Nachhaltige Gebäudetechnik – Interview
"Alle nötigen Technologien sind bereits vorhanden"
Interview mit Paolo Bertoldi
Paolo Bertoldi (47)leitet die von der Europäischen Kommission ins Leben gerufene Green-Building-Initiative zur Verbesserung der Energie-Effizienz wirtschaftlich genutzter Gebäude. Nach dem Abschluss seines Elektrotechnik-Studiums an der Universität Padua war Bertoldi 1986 zunächst in Großbritannien im EU-Kernfusionsprojekt Joint European Torus (JET) tätig, bevor er 1993 als Verwaltungsleiter in das EU-Generaldirektorat für Energie und Transport wechselte. Seit 2001 ist der Italiener im Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission für Forschungsvorhaben zur Steigerung der Endverbrauchseffizienz verantwortlich
Was wollen Sie mit der GreenBuilding-Initiative erreichen?
Bertoldi: Sie begann 2005 als Programm der Europäischen Kommission. Es geht um die Verbesserung der Energieeffizienz vorhandener, wirtschaftlich genutzter Gebäude. Teilnahmeberechtigt sind also die Besitzer von nicht zu Wohnzwecken genutzten Gebäuden. Als erstes wird ein Energie-Audit erstellt. Ein Maßnahmenplan beschreibt die angestrebten Ziele, und über den weiteren Verlauf wird systematisch berichtet. Wenn der Teilnehmer die vorgegebenen Ziele erreicht, verleiht ihm die Kommission den Status eines GreenBuilding-Partners. Dabei können sich die Teilnehmer individuell beraten lassen, wo sie Energie wirkungsvoll einsparen können und welche Technologien dazu nötig sind. Das hilft der Umwelt, spart Betriebskosten und dient nicht zuletzt auch der Imagepflege der Teilnehmer. Schließlich wird es heute in der Öffentlichkeit gerne gesehen, wenn man sich im Umweltschutz engagiert und aktiv gegen den Klimawandel ankämpft.
In welcher Größenordnung kann bei Sanierung und Neubau von Gebäuden überhaupt Energie eingespart werden?
Bertoldi: Etwa 40 % des gesamten Energieverbrauchs in der EU gehen auf das Konto von Gebäuden. Nicht für Wohnzwecke genutzte Gebäude und Anlagen, darunter Büros, Schulen, Universitäten oder Flughäfen, benötigen davon etwa ein Drittel. Werden bereits vorhandene Gebäude optimal saniert und Neubauten nach den entsprechenden Anforderungen errichtet, lassen sich in der Regel bis zu 25 % Energie einsparen. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass von den im Jahr 2006 für Gebäude in Europa verwendeten 467 Mio. t Öleinheiten 116 Mio. t eingespart werden könnten.
Welche Schritte werden dazu nötig sein?
Bertoldi: Um die Effizienz von Gebäuden zu steigern, braucht man eine Vielzahl technologischer, aber auch politischer Maßnahmen. Wenn es etwa um neue Gebäude geht, dann sind die Baurichtlinien wichtig. Bei der Optimierung vorhandener Gebäude können die Besitzer vor allem durch finanzielle Anreize überzeugt werden. Ein Beispiel ist der Energie-Effizienzpreis der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Der mit 15 000 € dotierte Preis wird seit 2003 jährlich für vorbildliche Lösungen zur Energieeinsparung an betrieblichen Gebäuden verliehen. Wegen des Klimawandels und steigender Energiepreise müssen sich alle EU-Mitgliedsstaaten auf Sparmaßnahmen konzentrieren – solche Programme gibt es seit einigen Jahren in allen EU-Ländern in ähnlicher Ausprägung.
Was können Unternehmen einsparen?
Bertoldi: Gebäude bestehen aus verschiedenen Systemen, etwa für Heizung, Kühlung, Beleuchtung und Informationstechnologie. Nehmen wir nur einmal die Beleuchtung, da lassen sich im Vergleich zu einem alten System heutzutage etwa 70 % Energie einsparen. In bestehenden Gebäuden liegt das gesamte Einsparpotenzial im Allgemeinen bei 25 bis 30 %. Um ein praktisches Beispiel zu nennen: Wenn ein Unternehmen seine Gebäude mit einer einmaligen Investition von einer Million Euro effizient umbauen lässt, kann es seine Energierechnung, die bislang bei 200.000 Euro jährlich lag, beispielsweise um 70 000 € reduzieren. Nach rund 15 Jahren hat es die Investitionskosten wieder hereingeholt, und ab dann beginnt das Sparen.
Was erwarten Sie von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik?
Bertoldi: Die drei Bereiche müssen eng zusammenarbeiten. Die Forschung entwickelt neue Lösungen. Die Wirtschaft setzt sie in Produkte um und steuert die nötigen Finanzmittel bei. Und die Aufgabe der Politik ist es, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, damit künftig in diese Technologien investiert wird.
Haben Politik und Wirtschaft die Tragweite des Klimaschutzes tatsächlich erkannt?
Bertoldi: Auf jeden Fall. In den letzten 15 Jahren habe ich noch nie ein solches Interesse der politischen Entscheidungsträger und der Wirtschaftsführer an diesen Themen und der notwendigen Umgestaltung unseres Energiesystems feststellen können wie heute. Man nimmt es ernst – unter dem Druck des Klimawandels und der hohen Öl-, Strom- und Gaspreise wird der sparsame Umgang mit Energie mit hoher Priorität behandelt.
Wo werden wir Europäer in 15 bis 20 Jahren technologisch stehen?
Bertoldi: Meiner Meinung nach sind die wichtigen Technologien, die wir benötigen, bereits vorhanden, fast alle befinden sich heute schon auf dem Markt. Damit lässt sich sicherstellen, dass Gebäude optimal beheizt, gekühlt und beleuchtet werden und dass sie auch richtig wärmegedämmt sind. Die Forschung hat den überwiegenden Teil der zu bewältigenden Arbeit geleistet. Jetzt geht es darum, die Resultate anzuwenden. Von hoher Bedeutung ist sicherlich auch eine gute Integration dieser Technologien – ihre Effizienz lässt sich nämlich mit Hilfe eines durchdachten Gebäudemanagementsystems noch weiter verbessern.
Das Interview führte Thomas Veser
Die Teilnahme am GreenBuilding-Programm der Europäischen Union (EU) ist freiwillig, Gebühren fallen nicht an. Gegenwärtig nutzen über 80 Teilnehmer aus zehn EU-Ländern den Beratungsdienst, in Deutschland gibt es 23 Partner, darunter Banken, Versicherungen, Stadtverwaltungen, Bildungsstätten sowie eine Umweltschutzorganisation. Nationale Kontaktstellen in Deutschland sind die Deutsche Energieagentur, die Berliner Energieagentur und das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik in Karlsruhe. Als Unterstützer können sich zudem Firmen beteiligen, die im Bausektor tätig sind und die Energieeffizienz von nicht zu Wohnzwecken genutzten Gebäuden verbessern. Auch Siemens Building Technologies hat sich auf einen Förderplan verpflichtet und wurde dafür 2008 durch die Europäische Kommission mit dem "GreenBuilding-Award" ausgezeichnet. Siemens informiert Gebäudeeigentümer über das Programm und unterstützt sie technisch bei der Realisierung ihres Maßnahmenplans. Ein herausragendes Best-Practice-Beispiel des GreenBuilding-Programms in Deutschland ist etwa der Energie-Park Erlangen: Hier dienen Erdwärme-Sonden zum Heizen und Kühlen sowie Photovoltaik-Module zur Stromerzeugung für den Betrieb der Wärmepumpen. Auch Nürnberg hat eine Vorreiterrolle: Dort konnte ein Altbau unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes auf den Niedrig-Energiehaus-Standard umgerüstet werden.