diese Energiepfähle mit integriertem Rohrsystem nutzen das Erdreich als saisonalen Wärmespeicher. Dabei wird Wasser durch die Betonpfähle gepumpt. Je nach Wassertemperatur geben letztere Wärme ans Erdreich ab oder nehmen sie vom Untergrund auf. Das Temperaturniveau des Erdreichs dient für die direkte Versorgung der Bauteilkühlung im Sommer. Im Winter wird eine Wärmepumpe die notwendige Temperatur bereitstellen.
Natürlich lässt sich dieses für Wien entwickelte Konzept nicht eins zu eins in Regionen wie USA und Asien übertragen. "Dort herrschen andere klimatische Bedingungen, aber auch andere kulturelle Vorlieben. In südlichen Regionen will man beispielsweise nicht unbedingt am Fenster sitzen. Man hat Sonne im Überfluss und empfindet einen Arbeitsplatz in der Raummitte nicht als unangenehm. Oder in China: Dort sitzen die Menschen in den Büros viel enger zusammen", stellt Rainer Kohns fest.
Deshalb ist SRE eine Kooperation mit dem Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik der Technischen Universität (TU) München eingegangen. Gemeinsam will man Baukonzepte für verschiedene Klimazonen entwickeln, die der Nachhaltigkeit Rechnung tragen. Langfristiges Ziel ist die Entwicklung eines Null-Energie-Standards für Verwaltungsgebäude. "Wir möchten Bauten, die in ihrer Jahresbilanz kein CO2 generieren. Deshalb ist unser Ansatz, bereits in der Konzeptphase den Energiebedarf so weit wie möglich zu senken. Allerdings, ganz ohne Energie geht es nicht. Sie wird jedoch aus erneuerbaren Ressourcen wie Erdwärme, Grundwasser, Sonne oder Luft stammen", erklärt Rainer Kohns. Erst dann, so ist der Ingenieur überzeugt, ist ein Gebäude ein wahrhaft grünes Gebäude.
Evdoxia Tsakiridou
Siemens Real Estate (SRE) ist als Immobilienunternehmen der Siemens AG auf allen fünf Kontinenten vertreten. Die Spezialisten planen, bauen, finanzieren und entwickeln die Standorte des Konzerns und beraten die Siemens-Einheiten in allen Fragen rund um die jeweilige Immobilie. Im Geschäftsjahr 2008 betreut SRE weltweit rund 16,9 Mio. m² Grundstücks- und 9,3 Mio. m² Gebäudefläche an über 3 000 Standorten in direkter wirtschaftlicher Verantwortung.