Zukunft der Fabriken – Interview
"Arbeiter werden zu Dienstleistern"
Interview mit Günter Voß
Mit einem höheren Automatisierungsgrad und der digitalen Beschreibung von Fabrikprozessen möchten Unternehmen Planungskosten senken, ihre Effizienz und Produktivität steigern, Maschinen besser auslasten und Fehler vermeiden. Doch was bedeutet dies für die Menschen in der Fabrik der Zukunft?
Prof. Dr. G. Günter Voß, 57, Industrie- und Techniksoziologe an der Technischen Universität Chemnitz, erläutert die gesellschaftlichen Auswirkungen der industriellen Digitalisierung
Werden angesichts der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung manuelle Arbeiten in den Fabriken komplett abgeschafft?
Voß: Das hängt davon ab, was man mit "Fabrik" meint: Das Presswerk in einem Automobilwerk mit einem hohen Grad an Automatisierung und nur noch wenig Personal? Das ist etwas ganz anderes als die Montagelinie in der gleichen Industrie, wo es zwar auch inzwischen weniger Personal gibt, der Anteil einfacher manueller Arbeit aber doch noch erstaunlich hoch ist. Manuelle Arbeit wird es also nach wie vor geben: nicht nur im Automobilbau, sondern auch in der Elektroindustrie, etwa bei der Leiterplattenbestückung, der Handymontage oder im Zuschnitt und der Näherei eines Textilunternehmens. Auch im Maschinenbau gibt es bei kleinen Serien nach wie vor Handarbeit, insbesondere wenn Maschinen für jeden Kunden individuell konfiguriert werden müssen.
Ist die Vision einer menschenleeren Fabrik überhaupt realistisch?
Voß: Was es geben wird und mancherorts bereits gibt, sind Teilbereiche komplexer Fertigungen, die mit stark reduziertem Personal betrieben werden. Gelegentliche menschenleere Schichten gibt es in "flexiblen Fertigungssystemen", etwa bei vernetzten CNC-Maschinen, wenn die Abläufe gut standardisierbar sind. Aber auch dort sind immer Menschen im Hintergrund, die einspringen, wenn etwas schief läuft. Menschen, die von einer Zentrale aus die Anlage fahren oder überwachen. Auch wenn man diese Systembetreuer in der Halle selbst nicht mehr wahrnimmt: Bei einem Anlagen-Stillstand sind überraschend viele Menschen mit großer Energie am Werk. Und auf eines möchte ich noch hinweisen: Ein großer Teil einfacher Funktionen ist allein deswegen bei uns in einer Fabrik nicht mehr sichtbar, weil diese weltweit ausgelagert sind. So genannte "verlängerte Werkbänke" bedeuten, dass es manuelle Arbeit nach wie vor gibt – nur eben nicht mehr so viel in den Hochlohnländern.
Mit der Entwicklung der IuK-Technologien sind aber auch in westlichen Industrienationen neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Allerdings nicht ausreichend, um die Massenarbeitslosigkeit auszugleichen. Wird diese weiter steigen?
Voß: Bei neuen Technologien zeigt sich immer: Versuche, mit Automation menschliche Arbeit zu ersetzen, führen häufig wieder zu neuer menschlicher Arbeit. Die Frage ist, was für Arbeitsplätze da neu entstehen. Sehr oft können die durch Rationalisierung freigesetzten Berufstätigen – gerade, wenn es sich um Menschen mit geringer Qualifikation handelt – die neu entstehenden Funktionen nicht ausfüllen. Oft kann daran auch eine Weiterqualifizierung nichts ändern. Dies gilt selbst für Hochqualifizierte. Denn "Humankapital" ist nicht beliebig formbar, da es kein abstrakter Produktionsfaktor ist. Es ist ein Kapital, das an konkrete Menschen mit ihren besonderen Fähigkeiten und ihrem persönlichen Lebensweg gebunden ist. Will man einem Mangel an Fachkräften begegnen, müssen deshalb frühzeitig in ausreichendem Maße Arbeitskräfte mit breiter Qualifizierung ausgebildet werden. Die Einschränkung von Ausbildungskapazitäten oder die Verschlankung von Qualifizierungen auf das aktuell im Betrieb Nötige ist eine Sackgasse. Dies schlägt langfristig, wie man derzeit feststellen kann, auf die Betriebe zurück, die dann über Fachkräftemangel klagen.
Welche Funktionen kommen in der Fabrik der Zukunft dem Menschen zu ?
Voß: Die Domäne für menschliche Arbeit ist zukünftig immer weniger die direkte Beteiligung an der gegenständlichen Fertigung, sondern die Übernahme von indirekten, das heißt steuernden oder überwachenden Aufgaben. Zudem wird "Fabrik" mehr denn je nicht mehr denkbar sein ohne all die Bereiche von Unternehmen, die mindestens ebenso wichtig sind wie die zuverlässige Herstellung der Produkte: Das beginnt bei der Forschung und Entwicklung und dem Produktdesign und geht über die Beschaffung und Organisation bis zum Marketing und Vertrieb. Eine suboptimale Produktentwicklung macht sich beispielsweise nicht selten als massives Problem in der Fertigung bemerkbar. Qualität ist damit eine Funktion, für die alle Bereiche verantwortlich sind und nicht nur die Produktion im engeren Sinne. All dies, also die gesamte Wertschöpfungskette wird immer wichtiger. Kurz: Auch der Facharbeiter in der Produktion muss den Kunden im Blick haben, und er ist dabei nicht mehr nur fleißiger "Werker", der allein seinen Arbeitsschritt kennt. Er muss vielmehr ein Stück weit zum Dienstleister werden, der die Bedürfnisse des Kunden berücksichtigt, etwa wenn es um Qualität geht.
Werfen wir einen Blick ins Jahr 2020: Fachleute sprechen von der miniaturisierten Fabrik oder von einer flexiblen Fertigung mit Losgröße eins – also einer extrem individualisierten Produktion. Wird dann der Kunde selbst zum Beteiligten an den Fabrikationsprozessen?
Voß: Produktionsplanungs- und -steuerungssysteme gibt es inzwischen in vielen Bereichen. Auch wenn die anfängliche Euphorie von Computer-integrated Manufacturing heute viel nüchterner betrachtet wird, schreitet die Entwicklung weiter voran. Interessanterweise wird zur Zeit auch zunehmend versucht, Konsumenten verstärkt in die Produktion zu integrieren: etwa bei der so genannten "Mass Customization”. Dabei sollen Kunden ganz individuelle Produktanforderungen stellen, und sogar, etwa über das Internet, bis in die Fertigung hinein Eingriffe vornehmen können. Ziel ist, technische und organisatorische Verfahren zu entwickeln, mit denen industriell und kostengünstig Produkte gefertigt werden können, die auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten werden. Noch weiter geht das seit kurzem heftig diskutierte "Crowdsourcing". Dabei sollen die Kunden systematisch über das interaktive Web 2.0 mit ihren Wünschen, Ideen und sogar mit aktiven Leistungen, beispielsweise mit Verbesserungsvorschlägen oder Designideen, in Geschäftsprozesse einbezogen werden. Pro-Am-Kooperation nennt man das: die Zusammenarbeit von Professionals und Amateuren – vielleicht sogar bei der Herstellung von komplexen Produkten wie Autos oder Elektronik. Das geht dann deutlich über die Auswahl von Modell-Varianten und Ausstattung hinaus. Das Produkt wird wirklich bis in die Details nach den Wünschen des Kunden gefertigt, und dieser kann dann vielleicht sogar mit direktem Zugriff den gesamten Produktionsablauf in seinem Sinne mit beeinflussen.
Das Interview führte Evdoxia Tsakiridou