Früherkennung in der Medizin – Szenario 2020
Fit wie ein Turnschuh
Dr. Fernandez hat Prostatakrebs und Alzheimer im Frühstadium. Eine schlimme Nachricht? Nicht mehr. Denn im Jahr 2020 ermöglichen modernste Früherkennungstechniken und Labortests gepaart mit intelligenten Bildgebungsverfahren eine schnelle, effektive und nahezu schmerzfreie Behandlung.
In Dr. Fernandez’ Ohrläppchen befindet sich ein Sensor, der dank spezieller Biomarker viele Krankheiten frühzeitig erkennen kann. Nun schlägt er via PDA Alarm und verweist Fernandez zum nächsten Spezialisten. Dort bestätigt ein PET-MR-Scan die Diagnose des Sensors: Prostatakrebs im Frühstadium. Während der Operation macht der Arzt die Krebszellen mit einem Infrarotfarbstoff sichtbar und kann sie dadurch gezielt behandeln
Seit meinem Medizinstudium haben sich die Dinge sehr verändert. Das sollte mich zwar nicht überraschen nach über 40 Jahren als Fuß-Doktor – und ich habe viele Füße gesehen! Aber wenn man selbst zum Patienten wird, ist es doch etwas anderes. Vor fünf Jahren wurde mir im rechten Ohrläppchen ein Biosensor eingesetzt – er ist wirklich winzig und konnte direkt ins Gewebe implantiert werden. Wenn Sie genau hinsehen, können Sie den äußeren Teil davon erkennen – er sieht aus wie ein winziger Amethyst-Ohrstecker und enthält neben einem Prozessor für die Datenverarbeitung auch noch eine kleine Sende- und Empfangseinheit.
Der Arzt erklärte mir damals, dass der Sensor Biomarker für viele Krankheiten entdecken könne – Krebs, Arteriosklerose, Alzheimer und mehr! Das Zauberwort ist Früherkennung. Alles was ich dazu tun musste, war regelmäßig mit dem Handy zu telefonieren: Es übertragt Energie an den Ohrstecker und sendet zugleich ein Signal an den Sensor, der dann einen Statusbericht ans Telefon überträgt: Dies ist OK, das ist OK, Sie wissen schon. Vor ein paar Monaten aber war etwas nicht OK. "Suchen Sie bitte sofort Ihren Arzt auf", lautete die Nachricht.
Im städtischen Krankenhaus lud Dr. Pelzer die Ergebnisse von meinem Handy herunter. "Du scheinst gleich zwei Probleme zu haben, Fred", sagte er. "Das System hat erste Anzeichen für Alzheimer und Prostatakrebs entdeckt. Das sollten wir uns genauer anschauen."
Da Bluttests die Ergebnisse des Sensor-Implantats bestätigten, wurden mir zwei Präparate gespritzt: Zunächst eine Lösung mit Positronen emittierenden (PET) Radioisotopen und einem Molekül, das sich an Alzheimer-Plaques festsetzt. Und ein Präparat mit einem PET-Isotop und einem Molekül, das sich mit Thymidin – einem DNS-Baustein – verbindet. "Bösartige Zellen nehmen Thymidin viel schneller auf als normale Zellen. Sie leuchten dann im Scan auf", erklärte Pelzer, als ich mich in den PET-MR-Scanner legte.
Am nächsten Tag erhielt ich eine verschlüsselte V-Mail, die vom Informationssystem der Klinik erstellt worden war: "Sehr geehrter Herr Fernandez, wie bekannt, haben Bluttests die Daten Ihres Biosensors bestätigt. Der Scan lokalisierte einige durch Alzheimer verursachte Amyloid-Plaques sowie einen bösartigen Tumor in Ihrer Prostata, ebenfalls im frühen Stadium. Ihre Alzheimer-Erkrankung lässt sich mit folgenden Medikamenten behandeln... Wir empfehlen innerhalb von 14 Tagen eine zweite Untersuchung, um die Wirksamkeit der Medikamente zu kontrollieren. Für Ihre Prostataerkrankung empfehlen wir folgendes Klinikum... Soll ein dortiger Facharzt Einsicht in Ihre elektronische Patientenakte erhalten, drücken Sie bitte ‚Ich stimme zu‘ und Sie erhalten umgehend einen Termin."
"Natürlich stimme ich zu", murmelte ich und berührte die virtuelle Taste auf dem Bildschirm. In Sekundenschnelle öffnete sich eine Mail: "Vielen Dank, dass Sie sich an unser Klinikum wenden. Wir haben Ihre Patientenakte erhalten und schlagen Ihnen folgenden Termin vor..."
Es war ein glühend heißer Augustnachmittag, als ich im Klinikum ankam. Dank des Informationsmanagementsystems wusste ich bereits genau, was mich erwartete. Das System lotste mich mit Hilfe meines PDAs durch ein Labyrinth aus Fluren zur Abteilung für integrierte Visualisierung und Behandlung.
Kurz darauf erhielt ich ein mildes Beruhigungsmittel und eine Lokalanästhesie und nahm in einem OP-Gerät namens Magnaviewer Platz, das sanft meine untere Körperhälfte umschloss. Dr. Pike, ein Spezialist für urogenitale Onkologie, stellte sich vor. "Ich bin heute Ihr Conférencier", scherzte er. "Im Handumdrehen sind Sie wieder auf dem Damm."
Da ich aus beruflichem Interesse den Ablauf verfolgen wollte, kommentierte Pike jeden Schritt. "Der Magnaviewer", erklärte er, "greift auf die relevante 3D-Sektion Ihres PET-MR-Scans zu." Das Gerät brachte dann mittels Ultraschall die anatomischen Fixpunkte in Übereinstimmung mit dem virtuellen MR-Bild. Danach führte es – mit geringen Feinjustierungen durch Dr. Pike – ein nadeldünnes flexibles Endoskop in meinen unteren Bauchraum ein. Ausgerüstet mit einer winzigen Mikrooptik, folgte die Nadel einem vorher berechneten, optimierten Weg zum karzinösen Bereich. Nach wenigen Minuten hörte ich Pike sagen: "Wir sind jetzt genau an der Stelle, wo der Scan die Krebszellen anzeigte. Um mehr über diese Zellen zu erfahren, werde ich sie mit einem speziellen Infrarotfarbstoff behandeln, der nur von ihnen absorbiert wird." Dr. Pike gab dem Gerät einen Sprachbefehl. "Bingo, die Zellen leuchten wie ein Weihnachtsbaum. Man kann sie meilenweit sehen!" Das Endoskop, erklärte er, erzeuge ein Spektrum von Wellenlängen und messe den Reflexionsgrad der Zellen. Von dort, wo der Farbstoff absorbiert wurde, käme mehr Licht. "Dieses Infrarotlicht enthält viele Informationen", erläuterte Pike. "Etwa die Oxi- und Deoxihämoglobin-Konzentrationen, oder den Wasser- und Fett- gehalt. Das kommt alles in Ihre Akte, um die beste Behandlungsmethode zu finden. Außerdem wird es in einer Datenbank gespeichert, um die MR-Bilder noch besser auswerten zu können."
Der nächste Schritt sollte die eigentliche Behandlung sein – kein einfacher Schritt, da laut 3D-MR-Scan die Krebszellen wohl ausgerechnet um einen Nerv herum lagen: Selbst ein mikrochirurgischer Eingriff war riskant. Das Gefühl der Unverletzbarkeit schwand trotz Beruhigungsmittel, und ich wurde nervös. "Keine Angst", meinte Dr. Pike. "Wir spritzen zusätzlich noch ein Kontrastmittel für Nervenzellen." … "So", brummte er dann, und es klang sehr zufrieden. "Alles klar. Ohne Zweifel ein Nerv. Wir werden jetzt folgendes tun", fuhr er fort und erklärte, dass die Wellenlängenanalyse der Krebszellen soeben mit einer Datenbank therapeutischer Substanzen abgeglichen worden sei. Diese Stoffe seien mit Nanopartikeln kombinierbar und würden direkt auf die bösartigen Zellen ...
Irgendwann muss ich eingedöst sein. Als ich aufwachte, erfuhr ich, dass mir Moleküle verabreicht worden waren, die nur von meinen Krebszellen absorbiert wurden – um diese außer Gefecht zu setzen. "Alles bestens", sagte Pike und klopfte mir auf die Schulter, als ich, noch etwas benommen, zur Tür ging. Eine Woche später musste ich zum Kontroll-MR. Die Krebszellen waren bereits weg. In der Tat: Seit meinem Medizinstudium haben sich die Dinge wirklich sehr verändert.
Arthur F. Pease
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