Früherkennung in der Medizin – Fakten und Prognosen
Je eher, desto besser – Fokus auf Früherkennung
Nicht zuletzt durch die Fortschritte in der Gesundheitsversorgung erreichen die Menschen ein immer höheres Alter. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung unvermindert: von aktuell 6,6 Milliarden Menschen auf 9,2 Milliarden in 2050. Unter anderem wegen dieser demographischen Entwicklung werden sich die globalen Gesundheitskosten innerhalb von 10 Jahren (2003 bis 2013) voraussichtlich mehr als verdoppeln – von 2,3 Bill. € auf gut 5,5 Bill. €. Wesentlichen Anteil haben hier die Kosten für die Behandlung chronischer Krankheiten: Bereits heute entfallen darauf laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 60 % der Gesundheitsausgaben.
Um die Gesundheitsversorgung dennoch finanzierbar zu halten, ist eine Kehrtwende von der Akutbehandlung zur Früherkennung notwendig. Sie wird vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zum Tragen kommen: Laut WHO waren von allen 58 Millionen Todesfällen im Jahr 2005 17,5 Millionen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedingt. Im Jahr 2015 werden es 20 Millionen sein. Auch Krebs ist auf dem Vormarsch: Starben 2005 noch 7,9 Millionen Menschen daran, werden es im Jahr 2030 schon 11,5 Millionen sein. Je früher solche Krankheiten erkannt werden, desto wirksamer und damit kostengünstiger kann man sie therapieren. So weist die WHO darauf hin, dass ein Drittel aller Krebserkrankungen geheilt werden könnte, wenn sie ausreichend früh erkannt und wirksam behandelt würden.
Ein Weg dazu sind umfassende Vorsorge-Screenings, die gesunde Patienten auf Krankheitsrisiken untersuchen. Als durchaus wirksam hat sich beispielsweise die Brustkrebs-Vorsorge durch Mammographie erwiesen: Die WHO konstatiert in ihrem Report World Health Statistics (2008), dass ein umfassend verfügbares Vorsorge-Screening mit entsprechender Weiterbetreuung von Risikopatientinnen die weltweite Sterblichkeit durch Brustkrebs bei Frauen zwischen 50 und 69 Jahren um 15 bis 25 % senken könnte. Für viele andere Krankheitsbilder liegen jedoch noch keine verlässlichen Zahlen vor, weil die Umkehr zur Früherkennung erst einsetzt.
Ist bereits ein Krankheitsrisiko oder eine erste Erkrankung bekannt, wird eine präzise Frühdiagnostik bedeutsam. Hier beschreitet die Medizintechnik verschiedene innovative Pfade, vor allem auf dem Gebiet der Molekulardiagnostik (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2007, Molekulare Medizin – Fakten und Prognosen). Sie will die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten auf molekularer Ebene verfolgen. Dazu entwickelt sie sogenannte Biomarker, die an spezifischen Zellen, etwa Krebszellen, andocken und diese sichtbar machen. „Verfahren mit dem radioaktiv markierten Zucker 18FDG werden bereits für bestimmte Krebsarten – etwa Lungen- oder Hautkrebs – eingesetzt. Die Forschung arbeitet an neuartigen Radiopharmazeutika, etwa 18F-FLT, welches das Wachstum von Tumorzellen sichtbar macht", erklärt Michael Reitermann, CEO der Division Molecular Imaging von Siemens Healthcare. Solche Radiopharmazeutika können beispielsweise zeigen, ob ein Krebstumor bereits Metastasen gebildet hat. Möglich wären mit ihnen auch Vorsorgeuntersuchungen am gesunden Menschen; dort finden sie jedoch wegen der mit der Untersuchung verbundenen Strahlenbelastung bisher kaum Verwendung.
Die durch neue molekulardiagnostische Verfahren erzeugte Datenmenge muss auch ausgewertet und interpretiert werden. Hier setzen beispielsweise Systeme der Computer Aided Detection an. Sie helfen dem Arzt in der Krebsdiagnostik bei der Erkennung von Gewebsanomalien und damit einer effizienteren Tumorbestimmung. Während die Technologie für Brustkrebs bereits eingeführt ist, dringt sie laut einer Studie von Frost & Sullivan (2008) erst allmählich in die Bereiche der Lungen- und Darmkrebsdiagnostik vor, weil hier andere Bildgebungsverfahren verwendet werden. Der weltweite Markt für Systeme der Computer Aided Detection lag laut dieser Studie im Jahr 2007 bei 335 Mio. US-$, Tendenz steigend: Bis zum Jahr 2014 wird er allein für Europa von derzeit 116,9 Mio. auf 449,8 Mio. $ wachsen.
Eine präzisere Früherkennung bedeutet eine kürzere und weniger belastende Behandlung sowie bessere Heilungschancen für die Patienten und reduziert Gesundheitskosten über die gesamte Versorgungskette, weil sie Folgekosten senkt. So können präzisere Labor- und Bildgebungsverfahren die Anzahl falscher Befunde und damit verbundener unnötiger oder zu später Behandlungen reduzieren. Laut einer Studie der AdmeTech Foundation könnten beispielsweise durch bessere bildgebende Verfahren sowie durch zusätzliche In-vivo- und In-vitro-Screenings bei der Prostata-Früherkennung allein in den USA pro Jahr 1,4 Mrd. $ für unnötige Biopsien eingespart werden. Noch liegen aber keine weltweiten Zahlen für die generellen Einsparpotenziale durch Früherkennung vor, weil bei der Nutzenabschätzung eine Vielzahl von Faktoren zusammenwirkt: Welche Krankheiten entwickelt ein Patient nach Heilung von der ersten Erkrankung? Welche Krankheitsrisiken werden behandelt, die unter Umständen gar nicht zum Ausbruch kämen? Welchen ökonomischen Effekt hat der Zusammenhang zwischen Krankheit und Arbeitsleistung? Auch müssen für eine effektive Kostenreduktion verstärkt Gesundheitsförderungsprogramme zum Einsatz kommen, welche die Gesundheit jedes Einzelnen möglichst lange erhalten.
Dagmar Braun