Zukunft der Fabriken – Interview
"In der realen Welt vergeuden wir Zeit und Geld"
Interview mit Roddy Martin
Roddy Martin, 50, ist Generaldirektor der AMR Research Value Chain Strategies Group, einem weltweit führenden Beratungsunternehmen für die Optimierung von Lieferketten und Infrastrukturen. Vor dem Ingenieurstudium absolvierte er eine Ausbildung als Maschinenschlosser bei einer Stahlfirma in Südafrika – wodurch er "ein tiefgreifendes Verständnis der Arbeiten auf der Fertigungsebene" gewann. Zudem war er leitender Ingenieur für die elektrische Infrastruktur und Automatisierung bei South African Breweries. Bei AMR führt er Studien zu Wertschöpfungsketten in den verschiedensten Branchen durch
Was sind die wichtigsten Trends der Fertigungsautomatisierung?
Martin: Am wichtigsten ist, dass wir die Wertschöpfungskette von Produkten immer besser ganzheitlich modellieren und simulieren können. Damit meine ich den gesamten Fertigungsprozess einschließlich aller Ressourcen, egal ob ein Auto oder einige Tonnen Eisenerz. Noch sind unsere Modelle nicht so umfassend, wie wir es gerne möchten, aber wir sind auf einem guten Weg. Die Modellierung und Simulation dieser Kette wird auch die Zusammenarbeit von F&E- und Fertigungsspezialisten verbessern. Der nächste Schritt ist die Integration der Fertigungsprozesse in die Lieferkette: Dann haben wir die nötige Transparenz, um auf Marktanforderungen flexibel reagieren zu können. Wenn man Produkte und Prozesse ganzheitlich simulieren kann, lassen sie sich leichter an die aktuelle Marktnachfrage anpassen.
Lassen sich nach dem heutigen Stand der Technik Produkte und Prozesse überhaupt in ihrer gesamten Komplexität simulieren?
Martin: Nicht ganzheitlich und auch nicht in der gleichen Sprache. Uns fehlt noch eine Architektur für die Modellierung und Simulation, die auch über heterogene Anwendungsarchitekturen hinweg implementiert werden kann. Hier gibt es noch zu viele unterschiedliche Einzellösungen, die nicht zusammenpassen.
Was bringt eine Simulation aus wirtschaftlicher Sicht?
Martin: Ich schätze, in den meisten Produktionsumgebungen ließen sich die Entwicklungskosten halbieren, wenn das Design und wesentliche Teile der Umsetzung in der virtuellen Welt vorgenommen würden.
Muss man denn die Fertigung ganzheitlich betrachten, um zu aussagekräftigen Resultaten zu kommen?
Martin: Ja. Misst man den Wert der Simulation nur auf der Projektebene, lässt sich nicht unbedingt der ganze Umfang der Einsparungen erkennen. Doch berücksichtigt man die gesamte Kostenstruktur bis hin zu den späteren Wartungskosten, ist es definitiv kostengünstiger, eine Simulation durchzuführen, bevor man schließlich die Mittel für die Ausführung des Projekts bereitstellt.
Gehen viele Unternehmen so vor?
Martin: Nein. Es gibt vor allem zwei Gruppen. Die einen verfolgen den Inside-Out-Ansatz: Sie arbeiten ressourcenorientiert, während die anderen Firmen Outside-In bevorzugen, also marktorientiert produzieren. Beim Inside-Out produziert eine Firma, so viel sie kann und verlässt sich darauf, dass Marketing und Vertrieb das Produkt schon verkaufen werden. Auf diese Weise arbeiten derzeit die meisten Unternehmen. Fortschrittliche Firmen setzen dagegen auf den Outside-In-Ansatz. Hier wird der Kundenbedarf sehr frühzeitig bereits berücksichtigt. Sie möchten aus dem Blickwinkel des Kunden heraus Mehrwert schaffen, was zu einer strategischen Verbindung zwischen Herstellern, Lieferanten und Endkunden führt.
Wo sehen Sie Siemens positioniert?
Martin: Nach der Übernahme von UGS kündigte Siemens Automation and Drives ein Projekt an, das eine integrierte System-Enginee- ring-Architektur für Produkte und Fertigungsprozesse zum Ziel hat. Hiermit soll eine Umgebung geschaffen werden, in der die Komponenten von Siemens und anderen Anbietern in eine übergreifende Automatisierungs- und Prozesslandschaft integriert werden können. Ich denke, dass dies der richtige Weg in Richtung eines marktorientierten Outside-In-Ansatzes ist.
Wo werden wir in 15 Jahren stehen?
Martin: Wir werden uns weiterhin zu einer ganzheitlichen virtuellen Modellierung bewegen und die Methoden ständig verfeinern. Die Modellbildung wird dabei nicht nur mechanische Komponenten berücksichtigen, sondern auch Netzwerke und das menschliche Verhalten. Wir werden bis in eine sehr späte Projektphase hinein verschiedenste Optionen simulieren können. Dazu sollten mindestens 80 Prozent der Entwicklung virtuell erfolgen. Heute ist es genau umgekehrt. Das ist der wesentliche Wandel, der sich vollziehen wird. Warum wir uns in diese Richtung bewegen? Weil wir in der physischen Welt Fehler machen und damit Zeit und Geld vergeuden. In der virtuellen Welt ermöglicht uns die Simulation Experimente durchzuführen, Fehler zu erkennen und Innovationen auszuprobieren, was schließlich zu einer Optimierung von Produkten und Prozessen führt.
Das Interview führte Arthur F. Pease