Zukunft der Fabriken – Umweltschutz in Fabriken
Effizient auf ganzer Linie
Wer umweltfreundliche Lösungen anbietet, sollte selbst nach diesem Credo arbeiten. Das Prinzip des nachhaltigen Wirtschaftens gilt auch für Siemens und reicht von der Senkung des eigenen Energieverbrauchs über die Aufbereitung von Gebrauchtgeräten bis zum Aktionsplan für energiesparende Industriemotoren.
Stromsparpotenzial gefunden: Seit 2005 spürt Winfried Mayer (rechts im Bild) in den Siemens-Standorten Sparpotenziale auf und gibt Umwelt-Tipps – wie etwa den Einsatz dieser Wärmepumpen-Zentrale
Vom siebten Flur des Gebäudes Nr. 33 in München-Neuperlach sehen die Mitarbeiter von Siemens Corporate Technology (CT) in der Ferne die Alpen. Manch ein Forscher könnte von hier aus seine nächste Bergtour planen – so klar ist oft die Luft. Kein Wunder, dass gerade in diesem Stock die Fachleute von Corporate Environmental Affairs & Technical Safety (CT ES) sitzen. Sie bearbeiten die übergreifenden Umweltschutzthemen des Unternehmens.
Winfried Mayer arbeitet für das Referat CT ES IE, das für den betrieblichen Umweltschutz bei Siemens zuständig ist. Seit etliche Investment-Firmen bevorzugt in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen investieren, hat er alle Hände voll zu tun – beispielsweise, damit Siemens im Dow Jones Sustainability-Index (DJSI) und auch im Climate-Leadership-Index des Carbon Disclosure Projektes (CDP) gelistet wird, die die nachhaltigsten Großunternehmen weltweit erfassen. Die Aufnahme in diese Indizes ist unter anderem nur mit der Offenlegung des weltweiten Energieverbrauchs und der Auflistung energiesparender Produkte möglich. Das Referat, in dem Mayer arbeitet, sammelt diese Daten in Form von alljährlichen Umweltberichten der Standorte, wertet sie aus und gibt die relevanten Informationen an die DJSI-Ersteller sowie an die CDP-Organisation weiter. Mit Erfolg: Im DJSI ist Siemens im Jahr 2007 zum achten Mal in Folge gelistet worden.
Die Auswertung der Berichte zeigt, dass bei Siemens die Nutzung von Strom ungefähr 60 % der Energiekosten ausmacht. Im Zeitalter stetig steigender Strompreise ist das zu viel, erkannte Mayer und entwickelte daraufhin einen Eintages-Workshop, um viele Energiespar-Tipps und -Empfehlungen weiterzugeben, wie beispielsweise den Einsatz von Wärmepumpen.
Seit 2005 hat Mayer viele der weltweit über 300 Siemens-Produktionsstätten besucht und deren Anlagen begutachtet. Erste Tipps konnte er oft schon nach einigen Stunden geben. "Manchmal reicht schon der Vergleich der Temperaturwerte einer Lagerhalle und der Büros. Wenn diese gleich sind, ist die Halle in der Regel überheizt", erklärt der Umweltschutzreferent.
Aber der Ingenieur weiß mittlerweile auch bei komplexen Problemen zu helfen. Seit dem ersten Workshop hat er viel technisches Wissen erworben: "Selbst Werbeanzeigen für energiesparende Technologien prüfe ich, ob diese Lösungen für uns einsetzbar sind." Die geschätzte realisierbare Einsparung der Standorte nach einem Mayer’schen Workshop liegt im Mittel für die elektrische Energie bei 5 % und für die Primärenergie sogar bei 10 %.
Und es soll noch weitergehen. Siemens hat ein Energieeffizienzprogramm in seinen Fertigungsstätten gestartet: Bis 2011 soll die auf den Umsatz und ein vergleichbares Portfolio bezogene Energieeffizienz um 20 % steigen. Der Workshop wird dazu seinen Beitrag leisten.
Nur einige Türen neben Mayers Büro tüfteln CT-Forscher weniger am Energiesparen in den Produktionsstätten, sondern vielmehr an der umweltverträglichen Gestaltung der Siemens-Produkte. Seit zwölf Jahren nehmen sich Dr. Ferdinand Quella und seine Mitarbeiter in der Abteilung für produktbezogenen Umweltschutz diesem so genannten Eco-Design an.
Und diese Ausrichtung trägt einen Namen: SN 36350 (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2007, Produktentwicklung). Die unternehmensinterne Norm gilt seit 1999 als Pflichtlektüre für jeden Entwickler, der ein neues Produkt plant. Sie enthält mit Leitlinien zur Produktgestaltung oder einer Liste giftiger und vermeidbarer Stoffe insgesamt 40 Regeln für sämtliche Lebensphasen des Produktes – auf gerade mal elf Seiten. Doch dies genügt, um die bisher für Produkte in Kraft getretenen Umwelt-Gesetze und Gestaltungsregeln Siemens-intern umzusetzen. Dabei hat SN 36350 neben dem Umweltaspekt auch einen zweiten wichtigen Hintergrund für Siemens: "Die umweltverträglichere Lösung ist auch die wirtschaftlich bessere, das erweist sich immer wieder", erklärt Friedrich Koch, zuständig für die umweltverträgliche Produktgestaltung, "weil wir weniger Ressourcen verbrauchen – da fängt die höhere Wirtschaftlichkeit bereits bei den Lagerkosten an."
Gebrauchte Geräte möglichst wieder zu verwenden, ist dabei ein wichtiger Bestandteil dieser Ressourceneinsparung. So werden beim Siemens-Bereich Medical Solutions (Med) unter anderem gebrauchte Computer- und Magnetresonanztomographen zurückgenommen. Ein eigenes Geschäftsgebiet – Refurbished Systems genannt – arbeitet sie mit den gleichen Qualitätsstandards wie für neue Geräte wieder auf und verkauft sie mit dem Qualitätssiegel "Proven Excellence" in die ganze Welt. Die Vorteile der Richtlinie hat aber nicht nur Med im Bewusstsein verankert. Laut Quella gibt es Siemens-weit mittlerweile so viele effiziente Produkte, dass es nahezu ein Muss ist, dieses Portfolio auch besonders auszuzeichnen. Quella zieht beispielsweise auch die Prüfung der Kriterien durch ein externes Institut in Betracht. "Damit würden wir uns von vielen Mitstreitern absetzen und somit den Wettbewerb vorantreiben."
Beispiele in Nachhaltigkeit: Lichtoptimierungen (oben) und Wärmerückgewinnung (unten) senken den Stromverbrauch, und die Wiederaufarbeitung gebrauchter Tomographen hilft Ressourcen sparen (ganz unten)
Aufklärungsbedarf vorhanden. Trotz der Vorteile umweltfreundlicher Produkte zögern aber noch viele Firmen, die zwar energieeffizienteren, im Vergleich zu herkömmlichen Lösungen jedoch teureren Systeme zu wählen. Vor allem der Automatisierungsbereich Automation and Drives (A&D) bekommt dies zu spüren. "Noch wissen viele Kunden gar nicht, dass die Energiekosten, die während des Betriebs gespart werden, die Investitionen in effiziente Lösungen schnell amortisieren", sagt Dr. Peter Zwanziger, Leiter der Abteilung Associations and Regulations des A&D-Geschäftsgebiets Large Drives in Nürnberg, der hauptsächlich drehzahlveränderbare Antriebe für die Industrie herstellt (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2006, Trends Elektromaschinen und Energieeffizienz).
Vor allem hier gibt es noch einen enormen Aufklärungsbedarf. So stellt A&D unter dem Namen Sinamics Frequenzumrichter für drehzahlgesteuerte Motoren her, die im Vergleich zu Antrieben mit fester Drehzahl den Stromverbrauch je nach Anwendung um bis zu 60 % senken. Ihre Anschaffungskosten können sich innerhalb von zwei Jahren amortisieren. Auch wenn sich die Lösung gut verkauft, ist der Markt laut Zwanziger längst nicht gedeckt: "Allein in Europa ergäbe sich ein jährliches Marktpotenzial von etwa 1,5 Mrd. €, wenn ineffiziente Motoren ausgetauscht würden. Weltweit ließe sich mit solchen Maßnahmen ein CO2-Einsparpotenzial von 60 Mrd. Mio.Mrd. t/a erreichen, ganz zu schweigen von den eingesparten Stromkosten."
Um die Einsparpotenziale bekannter zu machen, ist Siemens einer Kampagne beigetreten, die von der Europäischen Union eigens für diese Aufklärungsarbeit gegründet wurde: dem EU-Motor-Challenge-Programm. Seit 2003 wirbt die EU für nachhaltiges Handeln, indem sie Firmen, die besonders energiesparend arbeiten, öffentlich auszeichnet.
Jedes Unternehmen kann diesem Programm beitreten. Entweder als Partner, also als Firma, die sich dem Energiesparen verschrieben hat, oder als Partner werbender "Endorser" – wie Siemens. Neu geworbene Partner identifizieren in ihren Produktionsstandorten Einsparmöglichkeiten und legen diese dann in einem Aktionsplan fest, den sie während der Mitgliedschaft einhalten müssen.
"Der Aktionsplan von Siemens besteht hingegen darin, das Projekt ausreichend zu kommunizieren – zum Beispiel auf Industriemessen", erklärt Zwanziger, der als Verbindungsmann zur EU-Kommission das Projekt bei Siemens betreut. Mittlerweile sind es europaweit bereits 70 Unternehmen, wie Ferrero und Johnson & Johnson und sogar ganze Städte wie Hamburg, die das Motor-Challenge-Logo in der Öffentlichkeit benutzen dürfen und somit den offiziellen Status eine nachhaltig denkenden Organisation tragen.
Natürlich fehlt dabei der Marketinghintergrund nicht – daraus macht Zwanziger alles andere als einen Hehl. "Aber man darf dabei nicht vergessen: Wo energiesparende Siemens-Produkte eingesetzt werden, entlasten diese nachweisbar auch die Umwelt", fügt der Nürnberger hinzu. Siemens-intern geschieht dies bereits zu großen Teilen. Und auch extern wird der Nachhaltigkeitsgedanke wachsen. Denn Zwanziger ist sich sicher: Das EU-Motor-Challenge-Programm ist lediglich der Vorbote umfassender und strengerer Effizienz-Gesetze.
Sebastian Webel