Nachhaltige Gebäudetechnik – Masdar City
Zukunft ohne Öl
Im Emirat Abu Dhabi wird an der ersten CO2-neutralen Stadt der Welt gebaut: Masdar City soll so wenig Energie verbrauchen, dass der gesamte Bedarf ohne Netto-Emissionen vor Ort produziert werden kann. Wird das Projekt ein Erfolg, dürfte sich die ganze Welt dort städtebauliche Blaupausen abschauen, für die Ära nach dem Ölzeitalter.
Ehrgeiziger Plan: Wo heute wenige Gebäude mit Solarzellen stehen, soll 2016 mit Masdar City eine ganze Stadt ohne CO2-Emissionen auskommen. Für natürliche Kühle sorgen dann enge Gassen und Arkaden
Abu Dhabi erschließt eine neue Quelle. Eine, die niemals austrocknen soll. Wer nun an Öl denkt, den wertvollen Bodenschatz, der irrt – obgleich unter dem Wüstensand der Emirate rund 9 % der weltweit nachgewiesenen Reserven lagern. Das Projekt Masdar, Arabisch für Quelle, steht vielmehr für eine Zukunft ohne fossile Energieträger. Den greifbaren Beweis, dass diese Zukunft keine Einschränkung der Lebensqualität bedeuten muss, will Abu Dhabi nicht schuldig bleiben: Seit Februar 2008 entsteht hier mit Masdar City eine futuristisch anmutende Ökostadt.
Etwa 50 000 Menschen sollen bis zum Jahr 2016 in der autofreien Wüstenmetropole leben – zwischen Abu Dhabi City und dem internationalen Flughafen. Ein ehrgeiziges Projekt. Per Saldo soll Masdar City kein Gramm CO2 in die Atmosphäre entlassen. Zudem ist geplant, vor Ort zu Spitzenzeiten mehr Energie – saubere Energie – zu produzieren, als verbraucht wird; beispielsweise mit solarthermischen Kraftwerken und durch Photovoltaik-Anlagen. Mit Hilfe leistungsfähiger Akkumulatoren könnte tagsüber gewonnene Energie auch des Nachts bereit gestellt werden; so wird die Anwendung so genannter Molten Salt Batteries diskutiert, die sich durch eine besonders hohe Energiedichte auszeichnen.
In konventionellen Städten der Größe Masdars kann der Gesamtausstoß an CO2 gut und gerne 22 t pro Kopf und Jahr betragen; insgesamt also jährlich 1,1 Mio. t. Die Reduktion auf Null soll in Masdar City durch das Zusammenspiel modernster Technologien möglich werden. Grundsätzlich gibt es mehrere Hebel, um das Ziel zu erreichen: Zuerst gilt es, den Energieverbrauch zu minimieren. Statt mit 800 MW, wie es für Städte vergleichbarer Ausmaße in dieser Klimazone zu erwarten wäre, soll Masdar City mit nur 200 MW installierter elektrischer Leistung auskommen: Beispielsweise indem der Bedarf an Frischwasser reduziert wird. Dieses muss ansonsten nämlich aufwändig durch Meerwasserentsalzung gewonnen werden. Durch Rohstoff-Kreisläufe und konsequentes Recycling soll in der Wüstenstadt der Ressourcenverbrauch insgesamt gesenkt werden. Den verbleibenden, unvermeidlichen Energiebedarf gilt es dann durch alternative Energiequellen zu sichern, also beispielsweise Wind, Sonne und Biotreibstoffe aus organischem Abfall.
"Wir müssen auf fundamentale Weise neu darüber nachdenken, wie Städte Energie und andere Ressourcen schonen können", erklärt Sultan Al Jaber, CEO der Masdar-Initiative. "Dazu müssen wir neue Technologien intensiv zur Anwendung bringen und sogar neue Modelle des Städtebaus schaffen, so wie wir es in Masdar City tun." In Masdar City sieht er ein Vorbild für die noch urbanere Welt von morgen – denn weltweit wachsen die Metropolen rasant.
Effizientes Gebäudedesign. Die Stararchitekten von Foster + Partners, die das Gesamtdesign übernommen haben, rechnen vor, dass die größten Beiträge zur CO2-Reduktion in Masdar City, rund 56 %, durch energieeffizientes Städte- und Gebäudedesign möglich werden. Nach ihrem bisherigen Plan sollen langgestreckte Parks die Stadt durchziehen, kühlende Winde könnten mit Hilfe dieser Frischluftschneisen in das Innere der Stadt gelangen. Wie in traditionellen Wüsten-Städten sollen schmale Gässchen statt breiter Straßen das Stadtbild bestimmen. Engen Kanälen gleich, leiten auch sie den Wind zwischen den Häusern hindurch. Deren Arkaden spenden zusätzlich Schatten. Man hatte gute Gründe, über Jahrtausende hinweg in Wüsten genau so zu bauen. Liegt die gefühlte Temperatur in Abu Dhabi heute im Sommer bei über 70 °C, so soll sie in Masdar City auf Grund dieser architektonischen Besonderheiten etwa 50 °C betragen.
Bei preisgekrönten Städtebauexperten, wie Philipp Rode von der London School of Economics, findet dieser Ansatz Anerkennung: "Was ist denn nachhaltig ökologischer Städtebau? Sind es futuristische Visionen, die rein auf Technik setzen? Oder ein ‚Zurück zur Natur‘, am besten ganz ohne Strom und künstliches Licht? Nach meinem Verständnis geht es um eine Balance zwischen Bewährtem und moderner Technologie. So wie die Pläne aussehen, könnte in Masdar City diese Balance glücken."
24 % der CO2-Emissionen sollen durch den Einsatz erneuerbarer Energien vermieden werden. Foster + Partners rechnet damit, dass knapp die Hälfte der Energie durch Photovoltaik gewonnen werden könnte, der Rest durch solarthermische Kraftwerke, Sonnenkollektoren, die Verbrennung oder Kompostierung von Abfall sowie Windenergie. Auch Alternativen zum Auto helfen bei der Reduktion der Treibhausgas-Emissionen: Die Bewohner von Masdar City sollen ein engmaschiges Nahverkehrsnetz mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen (Personal Rapid Transit) nutzen können. Kein Punkt der Stadt soll mehr als 200 m vom nächsten Halt entfernt sein.
Solarkraftwerk und Wasseraufbereitung. Mit Masdar City will Abu Dhabi einen Weg in eine ressourcenschonende Zukunft zeigen und die Welt auch daran teilhaben lassen: Unternehmen aus aller Herren Länder diskutieren mit Masdar den Einsatz geeigneter Technologien wie etwa solarthermische Anlagen, die mit parabolförmigen Spiegeln Sonnenstrahlen konzentrieren und damit Wasser erhitzen. Der Dampf treibt eine Turbine an, die wiederum Strom erzeugt. Im Gespräch sind zudem zahlreiche weitere energiesparende Lösungen, die auch Siemens in seinem Umweltportfolio anbietet – das reicht von verlustarmer Energieübertragung und effizienter Beleuchtung bis hin zu Wasseraufbereitungstechnologien.
Joachim Kundt, CEO Siemens LLC UAE , lebt seit Jahren in Abu Dhabi. Er kennt die besonderen Herausforderungen und Chancen vor Ort: "Gerade in einem Extremklima wie auf der arabischen Halbinsel liegt in intelligenter Gebäudetechnologie eines der größten Potenziale zur Energieersparnis", erklärt der Landeschef. "Raumautomatisierung, beispielsweise mittels Sensoren, die den Leerstand von Räumen erkennen und automatisch Licht und Kühlung herunterregeln, kann einen erheblichen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten." Und das ohne Komfortverlust.
Das gilt für Masdar – und für den Rest der Welt. Die geeigneten Technologien stehen bereits zur Verfügung (siehe Trends). Durch ihre konsequente Anwendung, ließe sich laut Weltklimarat IPCC der durch Häuser verursachte CO2-Ausstoß bis 2030 um bis zu 40 % vermindern.
"Masdar City ist ein Leuchtturm-Projekt", erklärt Rode von der London School of Economics. "Eine eng abgegrenzte, künstlich geschaffene Welt, in der uns gezeigt wird, was technisch möglich ist. Die Herausforderung – städtebaulich wie technologisch – wird darin liegen, Erfahrungen aus Masdar City in andere Kontexte, etwa auf bereits gewachsene Städte zu übertragen." Abu Dhabi macht einen Anfang. Und, so viel scheint schon sicher: Man hat dort verstanden, dass der größte Schatz wohl doch nicht unter der Erde liegt.
Andreas Kleinschmidt