Nahtlose Kommunikation – Verkehr
Unbeschwert reisen
Ein zukunftsweisendes Verkehrskonzept, das alle Transportmittel umfasst – vom Auto über die Bahn, vom Flugzeug bis zum Schiff – soll Reisen so einfach und komfortabel wie möglich machen.
Fahrerlose U-Bahn in Nürnberg: Im intermodalen Verkehr sind alle Transportmittel verbunden. Intelligente Bildauswertungssysteme wie der Railcom Manager (unten) sichern Bahnsteige
Hätte Steven Meyer doch nur seinen Reiseassistenten früher eingeschaltet. Nun steht er vor einer Baustelle im Stau. Der Vertriebsleiter für Energiesparmotoren fährt von einem Nürnberger Vorort zu einer Messe nach Paris. Sein Reiseassistent, eine intelligente Anwendung in seinem Mobiltelefon, hatte alles geplant, Tickets für Bahn, Flugzeug und Hotel gebucht. Außerdem hätte er rechtzeitig eine alternative Route vorgeschlagen – wenn er nicht ausgeschaltet gewesen wäre. Nun verpasst Steven den Zug zum Frankfurter Flughafen. Als er die Software aufruft, teilt ihm der Assistent nach kurzer Zeit mit, dass er seinen Flug dennoch erreichen wird. "Das Flugzeug hat zwei Stunden Verspätung", sagt die Stimme. "Du kannst noch einen späteren Zug nehmen. Ich habe Dich schon umgebucht."
Reisen könnte so einfach sein, suggeriert dieses technisch durchaus realistische Szenario. Doch wegen der Brüche zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln ist Reisen oft noch ein Abenteuer. "Die Systemübergänge müssen möglichst fließend gestaltet werden", sagt Friedrich Moninger, Leiter Innovationsstrategie bei Siemens Transportation Systems, "und in einem integrierten Verkehrsmanagementsystem für den so genannten intermodalen Verkehr vernetzt sein." Ein künftiger elektronischer Reiseassistent hätte dann nicht nur alle auf die Reise bezogenen Informationen parat, wie Ankunft, Abfahrt, Verspätungen, Gleis oder Abflug-Gate, sondern zusätzlich auch weitere Komfortdienste wie touristische Hinweise oder Tipps beim Suchen nach Schnäppchen.
Ein einziges elektronisches Ticket. Steven Meyer ist am Vorortbahnhof angekommen und sein Reiseassistent weist ihm den Weg zum nächsten freien Parkplatz. Die Information hat er dem von Siemens entwickelten Parkraum-Managementsystem entnommen, das bereits in vielen Parkhäusern – etwa in München, Toulouse, Oslo und Singapur – installiert ist. Die automatisierte, fahrerlose U-Bahn bringt Steven zum Nürnberger Hauptbahnhof. Bevor er in den Hochgeschwindigkeitszug ICE steigt, schlendert er durch den Bahnhof. Da erinnert ihn sein elektronischer Terminkalender an ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau, und er geht in eine Boutique. Weil er das Geschäft Freunden empfehlen möchte, hinterlässt er ein "Digital Graffiti". Dieser virtuelle Notizzettel "klebt" für alle anderen Passanten unsichtbar an dem Geschäft, geht aber einer der Freunde vorbei, meldet sich dessen Reiseassistent mit der Nachricht von Steven.
Ob Auto, Bus, Bahn, Schiff oder Flugzeug – in der Zukunft des intermodalen Verkehrs wird Reisen durch diese Vernetzung deutlich komfortabler. Jeder kann von zu Hause aus mit einem digitalen Assistenten mobil oder am PC für alle Verkehrsmittel planen und buchen; mit einem einzigen elektronischen Ticket. "Die Fahrt sollte möglichst ohne Gebäude- und Niveauwechsel und idealerweise mit einem Fahrschein und pünktlichen Anschlüssen für die gesamte Reise erfolgen", erklärt Moninger. Über die Sicherheit von Passagieren und Waren wachen vollautomatische Systeme auf der Strecke wie im Flughafen oder Bahnhof. Güter können mit einem elektronischen Frachtbrief problemlos über Landesgrenzen transportiert und jederzeit mit GPS lokalisiert und identifiziert werden. Viele dieser Technologien werden bereits heute eingesetzt. Andere wie der digitale Reiseassistent, Digital Graffiti oder der elektronische Frachtbrief sind noch Zukunftsmusik, während der einheitliche Fahrschein schon bald Wirklichkeit sein kann.
Sie haben Ihren Koffer vergessen! "Heute leisten die Informationssysteme schon sehr viel. Problematisch wird es immer dann, wenn z.B. der Zug nicht fährt und notwendige Informationen nicht dynamisch, also aktuell verfügbar sind", erklärt Moninger. Technisch könne man die Navigationsgeräte schon schlauer machen. Das Problem sei die rechtliche Lage, weil jemand die Verantwortung für die Richtigkeit der Informationen tragen müsse. Das sei bei der Vielzahl der heute auf dem Markt befindlichen unterschiedlichen Kommunikationssysteme, der Endgeräte und Anzeigetafeln mit vielen Formaten und Standards das größte Problem.
Steven stellt in der Boutique seinen Koffer ab. Er ist so mit dem Verfassen seiner digitalen Notiz beschäftigt, dass er ihn stehen lässt. Die von Siemens entwickelte und bereits verfügbare Bildanalyse-Software Railprotect erkennt das herrenlose Gepäckstück automatisch und ordnet es sogar dem Besitzer zu.
Die Software vergleicht auf den Bildern von Überwachungskameras ständig den Abstand zwischen Person und Gepäckstück. Wird der maximale Abstand für eine variabel einstellbare Zeit überschritten, gilt das Gepäck als herrenlos. Das System alarmiert dann die Sicherheitszentrale und veranlasst eventuell einen Abtransport. Die automatische Erkennung per Software ist heute schon so leistungsfähig, dass sie auch an stark frequentierten Orten eingesetzt werden kann. Die Software ist Bestandteil des etwa in Hannover installierten Railcom Managers, eines lückenlosen Netzes aus Informations- und Überwachungseinrichtungen mit intelligenter Bilderkennung und einer sehr hohen Erkennungsrate. Das System ermöglicht mit seinem Alarm- und Vorfallmanagement und einem Call-Center schnelles Reagieren in Krisensituationen.
Zum Glück ist Steven Mitglied bei einem Reiseservice und hat dort seine persönliche Identifikation hinterlegt. Das zurückgelassene Gepäckstück wird ihm daher eindeutig zugeordnet und sein Reiseassistent erhält eine Nachricht. Zum Bahnsteig muss er sich nun beeilen, aber Steven findet trotzdem schnell den kürzesten Weg. Dabei hilft ihm die neu entwickelte Augmented-Reality-Lösung, die auf dem Reiseassistenten durch perspektivisch richtige Einblendung von Pfeilen in das Live-Bild den Weg zum Zielort zeigt.
Bereits heute sind Technologien verfügbar, die eine Orts- und Perspektivenbestimmung auf Grund eines Fotos vornehmen können. Am Bahngleis steigt Steven in den ICE. Eine Weiterentwicklung des ICE 3 ist der Velaro, der schnellste Serienzug der Welt, der seit Mai 2007 zwischen Madrid und Barcelona verkehrt. Selbst bei nur halber Belegung verbraucht er umgerechnet nur etwa 2 l Benzin pro Sitzplatz und 100 km und emittiert damit zwei Drittel weniger CO2 als ein typisches Flugzeug.
Auch den Sitzplatz findet Steven schnell mit Hilfe seines Assistenten, der innerhalb des Zuges mit WLAN-Ortung seine Position lokalisiert. Eine freundliche Stimme dirigiert ihn in die richtige Richtung: "Bitte jetzt nach rechts". Hat er sich seinem Sitzplatz bis auf etwa 3 m angenähert, begrüßt ihn auch schon das Display am Sitz mit "Willkommen Steven!" Dann erscheint ein Begrüßungsbild, wie es in Hotels üblich ist, mit der Auswahl der verfügbaren Filme und Radiosender. Hier kann Steven jetzt auch seine E-Mails ansehen und bearbeiten.
Die Vision von Siemens Corporate Technology: Alle Akteure im Verkehr besitzen stets die aktuellen Informationen. Zentrale Systeme managen den Verkehr und sorgen für eine nahtlose Kommunikation
In Bahntechnik vereintes Europa. Obwohl sein Ticket in der Jackentasche steckt, wird es mittels RFID (Radio Frequency Identification) automatisch entwertet. Er kann nun seine Reise zum Flughafen bei Tempo 300 ungestört genießen; sie wird vom einheitlichen europäischen Zugsicherungssystem Trainguard ETCS überwacht. Es kontrolliert Standort, Geschwindigkeit und Richtung jedes einzelnen Zuges, und bietet damit ein Höchstmaß an Sicherheit und zugleich kürzere Taktzeiten, weil die Züge in kürzeren Abständen fahren können. Steven erreicht seinen Flug pünktlich.
ETCS ist das einheitliche europäische Zugleit- und Zugsicherungssystem, das bereits heute auf verschiedenen Streckenabschnitten im Einsatz ist – z.B. auf der Strecke Madrid-Barcelona, von Amsterdam zur belgischen Grenze oder zwischen Halle und Leipzig. Auch durch den Flughafen lotst ihn sein Reiseassistent direkt zum Einsteigen am Gate. Das Ticket wird beim Einchecken berührungslos erkannt. Steven drückt als registrierter Vielflieger nur seinen Zeigefinger auf einen Fingerabdruck-Scanner. In der Maschine setzt er sich auf seinen Platz und bekommt seinen Lieblingsdrink serviert.
Zum Glück muss er sich keine Sorgen um die Ausstellungsstücke für die Messe machen. Die waren dank des auf dem Hamburger Südbahnhofs installierten Cargo-Managementsystems Vicos CM ebenfalls sicher und pünktlich auf ihrem Weg. "Eine der größten Herausforderungen für den Gütertransport ist die Schaffung eines einheitlichen, elektronischen Frachtbriefs für alle Transportsysteme und Länder, also die Überwindung der technischen und regulatorischen Hindernisse", erläutert Moninger. Eine effektive Steuerung der globalen Transportströme benötigt ein übergreifendes Logistikmanagement, das mit einem GPS-Tracking gekoppelt ist und jederzeit Aufschluss über Identität und aktuellen Standort eines Frachtguts gibt. Heute wird das Thema elektronischer Frachtbrief vor allem durch die US-Sicherheitsbehörden vorangetrieben, die genau wissen wollen, was in jedem Container steckt. Für die EU-weite Harmonisierung ist die European Rail Agency (ERA) zuständig. "Dazu gehört dann auch", erklärt Moninger, "die Harmonisierung grundlegender Techniken wie der Einrichtung von Frachthubs, in denen die Güter problemlos zwischen verschiedenen Transportmitteln wie Schiff, Bahn, Lkw und Flugzeug hin- und herbewegt werden können."
Millionen Transportkilometer hinterlassen Spuren an den Zügen, die möglichst ohne Zeit und Geld kostende Standzeiten repariert oder ersetzt werden müssen. So konzentriert sich Siemens zusammen mit den Bahnbetreibern darauf, vorhersehbare Ausfälle zu vermeiden und die Logistikprozesse anzupassen. Prävention mit Ferndiagnose heißt das Schlagwort. Eine ausgefeilte Ersatzteilversorgung unterstützt anstehende Wartungen. Dies wurde für die von mehreren europäischen Bahngesellschaften eingesetzten über 160 Siemens Eurosprinter ES 64 realisiert: Meldet beispielsweise das Remote-Fehlerüberwachungssystem: "Nach weiteren 5 000 km müssen die Filter ausgetauscht werden", so ermittelt das Ersatzteilsystem automatisch den Lagerort der Ersatzteile und den besten, möglichst ohne Umwege zu erreichenden Ort für den Filtertausch. Zudem beauftragt es den Logistik-Dienstleister mit der Lieferung zum geplanten Zeitpunkt an den Austauschort und den Servicetechniker.
Die weitere Reise nach Paris verläuft nach Plan. Trotz des dichten Autoverkehrs kommt Steven rasch zum Messegelände in Chatelet-Les-Halles. Er nimmt die von Siemens gebaute fahrerlose Metro der Linie 14, die in der schnellsten Taktung etwa alle 100 Sekunden fährt. Auch seine Container mit den Energiesparmotoren sind pünktlich eingetroffen. Die Schnittstellen zwischen den Verkehrsträgern Bahn und Flugzeug haben gut funktioniert. Ob und wann die weitergehende Vision eines integrierten Verkehrs mit seinen kundenfreundlichen Diensten Realität wird, ist noch offen – die Technologien sind jedenfalls schon vorhanden. "Die Vernetzung von Dienstleistungen und Verkehrsmitteln", resümiert Moninger, "ist absolut notwendig, damit der Verkehr in den Ballungsräumen komfortabler, pünktlicher, umweltfreundlicher und möglichst effizient fließen kann."
Harald Hassenmüller