Nachhaltige Gebäudetechnik – Studie städtische Infrastrukturen
Nachhaltige Infrastruktur
Weltstadt als CO2-Pionier: London plant, bis 2025 die Treibhausgas-Emissionen der Metropole um 60 % zu senken. Eine Siemens-McKinsey-Studie zeigt die möglichen Wege dahin
Städte spielen bei der Bekämpfung des Klimawandels eine ganz entscheidende Rolle: Schon heute lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, im Jahr 2025 werden es fast 60 % sein. Städte und ihre Bewohner sind für etwa 80 % und damit für einen überproportional hohen Anteil der weltweit emittierten Treibhausgase verantwortlich. Die großen Städte sind sich dieses Problems durchaus bewusst, wie die Studie "Megacity Challenges" zeigte (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2007, Megacities –Fakten und Prognosen). Doch stellt man sie vor die Wahl zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum, hat der Umweltschutz oft das Nachsehen.
Dabei müssen Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit keine Gegensätze sein. In dem von Siemens unterstützten Forschungsprojekt "Sustainable Urban Infrastructure" wurden erstmals die Potenziale und Kosten von Technologien zur Vermeidung von Treibhausgasen für eine Stadt ermittelt. Am Beispiel von London analysierte die Unternehmensberatung McKinsey über 200 technologische Hebel, die die CO2-Emissionen der Stadt von etwa 45 Mio. t (im Jahr 1990) bis 2025 um knapp 44 % senken, aber auch den Wasserverbrauch reduzieren sowie die Abfallentsorgung verbessern können. Dabei sind viele der Technologien auch wirtschaftlich sinnvoll. So können zum Beispiel knapp 70 % des für London identifizierten Einsparpotenzials von jährlich fast 20 Mio. t CO2 mit Hilfe von Technologien erzielt werden, die sich aufgrund ihrer Energieeinsparungen rechnen – also über ihre Lebensdauer gerechnet nicht nur nichts kosten, sondern sogar helfen, Geld zu sparen.
Ehrgeizige Ziele. Die britische Metropole hat sich viel vorgenommen: Bis 2025 will London die Treibhausgasemissionen gegenüber dem Kyoto-Basisjahr 1990 um 60 % verringern – ein ehrgeiziges, aber wie die Studie zeigt, machbares Ziel. Mit Technologien allein könnten die CO2-Emissionen um 44 % gesenkt werden. Damit könnte London die Kyoto-Ziele (minus 12 % bis 2012), das EU-Ziel (minus 20 % bis 2020) und auch das nationale Ziel der britischen Regierung (minus 30 % bis 2025) erreichen. Darüber hinaus gehende gesetzliche Neuregelungen, Verhaltensänderungen der Bürger – etwa eine Benzin sparendere Fahrweise, der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Herunterdrehen von Thermostaten in Gebäuden – sowie zukünftige technologische Innovationen könnten das 60-%-Ziel der Stadt in greifbare Nähe rücken.
Um alle analysierten Hebel bis 2025 wirksam werden zu lassen, sind zusätzliche Investitionen von etwa 41 Mrd. € erforderlich – weniger als 1 % der Wirtschaftsleistung Londons. Das entspricht in etwa den Ergebnissen des 2006 veröffentlichen Berichts von Sir Nicholas Stern, der die Kosten für die Eindämmung des Treibhauseffekts auf bis zu 1 % des weltweiten Bruttoinlandsprodukts pro Jahr bezifferte. Einen ungebremsten Temperaturanstieg in Kauf zu nehmen, könnte laut dem ehemaligen Chefökonom der Weltbank dagegen 5 bis 10 % der weltweiten Wirtschaftsleistung kosten.
Die Ergebnisse der Studie "Sustainable Urban Infrastructure" im Detail:
? Das größte Potenzial liegt in Londons Gebäuden: Sie verursachen zwei Drittel der CO2-Emissionen der Stadt. Pro Kopf entspricht das 4,3 t CO2 pro Jahr – ein hoher Wert im Vergleich zu anderen Städten: in Tokio sind es 2,9 t CO2 pro Jahr, in Stockholm nur 2,6 t. Im Jahr 2025 könnten in London allein durch den Einsatz von Technologien etwa 10 Mio. t (Mt) CO2 eingespart werden, vor allem durch eine bessere Isolierung der alten viktorianischen Gebäude, aber auch durch den Einsatz energieeffizienterer Beleuchtung oder von modernen Gebäudeautomatisierungssystemen. Fast 90 % des Potenzials in Gebäuden rechnet sich durch die erzielbaren Energieeinsparungen.? Die Treibhausgasemissionen im Verkehr könnten bis zum Jahr 2025 um ein Viertel – 3,0 Mt CO2 jährlich – reduziert werden. Effizientere Autos sind hier der bedeutendste Hebel. Damit ließen sich über 1,2 Mt CO2 einsparen. Im öffentlichen Nahverkehr könnten weitere 0,4 Mt CO2 gespart werden – etwa durch den Einsatz von Hybridbussen, die 30 % weniger Treibstoff als herkömmliche Diesel-Busse verbrauchen.
? Bei der Energieversorgung könnte London weitere 6,2 Mt CO2 einsparen. Auf lokaler Ebene bieten verschiedene Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen mit 2,1 Mt CO2-Einsparungen pro Jahr das größte Potenzial. Weitere 3,7 Mt ließen sich auf nationaler Ebene erzielen, etwa indem Betreiber vermehrt auf Gas statt Kohle und erneuerbare Energien bei der Stromerzeugung setzen.
? Das immerhin rund 150 Jahre alte Wasserleitungsnetz Londons verliert auf seinen 4.800 Kilometern über 30 % des eingespeisten Wassers – damit versickert jeden Tag die Füllmenge von 350 Olympiaschwimmbecken. Jeder nicht verbrauchte Liter Wasser bedeutet daher, dass knapp 1,5 l weniger in das System eingespeist werden müssen. Insgesamt könnten im Jahr 2025 etwa 65 Mio. m³ Wasser jährlich – etwa 13 % des Gesamtverbrauchs – durch wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen wie Toilettenspülungen mit Spartaste oder effizientere Waschmaschinen und Geschirrspüler eingespart werden.
? Derzeit werden 64 % der kommunalen Abfälle Londons auf Deponien entsorgt – viel im Vergleich zu Tokio oder Stockholm. In Anbetracht der hohen Deponiegebühren und -steuern in Großbritannien gibt es aber wirtschaftlich interessante Alternativen. Neben dem Recycling von Rohstoffen lässt sich Hausmüll auch zur Energieerzeugung nutzen – sei es durch Umwandlung in Biogas oder direkte Verbrennung. Die so gewonnene Energie kann tausende Haushalte mit Strom und Wärme versorgen.
Der Bürger entscheidet. Die Studie zeigt auch, dass sich städtische Initiativen nicht nur darauf konzentrieren sollten, ihren CO2-Ausstoß zu reduzieren. Ebenso wichtig ist es, bei den Verbrauchern eine bessere Akzeptanz der Technologien zu erreichen. 75 % des CO2-Vermeidungspotenzials könnten die Londoner Bürger und Unternehmen realisieren, indem sie sich für effizientere Technologien entscheiden, zum Beispiel für Energiesparlampen oder sparsamere Autos. Änderungen von Vorschriften, Steuern und Subventionen, bessere Finanzierungsmöglichkeiten sowie Aufklärungskampagnen können außerdem dazu beitragen, das Bewusstsein der Verbraucher zu verändern und sie ermutigen, wirtschaftlich vernünftige und gleichzeitig umweltbewusste Entscheidungen zu treffen.
Petra Zacek